Verdammter Ironman

Heute begrüssen wir Gast-Blogger *Jan Meyries. Er ist mehrfacher Marathon- und Triathlon-Finisher. Diesen Sommer schwamm, radelte und lief er seinen ersten Ironman in Frankfurt in 10:18:51 h. Erleben Sie hier sein Kopfkino am Wettkampftag.

Freitag

Anreise nach Frankfurt. Startunterlagen abgeholt, Wettkampfbesprechung und Pastaparty besucht.

Samstag

Nach einer erholsamen Nacht im Hotelbett gings direkt zum Frühstück. Danach wieder ausruhen. Gegen 14 Uhr fuhr ich mit dem Shuttle zum Bike-Check-in. Musste wieder feststellen, dass die meisten Triathleten bzw. Ironmänner/-Frauen extremen Hang zum neumodischsten, modernsten, teuersten und schickstem Material haben. Was natürlich auch den Eindruck erweckt, «schnell» zu sein.

Nachdem wir uns am Abend zum letzten Carboloading getroffen hatten, gings wieder ins Hotel. Duschen, ins Bett legen, Glotze an, Wecker stellen (3:30 Uhr) und versuchen einzuschlafen. Das letzte Mal schaute ich um 0:23 Uhr auf die Uhr. Grund dafür war der Regen, der gegen das Fenster prasselt. Ich hoffte, es regne sich aus für Morgen, was laut Agrarwetter.de auch so sein sollte.

Sonntag (Raceday)

Meine innere Uhr oder vielleicht die Angst liess mich um 3:20 Uhr aufwachen. Erste Aktion an dem Tag: Fenster auf und schauen, ob es regnet. Naja, es regnete nicht, aber die Strasse war nass. Temperatur ~ 9°C !!! Egal, kann jetzt eh nichts mehr ändern.

Um 4 Uhr gabs Frühstück (2 Brötchen mit Marmelade und 2 Tassen Kaffee). Gegen halb fünf ging es dann mit anderen Athleten aus dem Hotel an die Bushaltestelle zur Wechselzone 1 (T1) wo schon ungefähr 250 andere Starter standen. Als der Bus kam, war ich auch schon im ersten Gedränge des Tages. Konnte mir aber einen Sitzplatz ergattern. Nach gefühlten 8 Stunden Busfahrt kamen wir  am Langener Waldsee an. Das Thermometer stieg nicht wirklich und ich freute mich auf das 21°C warme Wasser was allerdings noch 90 Minuten dauern sollte.

Bei meinem Rad angekommen, ging es erstmal darum, alles für den Tag vorzubereiten. Verpflegung verstauen, Flaschen dran machen, Helm, Brille und Startnummer befestigen. Windstoppershirt, Radtrikot (mit Regenjacke in der Tasche) und Ärmlinge vor das Rad legen. (Bei 10°C mehr hätte ich mich nicht umgezogen)

Gegen halb sieben gabs dann die Henkersmahlzeit: eine Banane einen Powerbarriegel und knapp einen Liter Wasser.

Schwimmen

Sieben Minuten vor dem Start begab ich mich in das 21°C warme  noch überschaubare Wasser und schwamm bis ca. zwei Meter an die Startlinie ran. Eine  Minute vor dem Start wurde ich von gefühlten 500 Athleten auf ca. zwölf Meter Entfernung nach hinten durchgereicht.

Den Startschuss hörte ich nicht, ich machte einen auf Lemming und schwamm, weil halt alle schwammen. Naja, schwimmen konnte man das auf den ersten 300 Metern nicht nennen, eher ein gepflegtes Kloppen, Drücken, Tunken und der Versuch, die Brille nicht zu verlieren. Nach der ersten Boje hatte ich mich «freigeschwommen» und konnte meinen Stiefel bis zum Landgang fertig schwimmen. Nach dem Landgang hatte ich die ersten 200 Meter Probleme meinen Rhythmus zu finden, was dann aber doch recht einfach ging.

