Die Ökonomie des Small Talks

Von Teamgeist bis Innovation: Warum sich mangelnde Plaudermöglichkeiten negativ auf die Unternehmungsleistung auswirken.

Ablenkung? Potential! Ein spontaner Einwurf kann sich zur umsetzbaren Innovation weiterentwickeln. Foto: iStock

Das kurze Plaudern mit Kollegen wird durch das Arbeiten im Homeoffice erschwert bis verunmöglicht. Wer aus geschäftlichen Gründen telefoniert oder per Video an einer Konferenz teilnimmt, wird sich hüten, scheinbar Belangloses von sich zu geben. Doch zu wenig Small Talk ist ökonomisch nicht wünschenswert.

Dieser Austausch hat oft einen hohen Wert: Nicht nur für das Befinden der Beschäftigten, auch für die Unternehmen. Wie belanglos eine Bemerkung ist, zeigt sich erst im Ergebnis eines Austauschs. Ein spontaner Einwurf, vielleicht sogar ein Spässchen, kann sich zu einer wertvollen Idee und umsetzbaren Innovationen weiterentwickeln. Wenn sich alle nur noch das Nötigste mitteilen, wird dieser Wertschöpfungsprozess der Kommunikation geschwächt und ebenso deren Funktion als Entdeckungsverfahren.

Doch wie verschiedene Untersuchungen gezeigt haben, geht der Wert des Small Talks weiter. Darüber lernen sich Mitarbeitende persönlich kennen, es entsteht Empathie und ein grösseres gegenseitiges Verpflichtungsgefühl. Wo die Leistung als Team entscheidend ist, ist das unverzichtbar. Wenn sich alle von Beginn weg nur per Video und Telefon kennen würden und jede Kommunikation strikt aufs Notwendigste beschränkt bliebe, würden sich die Mitarbeiter gegenseitig fremd bleiben.

Gesunder Small Talk vs. schädliches Geplauder

Ein faires Verhalten dem Team gegenüber – etwa durch eigene Beiträge zur erwarteten Teamleistung – wird dann ebenfalls geringer ausfallen. Nicht nur, weil der lockere Austausch das gegenseitige Verpflichtungsgefühls erhöht, sondern auch, weil unfaires Verhalten durch andere Teammitglieder nicht durch Small-Talk-Entzug bestraft werden kann. Wer sich gemobbt fühlt, aber auch Minimalisten werden das Homeoffice deshalb lieben.

Doch den meisten Beschäftigten wird der lockere Austausch fehlen und eben gerade diese persönliche Note der Zusammenarbeit. Und weil sie sich dadurch besser fühlen, sind viele auch leistungsfähiger. Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen, die sich vor einer zu erledigenden Aufgabe ziellos unterhalten haben, diese besser lösen konnten als solche, die schon im Vorfeld gemeinsam Aufgaben zu lösen hatten, und solche, die sich direkt an die Aufgabe gemacht haben.

Zu viel Geplauder ist auch nicht dienlich. Im Homeoffice überwiegt aber die Gefahr, dass es zu kurz kommt. Das ist kein Argument gegen diese Art des Arbeitens, vielmehr dafür, dem Small Talk auch hier angemessenen Raum zuzugestehen.

10 Kommentare zu «Die Ökonomie des Small Talks»

  • Rolf Zach sagt:

    Das wirkliche heutige Management System basiert trotz einer riesigen Bibliothek von durchschnittlichen bis sehr guten Management Lehrbüchern aus folgenden 3 Prinzipien, die alle nicht geschrieben werden, aber trotzdem praktisch in der Mehrheit der Büros das übliche Verhalten sind, gilt besonders für Großbetriebe.
    1. Ich bin darauf konzentriert Intrigen gegen mich zu vereiteln und dabei so zu handeln ohne dabei irgendwelche Grundsätze der Ethik zu befolgen. Der Zeitaufwand ist ein Drittel meiner Arbeitszeit.
    2. Ich bin selbst die Quelle aller bösartigen Intrigen und mir ist dabei jede Moral gleichgültig. Auch hier muss ich einer Drittel meiner Arbeitszeit aufwenden.
    3. Das letzte Drittel meiner Zeit im Betrieb benötige ich um meine eigentliche Aufgabe zu erledigen.

    • Rolf Zach sagt:

      Kommt bei Betriebsangehörigen vor, die vor allem hohe und höchste Kader-Positionen besetzen. Da frägt man sich dann, was im Kapitalismus schief läuft. Vielleicht ist das Home-Office ein Zustand, der diese Seuche ein wenig eindämmt.

