Ein neuer Goldrausch?

Gold bars from the vault of a bank are seen in this illustration picture taken in Zurich November 20, 2014. The "Save our Swiss gold" proposal, spearheaded by the right-wing Swiss People's Party (SVP), aims to ban the central bank from offloading its reserves and oblige it to hold at least 20 percent of its assets in gold. The referendum is scheduled for November 30. The SVP argues it would secure a stable Swiss franc. REUTERS/Arnd Wiegmann (SWITZERLAND - Tags: BUSINESS) - RTR4EWKH

Der Glanz allein kann es nicht sein: Was macht Gold momentan derart attraktiv? Foto: Reuters

Nach einer jahrelangen Baisse ist das Gold plötzlich wieder gesucht. Anfang Jahr lag der Preis bei etwa 1050 USD/Unze, dann stieg er innerhalb von sechs Wochen auf 1250. In Dollar gerechnet, ist der Gewinnsprung von 16 Prozent im ersten Quartal 2016 der höchste Quartalsgewinn seit 20 Jahren.

Seit Mitte Februar hat der Goldpreis nicht mehr zugelegt, aber er ist auch nicht abgestürzt. Im Gegensatz dazu kam es an der New Yorker Börse zu einer Gegenbewegung: Die starken Verluste in den ersten Wochen des Jahres sind wieder ausgeglichen worden.

Die Regel sagt, dass Gold vor allem dann attraktiv ist, wenn Inflationsängste auftauchen. Was für eine solche Interpretation spricht, ist die expansive Geldpolitik:

  • Am 29. Januar gab die Bank of Japan bekannt, dass sie einen negativen Einlagezins einführen werde.
  • Am 10. März kündigte die EZB einen höheren negativen Einlagezins und ein Bankenkreditprogramm an.
  • Am 16. März verzichtete das Fed auf eine Zinserhöhung und dämpfte Erwartungen auf eine baldige Normalisierung der Geldpolitik.

Was aber gegen die Sicht spricht, ist die Chronologie: Der Goldrausch war Mitte Februar abgeschlossen, d. h. vier Wochen vor dem Fed-Entscheid. Des Weiteren besteht die Befürchtung, China werde bald die Währung abwerten. Das würde bei uns die Importpreise drücken und damit das Inflationsrisiko senken. Und drittens hat sich seit längerem die Meinung etabliert, dass die Erhöhung der Zentralbankbilanzen mittelfristig keinen Inflationsschub auslösen wird. Dazu müsste ein kräftiger Aufschwung einsetzen, aber ein solches Szenario ist unwahrscheinlich.

Eine andere Interpretation sieht die Ursache in den Negativzinsen. Gold ist zwar nicht zinstragend, aber wenn das Papiergeld mit Negativzins belastet wird, lohnt sich das Halten von Gold. Aber auch diese Erklärung ist schwer vereinbar mit der Chronologie. Die EZB hat bereits im Juni 2014 mit der Einführung von Negativzinsen begonnen. Und das Fed hat bis heute keine Negativzinsen.

Eine dritte Erklärung lautet, dass der Anstieg des Goldpreises einen markanten Vertrauenseinbruch widerspiegle. Die Anleger hätten realisiert, dass die expansive Geldpolitik nicht temporär, sondern auf unbestimmte Zeit bestehen bleibe. Wir stünden sozusagen an einer Epochenschwelle: Die Ära der permanenten Finanzrepression habe begonnen. Die Enteignung der Vermögen über Negativzinsen sei nur der Anfang, viele weitere Massnahmen – wie z. B. Bargeldverbot – würden folgen.

Diese Sicht ist vor allem in Deutschland verbreitet, wo die Kritik an der Geldpolitik der EZB stark zugenommen hat. Sie überzeugt aber auch nicht wirklich. Wenn dies stimmen würde, müsste der Anstieg des Goldpreises weiter anhalten.

So ist wahrscheinlicher, dass die Erholung des Goldpreises ein zyklisches Phänomen ist. Der Goldpreis ist auf ein Niveau gesunken, bei dem es attraktiv ist, zuzukaufen. Vor allem ETF-Investoren haben die Kaufgelegenheit wahrgenommen.

Dennoch ist klar: Der Goldpreis ist für die Beurteilung der makroökonomischen Situation wieder relevant geworden.