Nach 1:01:36 h waren die 3,8 km  für mich beendet. Leider nicht wirklich zu meiner vollsten Zufriedenheit, ich wäre gerne unter einer Stunde geschwommen, aber aufgrund der Scharmützel zu Beginn wars dann doch noch im grünen Bereich.

T1

Der Weg zu meinem Rad zog sich etwas. Kaum angekommen, entledigte ich mich des  Neoprenanzuges, was sich aufgrund des hohen Pulses und der Tatsache, über eine Stunde in der Horizontalen geschwommen zu sein und jetzt in der vertikalen ruhig stehen zu bleiben als etwas unangenehm erwies. Neo aus, Shirt, Trikot und Ärmlinge an, Helm und Brille auf, Startnummer umgebunden, mein Rad geschnappt und die Wechselzone nach 4:08 Minuten verlassen.

Rad

Am Wechselbalken bin ich, wie 100’000 Mal im Training geübt, aufgesprungen und die ersten zwei Kilometer auf meinen Radschuhen (die bereits eingeklickt waren) kontrolliert losgeradelt. Die Euphorie ist riesig, endlich aus dem Wasser zu sein und die 180 km (meine grösste Angstdisziplin im Vorfeld) in Angriff zu nehmen.

Erster und auch ständiger Gedanke: Bloss nicht überziehen! Die Beine fühlten sich super locker an, der Puls ist auch wieder im grünen Bereich (~150 bpm). Habe dann auch gleich angefangen zu essen, um meinen Energiehaushalt aufrechtzuerhalten. Endlich in den Schuhen, fängts dann auch an zu regnen. Meine Regenjacke hatte ich hinten im Trikot verstaut, was sich später als richtig herausstellte. Trotz der Anti-Aerodynamik entschied ich mich, aufgrund des stärker werdenden Regens die Jacke anzuziehen.

Beim Überfahren einer Bodenwelle in Frankfurt verlor ich einen Grossteil meiner geplanten Wettkampfverpflegung. Was mich am Anfang etwas verunsicherte, da ich sie eigentlich genau auf meine Bedürfnisse ausgelegt hatte. Scheiss drauf. Neun Monate Training wegen sowas jetzt für umme??! NEIN. Also hochkonzentriert an jede Verpflegungsstation ran gefahren und geschnappt, was ich nehmen konnte. Die ersten 120 km hat es auch ganz gut geklappt, allerdings war die Kälte (mittlerweile 11°C und ich klitschnass) doch sehr zermürbend und ich bekam etwas Konzentrationsschwierigkeiten, was dazu führte, dass ich vergass, nach der Getränkeflasche auch noch ein Gel aufzunehmen. Oje, das Kopfkino begann: Was, wenn ich jetzt einbreche? Nur weil ich Idiot eine Sekunde nicht aufgepasst habe??? Alles jetzt doch für’n Arsch?? Ich weiss nimmer, wie lange ich mir darüber Gedanken gemacht habe, auf jeden Fall scheint es etwas länger gewesen zu sein, denn auf einmal war ich schon an der nächsten Verpflegungsstation. Also extra langsam gefahren, Grosseinkauf gemacht und weiter gings.

Der Wind kam irgendwie nur von vorne und ich dachte, es geht nichts mehr. Die Beine fühlten sich an wie Blei. Jetzt kam der Gedanke, wie soll ich denn bitte noch einen Marathon laufen??

Scheiss Ironman!!!

Mittlerweile hatten mich auch knapp 400 andere Athleten überholt. Ich wusste ja, dass ich ein schlechter Radfahrer bin, aber die Zahl erschreckt mich schon im Nachhinein. Irgendwann tauchte dann zum zweiten Mal die Frankfurter Skyline auf, was mich in ein absolutes Hoch versetzte, das aber auch schnell wieder verschwand, da ich mich innerlich bereits auf den Wechsel zum Laufen einstellte.