  • Tom Haller sagt:

    @Claire: Gönnen Sie sich wieder einmal einen unvoreingenommenen und von Vorurteilen befreiten Blick auf die Welt. Aber Danke für das Geier Sturzflug-Zitat… lange nicht mehr gehört 🙂

  • Claire sagt:

    Bei dutzenden Millionen Neuarbeitsloser dürfte der Small Talk wohl denjenigen, die noch einen Arbeitsplatz haben, bald mal im Hals stecken bleiben!
    Wer zuviel rumquasselt, der dürfte bald mal auf der Abschussliste stehen, draussen warten schon tausende die deinen Job wollen.
    .
    „Wenn früh am morgen die Werksirene dröhnt
    Und die Stechuhr beim Stechen lustvoll stöhnt
    Ja, ja, ja, jetzt wird wieder in die Hände gespuckt
    Wir steigern das Bruttosozialprodukt“
    .
    Geier Sturzflug, 1983

  • Claire sagt:

    An Small Talk hat Frederick Winslow Taylor (1856–1915) vermutlich gar nicht gedacht, als er das Prinzip einer Prozesssteuerung von Arbeitsabläufen entwickelt, die von einem auf Arbeitsstudien gestützten und arbeitsvorbereitenden Management detailliert vorgeschrieben werden und für die der Begriff Scientific Management geprägt wurde.
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    In den Kleiderfabriken von Bangladesh oder in den Lagerhallen von Amazon wurde diese Unsitte von Small Talk durch Totaloutputkontrolle schon massivst unterbunden. Dort muss man sich entscheiden ob man die wenigen frei bleibenden Sekunden pro Tag auf dem Sch…haus oder für Smalltalk hergeben soll.
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    In der Post-Corona-Oekonomie dürfte die Taktfrequenz am Arbeitsplatz wieder massivst erhöht werden, Small Talk gibts daher nur noch beim Feierabendumtrunk!

  • Valerie sagt:

    Ich stimme dem vollkommen zu. Gewisse Arbeiten gehen einfacher im Home Office, aber vor allem das Team kommt gerne zu kurz. Es geht nicht nur um den Small Talk, sondern auch darum, dass es einfacher ist, sich zu erkundigen wie es jemanden geht wenn man auf dem Weg zum Meeting ist, als wenn ich spezifisch jemanden anrufe. Der Anruf hat sofort etwas fast formelles, waehrend die kurze Nachfrage das nicht hat.
    Etwas anderes das ich vermisse, ist die Moeglichkeit die juengeren Mitarbeiter auszubilden, natuerlich geht das auch im Home Office, aber es ist einfacher wenn ich mit jemanden in einen Raum gehen kann und an einer Tafel aufzeigen kann worum es geht.
    Uebrigens, in einer Umfrage in meinem Team wollen vor allem die juengeren Mitarbeiter sobald wie moeglich wieder ins Buero zurueck.

    • Claire sagt:

      „Uebrigens, in einer Umfrage in meinem Team wollen vor allem die juengeren Mitarbeiter sobald wie moeglich wieder ins Buero zurueck.“
      .
      Ist ja logisch, jetzt im Frühling ist die Partnerbörse Arbeitsplatz besonders gefragt, aber auch der TGIF Umtrunk etc. und viele der älteren Verheirateten sind auch ganz froh, wenn sie ihren Ehepartner und die Kinder nicht mehr den ganzen Tag um sich haben.

  • marie sagt:

    also ich vermisse das geplauder gar nicht! konnte in meinen 35 jahren arbeitstätigkeit noch nie so entspannt sowie speditiv meine arbeit erledigen wie während dem homeoffice. leider werde ich mich bald wieder in das zweier büro eingliedern müssen, mit einer arbeitskollegin, die den ganzen tag plaudert, motzt und lästert. mir graut schon jetzt davor. und zum gehört man bei meinem arbeitgeber, wenn da mitmacht. deshalb gelte ich auch nicht als dem team zugehörig; aber meine arbeit ist einwandfrei, was beim mitarbeitergespräch auch immer so mitgeteilt wird. „…aber du könntest dich ruhig ein bisschen mehr ins team integrieren…“ ist meist das schlusswort seit jahren bei meinen mags. ich kann damit hervorragend leben 🙂

  • Anh Toàn sagt:

    „Wer aus geschäftlichen Gründen telefoniert oder per Video an einer Konferenz teilnimmt, wird sich hüten, scheinbar Belangloses von sich zu geben.“

    Warum? Wird er das? Wie unterscheidet sich eine Videokonferenz von einer Sitzung diesbezüglich?

    Ich geh‘ jetzt, mich um das schreiende Baby kümmern…
    (Oh, hätte mich hüten sollen, sowas hier preiszugeben, aber ich beende auch mal geschäftliche e-mails so, oder mit, geh dann jetzt mal segeln oder so:

    Teenager beweisen seit Generationen, dass man belangloses am Telefon reden kann.

    • Claire sagt:

      Anh: Teenager verwenden doch heute viel lieber ihre fast bis zur Unkenntlichkeit verstümmelten Textnachrichten.
      .
      Die echten Grossmeisterinnen des belanglosen Telefonierens sind immer noch die vernachlässigten und gelangweilten Hausfrauen.

Kommentar

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