Die globale Ungleichheit in 10 Charts

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Verschärfte Gegensätze: Junge Frauen posieren mit einem Obdachlosen in New York. Foto: Reuters

Das Thema Ungleichheit bewegt die Gemüter. In zahlreichen Ländern floss im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte ein immer grösserer Teil der Einkommen an die obersten Schichten der Bevölkerung.

Mit dem Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty, «Capital in the Twenty-First Century», hat die Diskussion an Dynamik gewonnen. Mein Kollege Markus Diem Meier hat Piketty und sein Werk bereits in diesem äusserst lesenswerten Blogbeitrag eingehend vorgestellt.

Für ein Mal beschränke ich mich in diesem Beitrag auf wenig Worte und lasse einige Grafiken sprechen. Alle stammen aus der faszinierenden World Top Incomes Database, die Piketty zusammen mit seinen Kollegen Emmanuel Saez und Anthony B. Atkinson aufgebaut hat.

Sie haben von 28 Staaten die Einkommensverteilung der Bevölkerung über Zeiträume von teilweise mehr als hundert Jahren erhoben und katalogisiert. Wo immer möglich haben sie dabei auf offizielle Daten der Steuerbehörden zugegriffen.

Beginnen wir mit einem unverdächtigen Beispiel: Schweden.

Die folgende Grafik zeigt den prozentualen Anteil der gesamten Einkommen, den die bestverdienenden 1 Prozent des Landes erhalten (seit 1947):

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Aktuell sind es etwas mehr als 7 Prozent. Das heisst, die reichsten 1 Prozent verdienen 7 Prozent der Einkommen in Schweden. In den frühen Achtzigerjahren waren es bloss 4 Prozent.

Jetzt wird’s spannender: Italien (Daten seit 1974):

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Dort absorbieren die bestverdienenden 1 Prozent rund 9,5 Prozent der gesamten Einkommen. Auch in Italien war der niedrigste Wert in den frühen Achtzigerjahren zu verzeichnen.

Nehmen wir mal etwas Exotischeres: Kolumbien (Daten seit 1993):

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Dort entfallen mehr als 20 Prozent der Einkommen auf die reichsten 1 Prozent.

Hier der guten Ordnung halber, damit sie nicht beleidigt sind, noch Frankreich (seit 1946):

NMTM_Piketty_France

Insgesamt gesehen eine relativ stabile Entwicklung, mit Extremwerten zwischen 7 Prozent und knapp 10 Prozent der Einkommen, die an die bestverdienenden 1 Prozent gehen.

Ein eindrückliches Bild zeigt Japan (Daten seit 1886):

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In der Ära vor dem Zweiten Weltkrieg war Japan eine relativ ungleiche Gesellschaft, in der rund 20 Prozent der Einkommen an die reichsten 1 Prozent gingen – analog zu Kolumbien heute.

In den Jahrzehnten nach dem Krieg herrschten in Japan dagegen schwedische oder französische Verhältnisse, mit einem Anteil zwischen 7 und 10 Prozent, der an die «Top 1%» geht.

So, und jetzt kommen wir zur Schweiz (Daten seit 1933):

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Aktuell verdienen die «Top 1%» etwas mehr als 10 Prozent der gesamten Einkommen in der Schweiz, was deutlich mehr ist als in Frankreich oder Schweden. Das Band verläuft allerdings recht stabil; in den Achtziger- und frühen Neunzigerjahren gingen rund 8,5 Prozent an die reichsten 1 Prozent.

Die nächste Grafik zeigt den Anteil der Einkommen in der Schweiz, der an die bestverdienenden 10 Prozent geht:

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Ihr Anteil ist seit den frühen Neunzigerjahren von unter 30 Prozent auf aktuell etwas über 33 Prozent gestiegen.

Erhellend ist die Betrachtung des Einkommensanteils in der Schweiz, der an die bestverdienenden 0,1 Prozent des Landes geht:

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Dieser Wert ist seit den frühen Neunzigerjahren signifikant angestiegen und beträgt gegenwärtig gut 4 Prozent. Mit anderen Worten: Die 8000 bestverdienenden Personen in der Schweiz absorbieren mehr als 4 Prozent der gesamten Einkommen im Land.

Und nun kommen wir zu den USA.

Die folgende Grafik zeigt wiederum den Einkommensanteil der bestverdienenden 1 Prozent der Vereinigten Staaten (seit 1913):

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Die rote Kurve zeigt den Einkommensanteil der «Top 1%». Die blaue Kurve zeigt den Einkommensanteil dieser Gruppe inklusive Kapitalgewinne.

Von allen gezeigten Ländern hat sich in den USA in den letzten drei Jahrzehnten die eindrücklichste Entwicklung abgespielt: Seit den frühen Achtzigerjahren ist der Einkommensanteil, der an die bestverdienenden 1 Prozent der Bevölkerung geht, von 8 Prozent auf aktuell fast 20 Prozent angestiegen. Werden die Kapitalgewinne einbezogen, beträgt der Anteil gut 22 Prozent.

Das ist ein Mass an Ungleichheit, wie es sonst nur in Staaten wie Kolumbien zu beobachten ist und entspricht dem höchsten Wert seit Ende der «Roaring Twenties», kurz bevor die Grosse Depression ausbrach.

Und hier der schönste Chart:

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Er zeigt den Einkommensanteil, der in den USA an die bestverdienenden 0,1 Prozent der Bevölkerung geht (blau wiederum mit Kapitalgewinnen). Der Wert hat sich seit den späten Siebzigerjahren mehr als vervierfacht, von unter 2 auf knapp 9 Prozent, respektive gut 11 Prozent mit Kapitalgewinnen.

Die 314’000 bestverdienenden Amerikanerinnen und Amerikaner erhalten mehr als 9 Prozent der gesamten Einkommen im Land.

Food for Thought.

Hier noch ein Thema in eigener Sache: In diesem und diesem Blogbeitrag haben wir bereits auf die wachsende Kreditblase in China hingewiesen. Michael Pettis, Finanzprofessor an der Universität Peking, erklärt in diesem ausgedehnten Interview, das meine Kollegin Elisabeth Tester mit ihm geführt hat, wie es um Chinas Wirtschaft steht und wo die Gefahren lauern.

Und hier noch eine Frage aus unserer «Chart des Tages»-Reihe: Welches ist die bislang heftigste Aktienbaisse (einer namhaften Börse) aller Zeiten? Hier die Antwort.