«Das politische Desaster Europas» – eine Replik

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Warum nicht den Euro als Landeswährung für die Schweiz übernehmen? Unabhängig von der Europäischen Zentralbank in Frankfurt sind wir sowieso nicht. Foto: Keystone

Am Montag hat Markus Diem Meier hier einen Blogbeitrag mit dem Titel «Das politische Desaster Europas» publiziert. Darin diskutiert und kritisiert er die Stellungnahme, die Marco Curti als Mitglied des Club Helvétique publiziert hat. Diem Meier vermisst vor allem die politische Dimension in Curtis Papier: «Der schlimmste Mangel an Curtis Papier besteht darin, dass er die politische Dimension weitgehend unberücksichtigt lässt. Das ist umso bemerkenswerter, als wir ihre Bedeutung in den letzten Tagen wieder eindrücklich demonstriert bekommen haben.»

Hier ist die Replik von Marco Curti*:

Der Schweizer Finanzmarkt ist in den letzten Jahren immer mehr zum Spielball internationaler Kapitalströme geworden. Die kleine Schweiz offeriert internationalen Investoren den Franken als Diversifikationswährung, ein «netter Service» wie Prof. Thorsten Hens jüngst schrieb, «an dem sie (die Schweiz) letztlich erstickt». Prof. Hens selber schlägt als Ausweg eine Spekulationssteuer von 10 Prozent für ausländische Anleger vor – ein Vorschlag, den man diskutieren könnte, erscheint mir aber auf den ersten Blick operativ schwierig umzusetzen. Warum in dieser Situation nicht das Undenkbare zu denken wagen, die Übernahme des Euro als Landeswährung – unabhängig davon, ob dies hier und jetzt eine Mehrheit findet.

Es stellt sich nämlich die Frage: Lohnt sich das Führen einer eigenen, nur scheinbar unabhängigen und hoch volatilen Währung für den Kleinstaat Schweiz noch, ist es die Aufgabe der Schweiz, den internationalen Kapitalströmen einen sicheren Hafen zu bieten, eine Funktion, die dem Land mehr Schaden als Nutzen bringt?

Zwei Währungsschocks, deutliche Negativzinsen und eine aus dem Lot geratene Bilanz der Schweizerischen Nationalbank (SNB) sind die Folgen dieser «safe haven»-Funktion unserer Währung. Das führt zu grossen Belastungen der Schweizer Volkswirtschaft, nicht nur für die Export- und Tourismuswirtschaft, sondern auch für die inländischen Banken und die Altersvorsorge. So fällt es mir schwer, den volkswirtschaftlichen Nutzen von Negativzinsen zu sehen. Bisher hatten wir einen Zinsvorteil, dieser hat sich bei Negativzinsen in einen Nachteil verwandelt. Sofern es sich nicht nur um ein sehr kurzfristiges Phänomen handelt, dürften die inländischen Banken und die zweite Säule stark darunter leiden. Möglicherweise sind wir nun an einem Punkt angelangt, wo ein «Zuviel des Guten»(=Kapitalflüsse in die Schweiz, starke Währung) mehr Schaden als Nutzen stiftet.

Von einer wirklichen Unabhängigkeit der schweizerischen Geldpolitik kann man in dieser Konstellation auch nicht sprechen. Kürzlich hat dies Professorin Hélène Rey in der NZZ  in Bezug auf die Schweiz so formuliert, dass «sich bei freiem Kapitalverkehr und flexiblen Wechselkursen die Politik von Fed und EZB so (…) auswirken, dass die eigene Geldpolitik nicht mehr wirklich frei ist». Die Schweizer Währung ist schlicht und einfach zu klein und die Schweiz zu abhängig vom Euroraum, um währungspolitisch einen eigenständigen Kurs zu fahren. Wenn nur ein kleiner Teil der Anleger aus den grossen Währungsblöcken Euro und US-Dollar aus spekula­tiven Motiven oder aus Sicherheits­über­legungen Gelder in den «safe haven» Schweiz umschichtet, dann hebt dies entweder die SNB-Bilanz oder die Schweizer Wirtschaft aus den Angeln. Eine unab­hän­gige Geldpolitik ist in beiden Regimes nicht mehr möglich, obwohl dies bei freien Wechsel­kursen eigentlich der Fall sein sollte. Die SNB konnte vor, während und nach der Anbindung an den Euro zum Beispiel die Zinsen nicht auto­nom an­heben, um die Blase am Immo­bilienmarkt einzudämmen.

