Die ältesten Spekulanten der Schweiz

Arthur Zeller: Herde der Gebrüder Ueltschi vor dem Stall, Boltigen, 1921 Staatsarchiv des Kantons Bern, FN Zeller

Erst mit der Einführung der Stallfütterung und der Eröffnung der Gotthardbahn (1882) verschwand der spekulative Charakter des Viehexports: Herde in Boltigen, 1921 Staatsarchiv des Kantons Bern, FN Zeller.

Viele Leute haben das Gefühl, die Schweiz sei lange Zeit ein rückständiges Land gewesen und erst in den letzten 50 Jahren wohlhabend geworden. So nach dem Motto: Früher waren wir arme Bauern, heute sind wir reiche Banker.

Alles falsch. Erstens hat die Schweizer Bevölkerung schon seit dem späten 19. Jahrhundert ein überdurchschnittliches Pro-Kopf-Einkommen (vgl. diesen Beitrag und diesen Link, v.a. S. 262). Zweitens gehörten einzelne Schweizer Kantone bereits im frühen 19. Jahrhundert zu den am meisten industrialisierten Regionen Europas. Und drittens ist es falsch zu glauben, dass die Schweizer Bauern schon immer konservativ, wirtschaftsfeindlich und arm waren.

Genau das Gegenteil ist richtig. Bereits seit dem Spätmittelalter (14./15. Jahrhundert) waren die in der Zentralschweiz lebenden Viehzüchter äusserst innovativ, ja man könnte sie sogar als die ältesten Spekulanten der Schweiz bezeichnen. Denn im Unterschied zu den Handwerkern, die in Zünften organisiert waren und für den lokalen Markt produzierten, praktizierten die Viehzüchter im «Hirtenland» schon früh einen äusserst anspruchsvollen Exporthandel, bei dem der Preis und die Menge kaum präzis vorausgesagt werden konnten. Man war zur Spekulation verurteilt.

Der spekulative Charakter des Geschäfts ergab sich dadurch, dass die Viehzüchter bereits im Frühling entscheiden mussten, wie viele Kühe und Rinder sie aufziehen würden, während die Verkaufsverhandlungen mit den Mailänder Zwischenhändlern erst im Sommer auf der Alp stattfanden. Wenn die Mailänder weniger Tiere kauften als vorhergesehen, mussten die Schweizer Viehhändler die übrig gebliebenen Tiere im Herbst auf den Märkten im Tessin und Norditalien zu einem günstigen Preis loswerden. Oft gelang das nicht, so dass das Exportgeschäft immer wieder grosse Verluste brachte. Es brauchte ein gutes Gespür für die Märkte, um in dieser Branche zu überleben.

Erst mit der Einführung der Stallfütterung und der Eröffnung der Gotthardbahn (1882) verschwand der spekulative Charakter des Viehexports. Es war nun möglich, den Tierbestand zu steuern, die Preise zu stabilisieren und das ganze Jahr über zu exportieren. Sinnigerweise begann dafür in dieser Zeit die Internationalisierung des Finanzplatzes Schweiz und damit ein neues Kapitel in der Entwicklung der Spekulation. Vor dem Ersten Weltkrieg kam es zur ersten grossen Bankenkrise in der Schweiz. Der Rest ist Geschichte.