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Autorenarchiv

Das Flüssige muss ins Hohle (15)

Thomas Wyss am Samstag den 20. Dezember 2014
KLeiner_Fan

Die Psychologen sprechen von «prämaturem Aufmerksamkeitstrieb»: Emotionale Reaktion eines kleinen Rotterdam-Fans.

Es gab im Fall tatsächlich ein paar Stimmen, die behaupteten, Alex Frei sei wegen des letzten «Das Flüssige muss ins Hohle»-Beitrag vom 6. Dezember von seinem Amt als Sportchef beim FC Luzern zurückgetreten. Klar, es stimmt, die Zeilen über den Ex-Goalgetter waren sicher nicht ganz so angenehm wie eine asiatische Fussmassage. Und ebenso richtig ist, dass seine Jobaufgabe bloss relativ bald nach der Aufschaltung des Artikels (und damit viele Stunden vor dem Anpfiff des Spiels der Luzerner gegen Basel) erfolgte. Doch von ziemlich verlässlichen Innerschweizer Quellen haben wir erfahren, dass wir weder Schuld noch Mitschuld an diesem Abgang tragen (oder, von der fröhlicheren Seite her betrachtet, auch keinen Heldentaten-Orden verdienen): Frei, hiess es, boykottiere unsere Rubrik schon seit Monaten, nachdem er drei Flaschen des von uns wärmstens empfohlenen japanischen «Super Dry»-Biers gekauft und noch am selben Abend getrunken habe – und am nächsten Morgen mit argen Kopfschmerzen aufgewacht sei. Tja, das tut uns natürlich sehr leid. Aber wir halten an unserer Meinung fest: «Super Dry», im richtigen Ambiente und Moment getrunken, ist ein tolles Bier! Und damit zu «something completely different», wie John Cleese jeweils zu sagen pflegte.

Wie das letzte Mal angekündigt, wollen wir heute, im letzten Beitrag dieses Jahres, das Bier präsentieren, das man (beziehungsweise frau; wie immer ist das starke Geschlecht in dieser Gender-neutralen Rubrik selbstverständlich mitgemeint) zu jenem Fussball konsumiert, der auf der wahrhaftig prominenten Bühne ausgetragen wird: Genau, wir reden hier von nichts Geringerem als von Champions-League-, Euro- oder WM-Matches. Fast noch wichtiger als das Bier sind aber die vier folgenden Anmerkungen:

      1. Diese grossen Spiele schaut man sich wegen der tollen Stimmung, der sozialen Rudelbildung, der sogenannten «Fachgespräche» und noch aus ein paar Dutzend anderen Gründen richtigerweise gar nicht zu Hause an, nee, dafür begibt man sich in die Fussball-Bar seines Vertrauens.
        Würden alle Fans diesen heiligen Grundsatz befolgen, hätten wir uns den heutigen Text schenken können (denn dort, in der Bar des Vertrauens, trinkt man entweder «Stangen» oder aber das Gebräu, das der Schankwirt auf den Tresen hievt, basta). Tun sie aber nicht. Mal hat der Goof die Grippe, mal fühlt man sich schon beim morgendlichen Aufstehen so schrecklich dünnhäutig, dass man, sollte die Lieblingsmannschaft am Abend eine Pleite einfahren, glatt befürchten müsste, einen Heulkrampf zu erleiden (was in der Öffentlichkeit doch eher unangenehm wäre), kurz und nicht so gut: Es gibt immer eine Ausrede, um einen auf Home-Watching zu machen. Wer sich wahrhaftig in eine solche «Abseitsstellung» zu begeben wagt (um es mit einem durchaus passenden Bild zu formulieren), muss sich, um wenigstens einen Anstandsrest von Würde zu bewahren, ZWINGEND!!! mit hochanständigem Bier ausstatten … dazu nachher mehr.
      2. Gleichwohl muss umgehend angefügt werden, dass jene, die auf dem Stubensofa schauen, aber zwecks mehr lustig und so dann doch noch ein paar Kumpels zu sich einladen, das generelle Biertrinkverhalten dieser vermeintlichen netten Kerle vorgängig so präzis analysiert haben müssen, dass sie alles, was vor, während und direkt nach dem Spiel rund um ihren Kühlschrank passieren wird/dürfte, erahnen oder gar antizipieren können … auch dazu nachher noch ein wenig mehr.
      3. Statt Jungs könnte man natürlich auch Mädels einladen. Das hätte den Vorteil, dass es – Achtung! – weniger hysterisch zu und her ginge. Ja, kein multipler Tippfehler, weniger hysterisch ist korrekt. Das hat nämlich eine englische Studie zutage gefördert: Frauen drehen zwar an Partys, Konzerten, beim Shopping und in ein paar anderen Lebenslagen rascher und heftiger durch als Männer, doch beim Fussballschauen (re-)agieren sie gesitteter, kontrollierter, ruhiger (das hier gezeigte Bild, angeblich am 13. Februar 1965 während der Radioübertragung des Spiels Arsenal – Leeds United, Endstand 1:2, in einer Londoner Wohnung geknipst, ist demnach die Ausnahme, welche die Regel bestätigt – oder aber, was wahrscheinlicher ist, eine Fälschung.Hysterische_Fussballfrau2
      4. Ganz und gar nicht empfehlenswert ist es, beim Schauen dieser aufwühlenden Spiele die noch sehr, sehr jungen Töchter und Söhne mit aufs Sofa zu setzen – umso mehr, wenn viele hysterische Kumpels, dafür aber gar keine rationalen Frauen mit im Wohnzimmer sind (siehe Punkt 3). Der Grund für diesen Tipp ist auf dem Hauptbild unschwer zu erkennen: Die Kleinen übernehmen – die Psychologie spricht dabei vom «prämaturen Aufmerksamkeitstrieb» – die Gesten der Grossen, was ganz kurzfristig vielleicht ganz amüsant sein kann, mittelfristig (Kindergarten, Primarschule, Weihnachtsabend beim Grossmami, erstes F-Junioren-Training etc.) aber für manch gehässige oder mindestens unschöne Szene sorgen wird.