Es wird nun argumentiert, dass der starke Franken der Grund für den Wohlstand der Schweiz sei. Hier verwechselt man wohl Ursache und Wirkung. Die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten sehr vieles sehr richtig gemacht. Deshalb geniesst sie einen hohen Wohlstand. Zu den Erfolgsfaktoren gehören unter anderem eine unabhängige Zentralbank, eine tiefe Inflationsrate, tiefe Zinsen und vor allem eine Vielzahl von Realfaktoren (hohes Humankapital, Innovationskraft, internationale Ausrichtung, Sozialpartnerschaft etc.). Die starke Währung war vermutlich eher das Resultat als die Ursache für diese positive Entwicklungen, sie hat aber diese Entwicklung verstärkt.

Interessant ist allerdings, dass es auch Regionen innerhalb der Eurozone gibt, die ebenfalls ein sehr hohes Entwicklungs- und Wohlstandsniveau, tiefe Arbeitslosigkeit und hohes Wachstum aufweisen, obwohl man dort das angebliche Zaubermittel «Schweizer Franken» nicht hat. Dies gilt insbesondere für Baden-Württemberg und Bayern, die ökonomisch nur wenige Differenzen zur Schweiz aufweisen.

Nun zum finalen «Killerargument» gegen einen Eurobeitritt: die Eurozone fällt wegen ihrer Geburtsgebrechen ohnehin bald auseinander, ein Beitritt ist also sinnlos und kontraproduktiv. Es ist unbestritten – auch von mir –, dass der Euro an einigen Geburts- und Konstruktionsfehlern leidet. Im Nachhinein lässt sich da­rüber räsonieren, ob der Euro möglicherweise zu früh eingeführt wurde und die wirtschaftliche Inte­gra­tion noch nicht so weit war, dass nicht alle Mitgliedsländer reif für den Euro gewesen seien, dass ge­wisse Eintrittsbedingungen für gewisse Länder zu grosszügig aus­gelegt wurden … es sind dies aller­dings müssige Einwände! Einmal eingeleitet, ist die Schaffung einer Einheitswährung ein praktisch irrever­sibler Prozess. Ankreiden kann man auch, dass es keine Kongruenz zwischen der Geldpolitik auf europäischer Ebene und der Wirtschafts- und Fiskalpolitik der einzelnen Länder gibt und gab, das müsste man allerdings jetzt formulieren. Die Eurozone hat enorme Fortschritte in der Eliminierung der wirtschaftlichen Zentrifugalkräfte erreicht. So haben sich die Leistungsbilanzdefizite selbst der Peripherieländer – DER ökonomische Indikator für ungleiche Entwicklung – praktisch ausgeglichen (s. Chart), die Schere bei den Lohnstückkosten schliesst sich allmählich (s. Chart) und die Budgetsituation hat sich signifikant verbessert (s. Chart).

Chart 1 zu Replik auf TA Blog Chart 2 zu Replik auf TA Blog Chart 3 zu Replik auf TA Blog

Dieses Jahr dürfte nun auch das Wachstum endlich an Fahrt gewinnen und sich so die Verschuldungslast verringern. Dies dank der Bemühungen der Europäischen Zentralbank (EZB), die dramatische Bilanzschrumpfung zwischen 2012 und 2014 um ein Drittel durch Käufe von Staatspapieren zu kompensieren. Es sei hier erwähnt, dass von allen grossen Zentralbanken (inklusive SNB) die EZB bei weitem die geringste Bilanzausdehnung verzeichnete und somit auch das geringste Inflationspotenzial geschaffen hat. Statt einer Vervielfachung der Bilanzsumme schrumpfte die EZB-Bilanz in den letzten Jahren. Dies mit dem Resultat, dass die Kredittätigkeit des Bankensystems lahmte und der Euro gegenüber dem US-Dollar bis im Sommer 2014 eine Überbewertung von 15 bis 20 Prozent aufwies. Jetzt ist er etwa knapp bei der Kaufkraftparität angelangt, und das Kreditwachstum zieht wieder an.

Den Abgesang auf den Euro wird man wohl vertagen müssen. Die Schweiz sollte sich auf eine wiedererstarkende Eurozone einstellen. Die wichtigen Entscheide für die Schweiz werden in Europa gefällt, auch geldpolitisch. Es ist Ausdruck einer falsch verstandenen Unabhängigkeit, dort nicht mitzumachen, wo über das eigene Schicksal entschieden wird.

NMTM_Port_150* Marco Curti ist unabhängiger Finanzexperte. Er war über 30 Jahre in der Finanzindustrie tätig, zuerst als Finanzanalyst und Fondsmanager, dann als Leiter der Researchabteilung und Anlagechef bei der ZKB.