Soziale Folgen des Rassismus

Oder: Warum die USA keinen mit Europa vergleichbaren Sozialstaat kennen.

Vorurteile statt Integration: In den USA sind sich die verschiedenen Volksgruppen fremd geblieben. Foto: Keystone

Wieso kennen die USA keinen mit Europa vergleichbaren Sozialstaat? Es liegt am Rassismus. Das ist im Kern die Aussage, die sich aus der Forschung des Ökonomen Alberto Alesina ziehen lässt. Der Italiener, der an der US-Eliteuniversität Harvard gelehrt hat, ist am 23. Mai überraschend im Alter von 63 Jahren an einem Herzinfarkt gestorben. Mit seinen Arbeiten zu hochaktuellen politischen Fragestellungen hat er immer wieder für Aufmerksamkeit gesorgt.

Zum geringen Ausbau der sozialen Abfederung in den USA kam Alesina zusammen mit weiteren Ökonomen in einer Studie zum Schluss: «Amerikas beunruhigende Rassenbeziehungen sind klar ein wichtiger Grund dafür, dass es dort keinen Wohlfahrtsstaat gibt.» Innerhalb der USA sei die Rassenzugehörigkeit der wichtigste Einzelfaktor für die Zustimmung zu Wohlfahrtsleistungen.

Ein Wohlfahrtsstaat hat gemäss Alesina je grössere Chancen, je weniger fremd sich die Einwohner eines Landes empfinden und je verbundener sie sich fühlen. Die Verbundenheit erhöht die Bereitschaft, jene zu unterstützen, die sozial in eine Notlage geraten. Deshalb werden Mitglieder des eigenen Clans oder der Familie am ehesten getragen. Diese Bereitschaft ist bei einer wahrgenommenen Ähnlichkeit auch grösser, weil man im Kern annimmt, dass einem das gleiche Schicksal drohen kann.

Selbstverschuldete Armut erhält weniger Unterstützung

In den USA sind sich aber die Volksgruppen je nach Rassenzugehörigkeit insgesamt fremd geblieben. Das liegt vor allem an anhaltenden Vorurteilen. Zudem sind Nichtweisse weit überproportional unter den Ärmsten vertreten. Wie Alesina und seine Kollegen erforscht haben, ist im Rest der Bevölkerung anders als in Europa die Ansicht verbreitet, dass der Grund für die Armut nichts mit Pech oder Benachteiligung zu tun hat, sondern selbst verschuldet ist beziehungsweise an der Faulheit der Armen liegt. Die Fremdheit und das Vorurteil gegenüber den Benachteiligten haben dann zur Folge, dass die Bereitschaft für sozialstaatliche Institutionen gering ist.

In Europa empfinden die Menschen innerhalb der Länder die Unterschiede untereinander als weit geringer. Deshalb ist die Bereitschaft zur Unterstützung jener in sozialen Notlagen grösser. Alesinas Überlegungen können den grossen Frust der Schwarzen in den USA miterklären: nicht nur, weil sie in Krisen am meisten unter die Räder geraten, sondern auch, weil die negativen Vorurteile ihnen gegenüber ihre Lage noch verschlimmern.