Ein Freihandelsvertrag mit den USA? Wirklich?

Ungleiche Wirtschaftsmächte: Donald Trump und Ueli Maurer beim Treffen im Weissen Haus im Mai 2019. Foto: Keystone

In der Schweiz sind bilaterale Freihandelsabkommen en vogue. Das hängt damit zusammen, dass sie als wichtige Instrumente zur Exportförderung gelten. Neuestes Ziel ist ein Abkommen mit den USA, welche heute nach Deutschland die zweitwichtigste Exportnation für die Schweiz darstellen. Und wir erzielen mit den USA den höchsten Handelsbilanzüberschuss. Den Exporterlösen von rund 40 Milliarden Franken im Jahr 2018 standen Importe im Wert von «nur» 21 Milliarden gegenüber.

Dieser Handelsbilanzüberschuss beruht zu einem grossen Teil auf pharmazeutischen Produkten. 2018 machten diese rund 53 Prozent der Warenausfuhren in die USA aus. Ihr Anteil an den Exporten in die USA hat sich gemäss dem Branchenverband Interpharma seit 1990 von 8 Prozent auf beinahe 24 Prozent verdreifacht. Angesichts einer dermassen dynamischen Entwicklung würde man gerne in diesem Stil weiterfahren, und da käme ein Freihandelsabkommen gerade recht.

Der Gigant hat das Sagen

Doch was können wir von einem Freihandelsabkommen mit den USA tatsächlich erwarten? Die kurze Antwort lautet: wenig bis nichts. Das Hauptbestreben der USA unter der Regierung Trump besteht darin, die Handelsdefizite mit verschiedenen Ländern abzubauen. Auch die Diskussion um ein Freihandelsabkommen mit der Schweiz muss man unter diesem Blickwinkel sehen. Und da hat gerade die Pharmabranche wenig zu lachen. Der amerikanische Handelsbeauftragte Robert Lighthizer, so wird kolportiert, habe darauf hingewiesen, dass sich Washington überlege, auf Exporte von pharmazeutischen Gütern aus der Schweiz Strafzölle einzuführen.

Ein Freihandelsabkommen, welches den USA passt, wird somit vor allem Exporterleichterungen für US-Firmen bringen. Den Schweizer Unternehmen wird der Markt in den USA unter der jetzigen Regierung aber kaum weiter geöffnet. Wir müssen im Gegenteil froh sein, wenn wir weiterhin exportieren dürfen wie bisher. Denn die USA sind wirtschaftlich betrachtet ein Gigant und die Schweiz ein Zwerg. Und bei Handelsabkommen bestimmt nicht der Zwerg, sondern der Gigant die Marschrichtung.

Machtfaktor wird ignoriert

Dieser Machtfaktor wird in der Ökonomie meist geflissentlich ignoriert. Es wird so getan, als ob alle dieselben Bedingungen haben und nur wirtschaftliche Aspekte relevant sind. Das war schon bei David Ricardo der Fall, welcher vor rund 200 Jahren mit der Theorie der komparativen Vorteile die theoretische Begründung für den Nutzen von Freihandel lieferte. In seinem historischen Beispiel bezog er sich auf einen Freihandelsvertrag zwischen England und Portugal aus dem Jahr 1703. Dieser sogenannte Methuen-Vertrag, benannt nach dem damaligen englischen Aussenminister Paul Methuen, verpflichtete die Portugiesen dazu, das zum Schutz ihrer eigenen Tuchindustrie erhobene Importverbot von englischem Tuch wieder aufzuheben. Die Engländer erklärten sich im Gegenzug dazu bereit, die Zölle für portugiesischen Portwein zu senken.

Dieses Abkommen hätte gemäss Ricardo zu Wohlstandsgewinnen in England und Portugal führen sollen. Doch das war nicht der Fall. Der Vertrag kam einseitig den Engländern zugute. Ihnen gelang es in der Folge, die aufkeimende portugiesische Tuchindustrie zu vernichten und ihr eigenes Tuch in grossem Stil nach Portugal zu exportieren.

Dem Zwerg bleibt zumindest die Wahl

Warum haben die Portugiesen den Vertrag dann überhaupt unterzeichnet? Sie waren in militärischen Konflikten auf die Unterstützung der englischen Flotte angewiesen. In einer solchen Position konnten sie schlecht «Nein» sagen, als ihnen der Methuen-Vertrag zur Unterschrift vorgelegt wurde. Dieser wurde ihnen aufgrund der damaligen machtpolitischen Konstellation von England aufgezwungen.

Was können wir aus diesem historischen Beispiel lernen? Freihandelsabkommen entsprechen nicht immer den Interessen beider Vertragspartner, da sie nur selten in machtfreien Räumen abgeschlossen werden. Die Portugiesen hätten damals besser auf das Freihandelsabkommen mit England verzichtet. Und auch heute ist nicht jeder Freihandelsvertrag ein Fortschritt per se. Das gilt besonders dann, wenn er mit wirtschaftlich mächtigeren Partnern geschlossen wird, deren erklärtes Ziel darin besteht, ihre Handelsdefizite abzubauen.

12 Kommentare zu «Ein Freihandelsvertrag mit den USA? Wirklich?»

  • andy sagt:

    Blackrock steuert den freien Handel quasi und nicht Ueli Schellenursli.

  • Reto Kalbermatten sagt:

    Einen Freihandelsvertrag mit den USA abzuschliessen ist abzulehnen. Erstens ist für die Schweiz Asien, wo die Musik kder Zukunft spielt und Europa, bzw. die EU viel wichtiger und die USA verlieren an Bedeutung, zweitens kann man sich auf sie punkto Worthalten und Fairness nicht mehr verlassen und drittens ist deren Handelspolitik inkompetent und schädlich (Zollpolitik, Handelskrieg mit China, Verhalten gegenüber der EU und den Bündnispartnern usw.). Also Hände weg!

