Der unterschätzte Staatsbankrott

Revolution mit Folgen: Ein Stalin-Double posiert neben einem Porträt des sowjetischen Diktators an dessen 126. Geburtstag in Georgien 2005. Foto: Reuters

Hundert Jahre ist es her, seit der Zar vertrieben wurde und die Bolschewisten die Macht in Russland übernommen haben. Im Landesmuseum gibt es dazu eine sehenswerte Ausstellung.

Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich war das Ereignis epochal. Die Bolschewisten implementierten schrittweise ein völlig neues Modell. Beginnend mit dem Fünfjahresplan von 1928 realisierten sie die totale Verstaatlichung und Kollektivierung der Wirtschaft. Der Preis war hoch. In der Ukraine verhungerten Millionen von Bauern, und Hunderttausende fielen den Säuberungswellen der kommunistischen Diktatur zum Opfer. Nur Mao hatte mehr Menschen auf dem Gewissen als Stalin (Quelle der Grafik).

Auch in der Geschichte der Staatsbankrotte nimmt die bolschewistische Machtübernahme einen prominenten Platz ein. Im Februar 1918 wagte es zum ersten Mal eine Regierung, alle Staatsschulden gegenüber dem Ausland einseitig zu streichen. Man kann deshalb diesen Akt auch als grössten Staatsbankrott der Geschichte bezeichnen.

Fast 70 Jahre lang bankrott

Kopf hinter der Schuldenstreichung: Büsten von Lenin in einem Museum in St. Petersburg. Foto: Reuters

Der russische Bankrott ist zudem bis heute der längste Bankrott. Erst 1987 war er formell abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt nahm die Sowjetunion nach Jahrzehnten der Abstinenz erstmals wieder Geld auf den internationalen Finanzmärkten auf. Dafür musste sie eine symbolische Summe bezahlen, um den alten Bankrott endgültig zu besiegeln.

Die Hauptleidtragenden waren die französischen Gläubiger. Sie hatten vor dem Ersten Weltkrieg aus geopolitischen Gründen das Zarenreich grosszügig unterstützt. 1914 befanden sich rund 80 Prozent der russischen Schulden in französischen Händen.

Den Gläubigern dämmerte es zu spät

Interessant ist, dass die Gläubiger lange Zeit nicht wahrhaben wollten, dass es die Bolschewisten ernst meinten. Die folgende Grafik zeigt den Kurs der russischen Staatsanleihe von 1906, die in Paris kotiert war (Quelle). Als im Februar 1918 der Bankrott offiziell angekündigt wurde, stieg der Kurs zunächst. Erst 1920 dämmerte es den Anlegern, dass ihr Geld für immer und ewig verloren sein könnte, und erst Ende der 20er-Jahre drückte sich dieser Pessimismus auch vollumfänglich im Kurs aus.

Warum dauerte es so lange, bis die Gläubiger die neue Realität anerkannten? Ein neues Buch mit dem treffenden Titel «Die Hoffnung stirbt zuletzt» nennt mehrere Gründe. Die Anleger hofften, …

  • … dass die Bolschewisten ihre Meinung ändern würden.
  • … dass der russische Bürgerkrieg (1918–22), an dem sich auch westliche Truppen beteiligten, eine neue Regierung an die Macht bringen würde.
  • … dass Russland auseinanderbrechen würde und die neu entstandenen Länder einen Teil der Schuld begleichen würden.
  • … dass die französische Regierung oder der französische Bankensektor die Gläubiger vergüten würde.

Die Kurse und die zugrunde liegenden Erwartungen der Gläubiger zeigen deutlich, wie lange es dauerte, bis der Westen die Konsequenzen der bolschewistischen Oktoberrevolution verstand. 1933 ging die Zeit der Ungewissheit endgültig zu Ende, als die USA die Sowjetunion anerkannten und diplomatische Beziehungen aufnahmen.