Die (un)heimliche Stabilität der Schweizer Wirtschaft

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Die Wachstumszentren sind die gleichen geblieben: Ein Uhrmacher von Hublot bei der Arbeit. Foto: Keystone

Wie stark hat sich die Schweizer Wirtschaft seit dem Mittelalter verändert? Komplett, mindestens auf den ersten Blick. Wo früher Pflüge hin und her gezogen wurden, stehen heute Fabriken und Büros. Vor 500 Jahren arbeiteten 90 Prozent in der Landwirtschaft, heute weniger als 5 Prozent. Die Produktivitätsfortschritte sind atemberaubend.

Sobald man aber die Regionen und ihre relative Wettbewerbsfähigkeit betrachtet, sieht alles ganz anders aus. Es herrscht eine geradezu unheimliche Stabilität. „Plus ça change, plus c’est la même chose.“

Die Gebiete der heutigen Schweiz waren nämlich vor 1000 Jahren Teil des sogenannten Städtegürtels, der sich von Norditalien über und um die Alpen bis nach Südengland erstreckte und als Motor der europäischen Wirtschaft fungierte. Die Karte zeigt die wichtigsten Handelsverbindungen im 13. Jahrhundert (Quelle):

Dank dieser vorteilhaften Lage entwickelten sich die Städte der heutigen Schweiz zu international vernetzten Handels-, Finanz- und Gewerbezentren. Ab dem 16. Jahrhundert erlebten das Textilgewerbe und die Uhrenproduktion einen grossen Aufschwung, nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Die Kaufleute kauften Rohstoffe ein und brachten sie zu den Bauernhaushalten im Voralpengebiet und im Jura, wo die landwirtschaftlichen Erträge gering waren und die Familien deshalb auf zusätzliches Einkommen angewiesen waren. Es entstand eine grossflächige Heimindustrie auf dem Lande.

Im 18. Jahrhundert erreichte diese Heimindustrie ein im europäischen Vergleich besonders grosses Ausmass. Die folgenden Karten aus dem Jahr 1785 zeigen die Verteilung der ländlichen gewerblichen Produktion:

  • Im Norden und Osten dominierte die Baumwollverarbeitung (violett).
  • Im Westen verbreitete sich die Uhrenindustrie mit Genf als Zentrum und dem Jura als Ausläufer (grün).
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  • Die Seidenproduktion war in der Region Basel, um Zürich und in Teilen der Zentralschweiz verbreitet (sandfarben).
  • Die Leinenherstellung war am Bodensee und im Bernischen heimisch (rot).
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Die regionale Verteilung sieht sehr vertraut aus. Denn heute sind es genau dieselben Gebiete, welche die Schweizer Wirtschaft vorantreiben. Es gibt offenbar eine direkte Linie von den Verhältnissen im Mittelalter zur Gegenwart:

  • Dort, wo früher Baumwolle gesponnen und gewoben wurde, ist heute die Maschinenindustrie ansässig.
  • In der Region Basel, wo früher Seidenbänder für die Haute Couture hergestellt wurden, ist heute die Chemie.
  • Im Jurabogen ist seit Jahrhunderten die Uhrenindustrie tätig (Quelle: Bundesamt für Statistik).

Nur die Leinenherstellung hatte keine langfristigen Folgen. Das erwies sich für die Wirtschaftsgeschichte Berns als fatal, während die Ostschweiz den Niedergang der Leinenproduktion mit der Baumwollverarbeitung auffangen konnte. Auf der anderen Seite sind neue Branchen dazu gekommen: die Lebensmittelindustrie, der Tourismus und die Finanzdienstleistungen.

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Kurz und gut: Aus der langfristigen Perspektive weist die Schweizer Wirtschaft eine kaum bekannte Stabilität auf. Die Wachstumszentren sind seit 1000 Jahren mehr oder weniger dieselben geblieben. Das gibt Anlass zu Optimismus: Ein Wirtschaftsraum, der seit Jahrhunderten dynamisch ist, dürfte nicht von heute auf morgen schrumpfen oder verschwinden – trotz aller Unkenrufe seit dem 9. Februar 2014.