  • Claude Fontana sagt:

    @Zach: „Wie behandelt uns China mit seinem Vertrag über Freihandel mit uns. Wir müssen es genau nehmen mit den Vertragsbedingungen, sie dagegen erlauben sich ihn so zu interpretieren, wie es ihnen opportun erscheint. Wir haben jede Schwierigkeiten mit ihnen, was unser Bundesrat geflissentlich nicht in der Öffentlichkeit diskutieren will.“
    Sie offensichtlich auch nicht, Herr Zach, oder wo nennen sie ein Beispiel?
    Das einzige, wobei China Schwierig tut, ist bei Firmenübernahmen durch Mehrheitsaquisition. Man will dort nicht Assets und Arbeitsplätze verkaufen, wie hier. Was man selber macht, muss man nicht Kaufen. und es wird so gemacht, wie man es haben will. Hier was auf Kundenwunsch zu fertigen, ist abartig teuer. Niemals international Konkurrenzfähig.

    • Rolf Zach sagt:

      Wie ist es mit Nachahmer-Produkten von Schweizer Markenartikel, worunter unsere Industrie leidet. Auch ein Grund, dass die EU noch kein Freihandelsabkommen mit China abgeschlossen hat.
      Sie können in der kleinen Schweiz Firmen aufkaufen, wie es ihnen behagt, aber die Weltmacht China erlaubt solches von Schweizern in China nicht! Vor allem die Patentverletzungen von chinesischen Konkurrenten von in China tätigen Schweizer Firmen mit Produktionsstätten ist eine leidige Sache. Im Gegensatz zu allen demokratischen Rechtsstaaten, gibt es in China keine unabhängigen Gerichte, die sind alle eine Fortsetzung der Politik der Regierung.

  • Claire Deneuve sagt:

    Bei einem solchen „Kolonialvertrag“ mit den Amis haben unsere Rechtsbürgerlichen keine Mühe den zu unterschreiben, im Gegenteil denen läuft da förmlich der Geifer runter wenn sie daran denken.
    Vergessen all die Schlappen die CH Firmen sich schon in den USA holten von ABB, CS, UBS bis hin zur Zurich Financial Services und viele mehr!
    Die Amis freuen sich sicher schon drauf uns einmal mehr über den Tisch zu ziehen. Immerhin müssen wir dann 2020 nicht mehr den Ueli nach Amiland schicken, so devot wie der ist, das war doch nur noch peinlich!

    • Claude Fontana sagt:

      Die USA haben ja auch eine blütenweisse Weste was Vertrags/Abkommens-einhaltung angeht. So wie sich der IWF als Wohltätiger International-investor entpuppt.
      Keiner von den beiden hat je „Predatory lending“ oder Marktöffnungszwang betrieben. (Wer hier Sarkasmus entdeckt, braucht keine Brille)

  • Markus Reichmuth sagt:

    Danke für diesen Kommentar, Herr Marti, da ist m.E. sehr viel Wahres dran. Es braucht halt beides: eine starke Wirtschaft und eine starke Armee, und diesbezüglich haben die USA weltweit immer noch bei weitem die Nase vorn. Wie Sie sagen: ein Winzling wie die CH kann da nur mit Bauernschläue agieren. Wenn man die Pharma-Handelsbilanz mit den USA anschaut, ist vielleicht eben eine Reizschwelle erreicht und ein Prankenschlag der USA nicht erstaunlich. Soft power ist ja gut und recht, funktioniert aber nur, solange sie von den Grossmächten geduldet wird (und die EU ist keine).

  • Rolf Zach sagt:

    Endlich ein Artikel, der auf die Gefahren eines Vertrags über Freihandel einer kleinen Nation mit derjenigen einer großen und mächtigen Nation hinweist. Warum wurde die EU gegründet, weil so relativ mittlere Nationen wie Deutschland, Frankreich und Italien sich bewusst wurden, da sie niemals die Potenz der großen Handelspartner wie den USA und Japan erreichen können.
    Und dies war noch bevor China als neuer riesiger Player auf dem Weltmarkt aufgetreten ist, deshalb haben diese EU-Nationen die Kompetenz über Handelsverträge an Brüssel abgegeben und sie sind dabei gut gefahren. Sogar Polen, dass ständig meckert und der demokratische Seite von der EU am liebsten Schläge austeilt, würde nie diese Kompetenz von Brüssel angreifen.

    • Rolf Zach sagt:

      Wie behandelt uns China mit seinem Vertrag über Freihandel mit uns. Wir müssen es genau nehmen mit den Vertragsbedingungen, sie dagegen erlauben sich ihn so zu interpretieren, wie es ihnen opportun erscheint. Wir haben jede Schwierigkeiten mit ihnen, was unser Bundesrat geflissentlich nicht in der Öffentlichkeit diskutieren will. Die mächtige EU selbst hat Schwierigkeiten mit so Partner wie die USA, China und Indien ein entsprechendes Abkommen zu schließen, aber sie lässt sich eben nicht derart herumschubsen wie dies die Schweiz sich gefallen lässt. Nur Japan ist da einigermaßen fair, deshalb hat die EU und die Schweiz ein Freihandels-Abkommen mit ihnen.

      • Claude Fontana sagt:

        Die EU hat aber aus anderen Gründen ein Problem damit. Vollmitglieder der NATO ->Handeln mit BRICS? da kommt der Hegemon aus dem Westen mit orangem Kopf und erlässt Sanktionen. Der Witz ist, als Importabhängige Nation kann die USA auf nichts wirklich verzichten. Höchstens ihren eigenen Bürgern mehr dafür abknöpfen.

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.