«Basejumpen ist kein Sport»


Kürzlich trainierte Valery Rozov in der Schweiz. Der Russe ist der erfolgreichste Base-Kletterer der Welt. Er kombiniert Alpinismus und Basejumpen, klettert über anspruchsvolle Eis- und Felsrouten auf Gipfel, von denen vor ihm noch keiner mit dem Flügelanzug gesprungen ist. Etwa vom höchstmöglichem Punkt vom Mont Blanc, Petit Dru oder Elbrus. Vergangenes Jahr eröffnete Rozov in der Matterhorn-Nordwestwand das höchste Exit (Absprungstelle) der Alpen.

Seine Erfolgsliste ist lag. Er sprang schon von zahllos vielen Bergen in Europa, Patagonien, Russland, Grönland, Australien, in den USA, im Himalaja und in der Antarktis (siehe Bildstrecke oben). Oft braucht er für den Gipfel-Aufstieg mehrere Tage – für einen Freifall mit dem Wingsuit, der weniger als zwei Minuten dauert. Zwischen 1998 und 2006 gewann Valery Rozov eine Skydiving-Meisterschaft nach der anderen, darunter zwei Welt- und Europameisterschaften. Der 48-Jährige machte bisher über 8000 Skydives und über 1100 Basejumps.

Als er jetzt in Lauterbrunnen trainierte, nutzte ich die Gelegenheit, ihn zu treffen. Ein Erlebnis, das mir nachhaltig in Erinnerung bleiben wird: Von Basejumpern habe ich schon viel gelesen, aber ich war noch nie live dabei, wenn einer abspringt. Also fahren Valery Rozov und ich mit der Gondelbahn von Lauterbrunnen auf die Grütschalp, dann mit dem Zug bis zur Winteregg. Von dort gehts zu Fuss bergab durch den Wald bis zur Basejump-Absprungstelle «High Nose». Seine Ausrüstung – Wingsuit und Fallschirm – trägt er in einem kleinen, flachen Rucksack. Auf dem Weg stelle ich ihm einige Fragen:

Valery, spüren Sie manchmal auch Angst vor einem Sprung?

Natürlich. Ich habe jedes Mal grossen Respekt.

Sie sind verheiratet und Vater von drei Kindern, ihr jüngster Bub ist knapp 2-jährig. Können Sie vom Base-Klettern leben?
Wäre ich alleine, würde es vielleicht knapp reichen. Um meine Familie ernähren zu können, muss ich aber noch arbeiten.

Was arbeiten Sie?
Ich bin bei einem russischen Fernsehsender Produzent für Extremsportarten.

Basejumpen gehört wohl zu den extremsten Sportarten.

Basejumpen würde ich nicht als Sport bezeichnen, sondern als extreme Aktivität.

Beim Exit «High Nose» angekommen, fackelt Rozov nicht lange rum. Er packt sofort seinen Wingsuit aus und zieht ihn an. Von Nervosität keine Spur. Im Gegenteil: Er ist die Ruhe in Person. Wir sind alleine, keine anderen Basejumper weit und breit.

Valery, beim Freifall mit dem Flügelanzug halten Sie die Arme und Beine gestreckt. Zehrt das Kraft?
Nein, da geht es nicht um Kraft, sondern um Technik.

Sein Mobiltelefon klingelt. Seine Frau fragt, wann sie ihn unten beim Landeplatz abholen soll. Sie könne in zehn Minuten dort auf ihn warten. «Okay.» Exklusiv für «alpin Outdoorblog» montiert er eine Filmkamera an seinen Helm (siehe Video unten). Ich will ihn beim Absprung fotografieren. Er warnt mich, dass ich unbedingt parat sein müsse, denn es gehe schnell. Okay. Ich knote mich ans Seil, das beim Exit bereits fix angebracht ist, um soweit wie möglich rauszustehen. Der Fels fällt dort mehrere hundert Meter ab. Valery erklärt, er fliege von hier erst nach links der Felswand entlang und biege dann rechts in die Tal-Mitte ab. Er könne von hier nicht geradeaus springen, da die Felswand auf der gegenüberliegenden Talseite zu nah sei. Pro Meter Fall fliege er hier etwa 2,5 Meter Distanz.

Meine Güte! Ich nervösele leicht, als müsste ich selber da rausspringen, was ich nie und nimmer tun könnte. Hoffentlich geht alles gut. Ich stehe in Position, meine kleine Hobby-Kamera auf ihn gerichtet. Er fragt. «Are you ready?» (Bist du bereit?) Ja, ich bin. Er zählt: Drei. Zwei. Eins. Jump. Weg ist er. Aber so was von weg! Innert einem winzigen Sekundenbruchteil verschwindet er aus meinem Blickfeld. Schneller als ich abdrücken kann. Auf dem Bild, das ich mache, ist er nicht mehr zu sehen! Dann stehe ich ganz alleine da, mehr als verblüfft, schaue die steile Felswand runter, nach links, nach vorne. Von Valery keine Spur. Weg!

