Wie die Schweiz dank tiefer Löhne reich wurde

Harte Arbeit für wenig Geld: Arbeitende im jahr 1896 in der Lebensmittelfabrik bei Maggi in Kemptthal (ZH): Foto: Maggi-Archiv

In der Schweizer Wirtschaftsgeschichte gibt es zwei Phänomene, die auf den ersten Blick kaum miteinander vereinbar sind. Auf der einen Seite setzte die Industrialisierung sehr früh ein. Auf der anderen Seite waren die Löhne lange Zeit niedrig, wie die Zahlen von Roman Studer zeigen (Quelle).

In Ländern wie Grossbritannien, dem Pionierland der industriellen Revolution, war die Entwicklung anders. Die britischen Löhne waren schon zu Beginn der Industrialisierung relativ hoch und stiegen ab Mitte des 19. Jahrhunderts an, als das höhere Produktivitätswachstum die Gesamtwirtschaft erfasste (Quelle).

Image result for robert allen real wages

Auch in Amsterdam verlief die Lohnentwicklung anders als in der Schweiz. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts war das Entgelt besonders hoch, dann sank es. Diese relative Senkung passt aber gut zum Fahrplan der niederländischen Industrialisierung. Anders als in der Schweiz begann dieser Prozess relativ spät.

Das scheinbare Rätsel der schweizerischen Entwicklung löst sich auf, sobald man den europäischen Kontext verlässt und mit Nordostasien (Japan, Südkorea, Taiwan) vergleicht. Auch dort war das Tempo des technologischen Fortschritts hoch, und dennoch blieben die Löhne lange Zeit tief. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der japanischen Löhne im Verhältnis zu den US-Löhnen (Quelle).

Photo

Die Ähnlichkeit der schweizerischen und der japanischen Entwicklung ist keineswegs zufällig. Für beide Länder war eine Billiglohnstrategie die einzige Möglichkeit, um erfolgreich exportieren zu können. Und weil das Angebot an Arbeitskräften reichlich vorhanden war, liess sich diese Strategie auch realisieren. Letztlich war es also die Ressourcenausstattung, die über die Art der Industrialisierung entschied. Dicht besiedelte Länder hatten einen kompetitiven Vorteil gegenüber dünn besiedelten Ländern.

Wie sich der Mangel an Arbeitskräften negativ auswirkte, zeigte sich nirgendwo deutlicher als in Afrika südlich der Sahara. Wie neuere Berechnungen zeigen, waren die afrikanischen Löhne in weiten Teilen des British Empire Ende des 19. Jahrhunderts relativ hoch (Ausnahme Nairobi). Entsprechend war es schwierig, eine industrielle Billiglohnstrategie zu verfolgen – im Gegensatz zu Indien, wo zu dieser Zeit der Aufbau der Textilindustrie begann.

Die Schweiz als Billiglohnland im 19. Jahrhundert zu bezeichnen, hat also durchaus seine Berechtigung. War es deshalb ein armes Land? Das wäre übertrieben. Ein Land, das früh und mit grossem Erfolg industrialisiert, gehört zu den wirtschaftlichen Gewinnern.