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Beiträge mit dem Schlagwort ‘Deutschland’

Özil und die Doppelmoral der Öffentlichkeit

Guido Tognoni am Montag den 23. Juli 2018
Nachspielzeit

Im Sport gelten anscheinend andere Massstäbe als in der Politik: Mesut Özil an der WM 2018. Foto: Facundo Arrizabalaga (Keystone)

Nun hat Deutschland die Bescherung: Mesut Özil ist aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, dies mit ziemlich viel Getöse und heftigen Angriffen gegen den Präsidenten des Deutschen Fussball-Bundes, Reinhard Grindel. Damit hat Özil im Land des gescheiterten Titelverteidigers einen Katastrophenalarm ausgelöst, der noch einige Zeit anhalten wird. Wir erinnern uns: Özil hatte mitten im Wahlkampf zusammen mit seinem Mitspieler Ilkay Gündogan einen Fototermin mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Im Vergleich zu den Auswirkungen dieses Bildes und dem wohlvorbereiteten Rundumschlag Özils ist die helvetische Doppeladler-Affäre ein laues Sommerwindchen.

Wenn es noch den Beweis brauchte, dass Sport längst nicht mehr von der Politik zu trennen ist, wurde dieser mit dem Özil-Eklat wieder einmal geliefert. Ob Fototermine mit einem umstrittenen ausländischen Staatschef zum Pflichtenheft eines deutschen Nationalspielers mit türkischen Wurzeln gehören, ist eine Frage des politischen Geschmacks. Seltsam ist allerdings, welche Massstäbe wieder einmal beim Sport angelegt werden, Massstäbe, die ansonsten in der Tagespolitik überhaupt keine Rolle spielen. Erdogan wurde zwar einigermassen demokratisch gewählt, er geht aber mit Oppositionellen im eigenen Land in einer Weise um, die mit einem rechtsstaatlichen Verständnis absolut unvereinbar ist. Erdogan ist allerdings nicht der einzige Staatsführer, der das macht. Auch in Russland und in China beispielsweise leiden Oppositionelle gleichermassen, unter afrikanischen und arabischen Despoten-Regimes ist das ebenso der Fall.

Das hindert aber die Politiker – auch Schweizer Bundesräte – nicht daran, solchen Staatsführern zu hofieren und ihnen mit einem Tross von industriellen Interessenvertretern zu Füssen zu kriechen, wie das etwa bei China oder Saudiarabien der Fall ist. Was Fussballer gefälligst unterlassen sollen, das dürfen die Politiker. Fussballern kann man notfalls politische Unbedarftheit anrechnen, Politikern nicht. Während bei Sportlern die Moral Vorrang haben soll, gehen in der Politik Geschäft und Geltungstrieb vor.

Der Fall Mesut Özil hinterlässt nur Scherben. Bis zu seinem Erdogan-Foto war Özil als Musterknabe gelungener Integration gefeiert und ausgezeichnet worden, was insofern verwundert, als er in Deutschland geboren wurde und aufwuchs. Nun hat sein Fall eine nationale Debatte ausgelöst, in der das Schlagwort Rassismus eine zentrale Rolle spielt. Ein gesellschaftliches Beben als Folge eines Bildes, das mit Politikern anstelle von Sportlern keinerlei Bedeutung erhalten hätte.

Dorfkicker im Schaufenster der Nation

Guido Tognoni am Freitag den 26. Mai 2017
Nachspielzeit

Feiern wie die ganz Grossen: Die Amateure der Sportfreunde Dorfmerkingen nach ihrem Triumph am 25. Mai. Foto: Sportfreunde Dorfmerkingen (Facebook)

Unvorstellbar: Tavanasa – Balzers oder FC Grünstern – Ticino, einfach irgendetwas, das halbwegs mit Fussball zu tun hat, den ganzen Auffahrtsnachmittag am Schweizer Fernsehen, nicht gerade SRF 1, aber doch SRF 2, der ohnehin der Sportsender ist. Und am Mikrofon unter anderen Sascha Ruefer, der alle Namen der Tavanasa-Spieler kennt und weiss, wie alt der Trainer ist, und überhaupt alles sagt, was es zu sagen gibt, und der bei jedem Tor schreit, als ob es die ganze Schweiz live und ohne Lautsprecher bei offenen Fenstern in den Stuben hören müsste. Wie gesagt, unvorstellbar.

In Deutschland ist es anders. Deutschland ist nicht nur Fussballnation Nummer 1, weil die Deutschen Weltmeister sind. Deutschland ist Merkel und Mercedes, Deutschland ist aber vor allem Fussball, Fussball und nochmals Fussball. Wer an Auffahrt beim Durchzappen auf ARD hängen blieb, wähnte sich zuerst mal an einem verspäteten Champions-League-Spiel mit deutscher Beteiligung. Die Reporter brüllten wie bei Bayern – Real Madrid, die Konferenzschaltung wirbelte von einem Spielort zum andern, aber es war nicht Samstagnachmittag mit Bundesliga auf Sky, sondern irgendwelcher Fussball auf ARD, dem Sender für über 80 Millionen Deutsche.

Sensationelle Sportfreunde

An einem Spielfeldrand warb «Köstitzer Klosterbier», und auf dem Rasen kämpften Norderstedt gegen Halstenbek, Kirchheim gegen Nöttingen, Rostock gegen MSV Pampow, Hadamar gegen Wehen und Hausen gegen Rielasingen-Arlen. Loriot, der leider verstorbene Grossmeister der deutschen Komik, hätte an diesen Spielen seine helle Freude gehabt. Dorfmerkingen schaffte offenbar mit dem 3:1 gegen die Stuttgarter Kickers eine Sensation, und bei Cottbus gegen Luckenwalde war als Reporterin eine Quotenfrau im Einsatz, die allerdings nur selten zum Zuge kam. Im Lauf des Nachmittags lernte man auch die guten alten teutonischen Bezeichnungen «Wacker» (Burghausen), «Germania» (Halbstadt) und «Eintracht» (Norderstedt) wieder einmal kennen. Die Dorfmerkinger sind «Sportfreunde».

Bald einmal war es erforderlich, die notwendige Basisinformation von der Website des Deutschen Fussball-Bundes abzuholen. Um was ging es denn bei dieser landesweiten Aufregung? Auffahrtfussball mit Norderstedt gegen Halstenbek war der «Finaltag der Amateure» mit 19 Endspielen an drei Spielzeiten ab 12.45, 14.45 und 17 Uhr. Beginn der Reportagen auf ARD um 12.35, Ende 20.00, so der Zeitplan. Dorfmerkingen und Hausen spielen in den Tiefen der 7. Liga und kamen am Bildschirm genauso zum Zuge wie der einstige Pokalsieger Rot-Weiss Essen. Die Sieger qualifizieren sich für den DFB-Pokal.

Dorfmerkingen mit den Weilern Dossingen, Hohenlohe und Weilermerkingen liegt im Ostalbkreis in Baden-Württemberg. Es gehört zur Stadt Neresheim. So steht es bei Wikipedia. Die DFB-Website bezeichnet den Erfolg von Dorfmerkingen als «irre». Falls es eine Steigerung von irre gibt: Nächster Gegner der Sportfreunde könnte Bayern München sein.