Was er erlebt, sehe ich später auf dem Video (siehe unten). Sein Freifall vom «High Nose»-Exit im Lauterbrunnen-Tal dauerte 30 Sekunden. Unten bei der Landestelle empfangen ihn seine Frau und sein kleiner Bub Alexis, der sich solche Extrem-Aktivitäten von seinem Vater gewohnt ist.

Bis ich zurück im Tal bin, dauert es eine knappe Stunde. Valery Rozov holt mich bei der Gondelbahnstation ab, wir fahren in seine Ferienwohnung. Seine Frau kocht ein russisches Gericht. Er zeigt Verständnis, dass Basejumpen nicht bei allen Einheimischen gut ankommt. Lauterbrunnen gilt als Mekka der internationalen Szene, diesen Sommer gab es erneut mehrere Todesfälle. «Es gibt zwar Regeln, aber vielleicht braucht es noch mehr Regeln und einen starken, lokalen Base-Club, der die Situation kontrolliert», sagt er. Im Lauterbrunnen-Tal hat er schon alle bekannten Basejumps gemacht. Jede Absprungstelle sei anders und nicht vergleichbar. «Einzelnen Basejumper fehlt die Erfahrung, um ihren Level und die Schwierigkeit eines Exits richtig einzuschätzen. Es ist sehr einfach, sich zu überschätzen. Aber Unfälle können selbst erfahrenen Basejumpern widerfahren. Das Glück sollte man nicht herausfordern», sagt er.

Valery Rozovs Basejump vom Mont Blanc:

Valery Rozovs Basejump vom Ulvetanna in der Antarktis:

http://www.youtube.com/watch?v=IoOMnGk5Q2U

Valery Rozovs Skydive in den aktiven Vulkan Mutnovsky:

Was ist Ihre Meinung?

8 Kommentare zu ««Basejumpen ist kein Sport»»

  • Winkler sagt:

    valery rozov hangelt sich einfach – wie in einem der filmchen ersichtlich – an fixseilen hoch, um von einer felsnadel zu springen. wirklich eindrücklich ist aber, was dean potter tut: er klettert seilfrei mit schirm am rücken über schwierigste routen wie z.b. „deep blue sea“ in der eiger nordwand und zieht – fall er fällt – den schirm. DAS ist baseklettern oder BASE solo!

    • Lieber Herr Winkler

      Mit Dean Potter war ich war ich soeben zwei Tage unterwegs. Meinen Bericht über ihn können Sie sehr bald hier bei «alpin im Outdoorblog» lesen.

      Bis bald und vielen Dank

      Natascha Knecht (die Bloggerin)

      PS: Valery Rozov und Dean Potter verfolgen völlig unterschiedliche Ziele. Sie sind darum nicht vergleichbar. Etwa wie Apfel und Birne. Ich kenne ja beide persönlich. Und glauben Sie mir, Valery Rozov hangelt sich nicht einfach an Fixselen hoch, er ist ein Top-Alpinist.

  • Ferdi Wegler sagt:

    Mir ist bei der Lektüre und dem ersten Video wieder einmal der Ueli Gegenschatz in Erinnerung gekommen. Es gab eine SF-Reportage, in der Ueli Gegenschatz in Lauterbrunnen da oben war. R.I.P. Ueli und toitoitoi weiterhin Valery Rozov.

  • Carl Just sagt:

    tja, jedem das seine :-).

  • christine schreiber sagt:

    Kein Wunder, dass die Journalistin „nervöselt“ (aufgeregt ist), hat sie sich doch nur mit einem lose um den Bauch geschlungenen Seil „gesichert“. Da braucht es nicht viel, um „so was von weg“ (die Felswand hinunter) zu sein. Ein Erlebnis, das ihr nachhaltig (zahllos viele Jahre) in Erinnerung bleiben würde.

  • R Quindega sagt:

    Wünsche V. Rozov alles Glück der Erde, dass ihm nicht das Schicksal, das Vielen bereits ereilte, nicht widerfährt. Ich halte diese Art von „Aktivität“ unverantwortlich für sich selbst und den nächsten Lieben.

  • Joachim Adamek sagt:

    In jeder Hinsicht einfach nur toll: Typ, Sprünge und Spots. Leute wie Valery Rozov sind wie Sterne, die in der Dunkelheit leuchten.
    Sie machen Mut, wecken Zuversicht. Im Gegensatz zu manchen hochbezahlten Berufsoptimisten, denen nichts anderes einfällt, als noch die schlimmsten Zustände schön zu reden.

  • jörgi sagt:

    Coole Bilder und eindrückliche, alpine Jumps. Wer schon mal auf dem Mont Blanc gestanden ist weiss, dass vom Top nicht gesprungen werden kann. Er sprang am Mont Blanc – am Pilier d’Angle.

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