Da war sie endlich: T2. 500 m vorher, Schuhe auf, raus und locker in einem kleinen Gang nochmal versucht, die Beine locker zu fahren. Nach 5:45:57 h stolperte ich einem Helfer in die Arme. Eigentlich bin ich ganz im Rahmen meiner Möglichkeiten geblieben, ich wage aber heute – mit einem zeitlichen Abstand zum Wettkampf – zu behaupten: Bei besseren äusseren Bedingungen hätte ich etwas schneller fahren können …

T2

Ich gehöre zu den Athleten, denen die Umstellung vom Rad aufs Laufen eher wenig ausmacht. Deswegen konnte ich die ersten Schritte relativ entspannt zu meinem Wechselbeutel ins Wechselzelt laufen. Die nette Helferin leerte ihn auch gleich vor mir auf den Boden, in der Zeit zog ich mein völlig durchnässtes Trikot aus und begutachtete auch meine etwas aufgeweichten Füsse. Egal, trockene Socken und Laufschuhe an, Tri-Top an, Mütze und Gels geschnappt und los ging die Reise auf die letzten 42’195 Meter. Wechselzeit 1:55 Minuten

Laufen

Jetzt kommt meine Disziplin, dachte ich mir. Nur nicht zu schnell anlaufen, brems dich Jan, war mein einziger Gedanke, was bei dieser Atmosphäre die grösste Hürde an dem Tag darstellen sollte. Nach ca. 200 Metern sah ich endlich meine Freundin (für die waren die letzten 9 Monate wohl schlimmer als für mich). Kurz begrüsst und weiter gings. Ich fühlte mich erstaunlicherweise extrem entspannt. Keine Kreuzschmerzen, Beine waren schön locker, lediglich ein bisschen Magengrummeln, was sich aber nach einem Besuch auf dem Dixi schnell verabschiedete. Nichtsdestotrotz musste ich ja noch den Marathon beenden, also an jeder Verpflegungsstation einen Becher Cola und einen Becher mit Wasser.

Die erste von den vier Laufrunden war noch die leichteste, auf der zweiten konnte ich noch lächeln, die dritte sollte psychisch die schwerste werden, emotional die schlimmste war aber die vierte. Gedanken wie «gleich ist es rum» oder «was ist, wenn ich jetzt krampfe und nicht ins Ziel komme?» durchströmten mein letztes bisschen arbeitendes Hirn. Bis zu dem Moment  (Kilometer 39 ), wo ich mein viertes Armbändchen bekam, hatte ich Angst, nicht ins Ziel zu kommen. Nun war dieser Gedanke so was von schnell verschwunden, ich hatte nur noch drei verdammte Kilometer bis zu diesem verdammten Ziel an diesem verdammten Tag. (Übrigens hatte ich zu diesem Zeitpunkt ungefähr wieder 300 Leute eingeholt). Dann kam die Abzweigung zum Zielkanal: nur noch 400 verdammte Meter!!! Ab da hatte wohl auch der letzte Teil meines Hirnes ausgesetzt, denn ich kann mich nur noch an einen roten Teppich erinnern.

Nach 10:18:51 h überlief ich stolz wie Oskar die Ziellinie. Den Marathon konnte ich erstaunlicherweise in 3:25:14 h laufen, was einem Schnitt von 4:51 Minuten pro Kilometer entspricht.

Ja, das wars. Bin froh, dass es rum ist, auf der anderen Seite würde ich schon gerne wieder so etwas machen, allerdings nicht vor 2013. Mein Jahr 2012 wird im Zeichen der Kurz- und Mitteldistanzen stehen.

*Jan Meyries, 32, lebt in Speyer (D) und arbeitet als technischer Redakteur. Wir danken herzlich für diesen Beitrag und gratulieren ihm zum 440. Schlussrang (von 2300 Finishern). Toll gemacht, Ironman!

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