Der viel zu schwache Aufschwung

Wie geht es weiter mit der Weltwirtschaft? Container in Southampton, Grossbritannien. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

Die Weltwirtschaft befindet sich endlich wieder im Aufwind. Erstmals seit Jahren verzeichnen alle Industriestaaten und ihre wichtigsten Handelspartner wirtschaftliches Wachstum und steigende Beschäftigungsraten. In keinem Land droht eine Rezession. Die Konjunktur gewinnt an Fahrt. Nach 3,1 Prozent im vergangenen Jahr wird die Weltwirtschaft dieses Jahr bereits 3,5 Prozent wachsen und 2018 voraussichtlich 3,7 Prozent, etwas mehr als noch im Juni angenommen. Das schätzt die OECD in ihrer Herbstprognose.

Chefökonomin Catherine Mann stellte sie diese Woche in Paris vor, zeigte sich aber mit dem Gang der Dinge alles andere als zufrieden. Sie fürchtet, dass das Tempo der Erholung nicht ausreicht, um den Aufschwung mittelfristig abzusichern.

Die Investitionen reichen nicht

Vor allem wird nicht genügend investiert. Seit Anfang 2008, dem konjunkturellen Höhepunkt vor der letzten grossen Rezession, haben die Investitionsausgaben in den OECD-Ländern nur rund 10 Prozent zugenommen. In den drei vorangegangenen Vergleichsperioden erholte sich der Investitionszyklus viel kräftiger: Im Schnitt lag das Investitionsvolumen nach zehn Jahren bei plus 30 Prozent. Die OECD spricht von einer Investitionslücke. Gegenwärtig werde zwar mehr investiert, aber nicht annähernd genug, um die Lücke, die sich in den vergangenen zehn Jahren aufgetan hat, zu schliessen.

Wieso das wichtig ist, zeigt der folgende Chart: Aufgeführt sind die privaten Unternehmensinvestitionen (ohne Wohnbau) und das sogenannte potenzielle Bruttoinlandprodukt (BIP), jener geschätzte Umfang der Wirtschaft, der erforderlich ist, damit genügend Arbeitsplätze vorhanden sind, die Löhne ausreichend steigen und jedes Land seine finanziellen Verpflichtungen erfüllen kann.

 

Von den sieben aufgeführten Industriestaaten hat nur Südkorea das Ziel erreicht und seinen Kapitalstock so weit ausgebaut, dass er den langfristigen Erfordernissen entspricht (in der Grafik gekennzeichnet durch ein schwarzes Dreieck). Bei den anderen – Deutschland, den USA, Grossbritannien, Japan etc. – klafft eine Lücke zwischen 2 und 4 Prozent des potenziellen BIP. In Italien ist die Kluft zwischen dem Ist und dem Soll besonders gross.

Die Grafik zeigt auch, dass die Unternehmensinvestitionen der vergangenen zwei, drei Jahre viel zu gering sind, um in absehbarer Zeit an das erforderliche Potenzial heranzukommen.

Die Globalisierung nimmt ab

Aber es hapert nicht nur am Investitionszyklus. Auch der Welthandel entwickelt sich zu schwach. Gemessen am Wirtschaftswachstum wächst der Handel viel weniger als früher. In den vergangenen Jahrzehnten nahm er ungefähr doppelt so stark zu wie das Welt-BIP. Inzwischen bewegt er sich fast im gleichen Tempo wie das BIP.

 

 

Mann: «Die Globalisierung nimmt ab und nicht mehr zu.» Schuld seien immer mehr offene und versteckte Handelsbeschränkungen sowie zu viele Regulierungen, Steuerbelastungen und rechtliche Unsicherheiten, die ausländische Direktinvestitionen abschreckten. Weniger Handelsdurchdringung heisst in der OECD-Logik, dass die Wachstumschancen für Schwellenländer schwinden, dass weniger Technologietransfer stattfindet, Skalenerträge in geringerem Masse ausgenutzt werden und dass der Wettbewerbsdruck abnimmt. Das geht auf Kosten der Produktivität.

Die OECD schätzt denn auch, dass die Produktivitätsgewinne, die direkt auf den freien internationalen Handel zurückzuführen sind, nur noch halb so gross ausfallen wie früher. Und die geringen Produktivitätsfortschritte sind wiederum die Hauptursache einer weiteren Schwachstelle des gegenwärtigen Aufschwungs: Die Löhne und Einkommen steigen zu wenig.

Die Politik hat versagt

Das bisherige Wachstumstempo reiche also bei weitem nicht aus, um die Weltwirtschaft auf ihren erforderlichen mittelfristigen Wachstumspfad zurückzuführen, konstatiert die OECD. Das ist erstaunlich, wenn man berücksichtigt, dass die Notenbanken im vergangenen Jahrzehnt die Geldschleuse in einem nie zuvor gesehenen Masse geöffnet haben. Sie senkten die Zinsen auf null und darunter. Sie intervenieren direkt an den Kapital- und Kreditmärkten, um sie zu stimulieren. Und all das ohne einen sichtbaren Erfolg?

Die Notenbanken verhinderten mit ihrem Einsatz in der Weltfinanzkrise 2008/09 und der Eurokrise 2010/12 zwar Schlimmeres. Sie bewährten sich als Feuerwehr, indem sie die Brandherde löschten. Aber ihre Ambitionen, auch die Konjunktur aktiv zu steuern, sind gescheitert.

Die OECD macht dies anhand eines interessanten internationalen Vergleichs deutlich. Dank der künstlich tiefen Zinsen sparten die Regierungen viel Geld – gemäss OECD-Berechnung zwischen 0,6 und 1 Prozent des BIP pro Jahr – und hätten diesen finanziellen Spielraum für eine antizyklische, wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitik nutzen müssen. Tatsächlich taten das nur wenige Länder, unter anderen Polen sowie in geringerem Masse auch Deutschland (in der Grafik: hell- und dunkelgrün gefärbt).

 

Die meisten Regierungen verhielten sich hingegen prozyklisch. Sie strichen im Abschwung die Investitionsausgaben, die Ausgaben für Bildung und Ausbildungsprogramme sowie die Sozialausgaben für Familien. Das geschah nicht nur in der Europeripherie, wo die Austeritätspolitik wütete, sondern ebenfalls in Frankreich, den USA, Japan und vielen anderen Ländern.

Es hängt also nicht so sehr von möglichst spendablen Notenbanken ab, ob der Aufschwung Bestand hat, sondern davon, welchen wirtschaftspolitischen Kurs die nationalen Regierungen künftig verfolgen werden. Bleibt zu hoffen, dass die Botschaft der OECD in möglichst vielen Regierungszentralen verstanden wird.