Was ist los in den USA?

Der Lohndruck in den USA ist schwach: Stahlarbeiter während einer Rede von US-Präsident Trump im Juli 2018. Foto: Reuters

Trotz boomender Wirtschaft und tiefer Zinsen befindet sich die offizielle Inflationsrate in den USA immer noch unter drei Prozent. Offenbar ist das Lohnwachstum weiterhin bescheiden, obwohl die offizielle Arbeitslosigkeit seit längerem unter fünf Prozent gefallen ist.

Die folgende Grafik bestätigt diese Vermutung. Die Reallöhne sind zwar in den letzten Jahren gestiegen, aber ihr Wachstum ist keineswegs exorbitant.

Was ist los?

Ein Grund ist sicherlich, dass der Eintritt Chinas in die Weltwirtschaft immer noch dämpfend auf die Weltmarktpreise wirkt. Entsprechend ist es schwierig für Chinas Konkurrenten, Preise und Löhne zu erhöhen.

Der schwache inflationäre Druck in den USA scheint aber auch mit dem Arbeitsmarkt zu tun haben. Es gibt im Privatsektor kaum Gewerkschaften, und es gibt nach wie vor viele Personen, die eine Stelle suchen oder gerne ihr Pensum von Teilzeit auf Vollzeit aufstocken würden. Solange diese Millionen von Stellensuchenden nicht fündig geworden sind, ist der Lohndruck entsprechend schwach.

Die offizielle Arbeitslosenstatistik ist aus diesem Grund unvollständig. Ein besseres Mass ist deswegen das Verhältnis der Erwerbstätigen zur Bevölkerung. Sogleich wird klar, dass die Verhältnisse noch keineswegs normal sind.

Nimmt man noch einen von den Ökonomen David Bell und David Blanchflower konstruierten Index der Unterbeschäftigung hinzu, sind es nicht weniger als drei Prozent der Erwerbstätigen, die mehr arbeiten wollen. (Quelle):

Es herrscht also noch keineswegs Vollbeschäftigung in den USA. Solange das so ist, werden die Löhne nur moderat steigen. Der schwache Inflationsdruck ist weniger rätselhaft, als er auf den ersten Blick scheint.

 

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Nach acht Jahren und 387 Beiträgen ist dies das letzte Posting von Tobias Straumann an dieser Stelle. Wir bedanken uns herzlich für die tolle Zusammenarbeit und wünschen ihm alles Gute. Die Redaktion.