Der fleissigste Gelddrucker der Welt

Produktion von Ein-Dollar-Noten. (Foto: Keystone)

Wer hat seine Geldmenge am meisten ausgeweitet? Im Bild: Produktion von Dollar-Noten. (Foto: Keystone)

Beginnen wir mit einer kleinen Preisfrage: Welche Zentralbank hat im Verlauf der vergangenen fünf Jahre die grösste Ausweitung der Geldmenge, in absoluten Zahlen, in ihrem Währungsraum zu verantworten?

Zur Auswahl stehen:

  • U. S. Federal Reserve
  • Bank of England
  • Europäische Zentralbank
  • Bank of Japan
  • People’s Bank of China
  • Schweizerische Nationalbank
  • Reserve Bank of India
  • Banco Central do Brasil

Die Antwort kommt gleich. Aber zunächst ein Blick zurück, denn die vergangenen zwei Wochen hatten es aus geldpolitischer Sicht in sich.

Am 6. September kündigte die EZB ihr neues «Outright Monetary Transaction»-Programm an (hier die Details dazu), eine Woche später folgte das Fed in Washington mit «Quantitative Easing 3» (hier die Details), und am 19. September folgte die Bank of Japan mit der Ankündigung, ihr unkonventionelles Anleihenkaufprogramm von 70 auf 80 Billionen Yen aufzustocken (hier die Details).

Kommt jetzt schon bald die grosse Inflation? Kaum. Wie Markus Diem Meier bereits in diesem Blogbeitrag argumentiert hat, ist die Furcht vor einem baldigen grossen Inflationsschub übertrieben. Weit bedenklicher sollten zwei andere Faktoren stimmen, nämlich dass erstens Fed-Chef Ben Bernanke bereits wieder drauf und dran ist, irgendwo an den Finanzmärkten eine neue Blase aufzupumpen (mehr dazu in diesem Kommentar) und dass sich zweitens die grossen Notenbanken der Welt auf ein «Race to the bottom» eingelassen haben, indem sie versuchen, ihre Währung gegenüber den anderen zu schwächen. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis auf hoher politischen Ebene das Wort «Währungskrieg» fällt.

(Nachtrag vom 21. September: Es ist bereits geschehen. Guido Mantega, Brasiliens Finanzminister, hat öffentlich von einem Währungskrieg gesprochen – hier die Details dazu.)

An den Finanzmärkten wurde die neue Geldschwemme jedenfalls mit Freude aufgenommen; seit der Ankündigung des Fed hat der S&P-500-Index in den USA knapp 2 Prozent gewonnen, in Europa steht der Euro Stoxx 50 Index seit dem Auftritt Mario Draghis am 6. September um etwas mehr als 5 Prozent im Plus. Der pawlowsche Reflex der Börse auf monetäre Stimuli (mehr dazu in diesem Blogbeitrag) hat sich einmal mehr bewiesen.

Kommen wir also zurück zur Frage, wer der grösste Gelddrucker der Welt ist.

Russell Napier, Investmentstratege des Hongkonger Brokerhauses CLSA Asia-Pacific Markets und Autor des sehr lesenserten Buches «Anatomy of the Bear», hat die folgende Tabelle zusammengestellt. Sie zeigt die breiteste Definition der Geldmenge in 16 ausgewählten Ländern respektive Währungsräumen (Quelle: CLSA):

Die erste Spalte zeigt die Geldmenge im Jahr 2007, in Lokalwährung, in Milliarden. In der zweiten Spalte hat Napier diesen Betrag in US-Dollar umgerechnet, und in der dritten Spalte gibt er den prozentualen Anteil der jeweiligen Währung an der (vereinfacht berechneten) Welt-Geldmenge an. Die US-Dollar-Geldmenge stellte im Jahr 2007 beispielsweise 21,7 Prozent der Welt-Geldmenge, an erster Stelle stand der Yen mit 29,5 Prozent.

Die folgenden fünf Spalten zeigen sodann die aktuellsten verfügbaren Werte: Wiederum zuerst die breit definierte Geldmenge in Lokalwährung, dann umgerechnet in Milliarden Dollar, dann der Anteil an der Welt-Geldmenge. Die beiden letzten Spalten zeigen das Wachstum der jeweiligen Geldmenge in Lokalwährung und in Dollar ausgedrückt. Demnach ist beispielsweise die M3-Geldmenge im Schweizer Franken um 31,4 Prozent von 624 auf 820 Milliarden Franken gestiegen. In Dollar ausgedrückt (weil der Dollar zum Franken kräftig an Wert verlor) stieg die Schweizer Geldmenge um 53,3 Prozent.

So weit, so gut. Bei einem genauen Blick auf Napiers Tabelle wird klar, dass sich die weitaus massivste Bewegung in China abgespielt hat. Dort ist die Geldmenge M2+ von umgerechnet 5,474 Billionen US-Dollar im Jahr 2007 auf aktuell 14,496 Billionen Dollar hochgeschnellt; ein Wachstum von 127,8 Prozent in Lokalwährungen oder 164,8 Prozent in Dollar.

Dagegen ist die M3-Geldmenge im US-Dollar im beobachteten Zeitraum nur um 25 Prozent auf 11,774 Billionen gestiegen, während sich M3 in der Eurozone (in Lokalwährung) sogar nur um 15 Prozent ausgeweitet hat. Fed und EZB mögen in den vergangenen Jahren ihre Bilanz zwar massiv ausgeweitet haben, aber die Zahlen zur breiten M3-Geldmenge zeigen eindrücklich, dass der Grossteil dieser monetären Stimuli gar nicht in der realen Wirtschaft ankommt.

Wird die seit 2007 weltweit neu geschöpfte Geldmenge kumuliert und wird dann eruiert, wer für welchen Teil verantwortlich ist, ergibt sich folgende Übersicht:

Die People’s Bank of China ist gemäss Berechnungen Napiers für nicht weniger 40 bis 45 Prozent der weltweiten Geldmengenausweitung verantwortlich, das Fed kommt bloss auf 10 bis 15 Prozent und die EZB auf 6 bis 10 Prozent (jeweils in Lokalwährungen oder in Dollar gerechnet).

Der weitaus grösste und fleissigste Gelddrucker der Welt sitzt also weder in Washington noch in Frankfurt oder Tokio, sondern: in Beijing.

Wie es dazu kam und was das für die Zukunft der Weltwirtschaft bedeutet, lesen Sie in einer Woche in diesem Blog.