Ruud_Krol_300So, und jetzt endlich zum elenden Bier. Dieses muss, es wurde erwähnt, unbedingt dem erhabenen Geschehen auf dem Rasen angemessen sein, denn bei solchen Spielen messen sich ja schliesslich auch die Besten mit den Besten (wenigstens in der Theorie). Anders gesagt: Es soll die Gurgel so smooth streicheln, wie das einst Zidane mit dem runden Leder tat, es soll so fintenreich begeistern, wie das allein dem junge Pelé gelang, es soll etwas vermeintlich Göttliches zum Ausdruck bringen, wie Maradonas linke Hand (wobei sein linker Fuss fast noch göttlicher war), und doch soll es auch souveräne Abgeklärtheit ausstrahlen, so, wie man sie in den 70er-Jahren beim Ausputzerspiel von Ruud Krol erleben durfte.

 

Innis_Gun_Rum_BierKeine Frage: Solche Weltklassebiere sind ähnlich selten wie eine «Blaue Mauritius» von anno 1847, es braucht Ausdauer und Geduld, um sie ausfindig zu machen. Da beides in unserem Team nicht im ausgeprägten Mass vorhanden ist, haben wir bloss eines entdeckt. Hergestellt wird es in limitierter Auflage in der Innis & Gunn Brewing Company im schottischen Edinburgh, es verströmt den Odem alter Whiskyfässer, es ist kokett wie Hunter S. Thompson, und es heisst «Innis & Gunn Rum Finish». 2012 wurde es an der Brüsseler «Monde Selection» (das ist so etwas wie die Weltfussballerwahl der Konsumgüter) mit dem «Grossen Gold-Qualitäts-Award» ausgezeichnet. Dennoch kann es trotz dieser Güteklasse natürlich sein, dass einem dieses Bier wider Erwarten doch nicht mundet (es gibt schliesslich auch Menschen, die Foie gras, Kaviar oder Wachteleier unverhofft nicht ausstehen können). In dem Fall wendet man sich idealerweise an einen Bier-Sommelier; beispielsweise an Jan Czerny von der Basler Brauerei «Unser Bier», der an der Bier-Sommelier-WM den tollen fünften Rang erreichte.

 

 

Heineken_Kühlschrank_300Allerdings – und nun kommen wir zur bereits angedeuteten Tücke der Sache – ist solch ein Edelbier nur relevant, wenn es die geladenen Fussballguck-Kumpel auch zu schätzen wissen. Genau deshalb muss man die Situation antizipieren, sprich seine Pappenheimer kennen. Besteht die Mehrheit bloss aus zur Hysterie neigenden Kampf- oder Ekstase-Süffeln (so wie die Typen in der Heineken-Werbung), wäre es vergebene Liebesmüh und zum Fenster rausgeschmissene Kohle, wenn man sich mit solchen High-End-Gebräuen eindecken würde, ein paar Sixpack Feldschlösschen, Prix-Garantie-Bier oder Heineken tuns dann allemal.

Das wärs. Wir wünschen schöne Weihnachten!

Das Flüssige muss ins Hohle (14)

Thomas Wyss am Samstag den 6. Dezember 2014
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Beliebter, als man meinen könnte: Real-Star Cristiano Ronaldo. Bild: Getty Images

«Wenn ich hässlich gewesen wäre», hat George Best einmal gesagt, «dann hättet ihr nie was von Pelé gehört.» Was der Beau aus Belfast damit meinte: Seine adrette Visage war schuld, dass er seinem Dandytum (Frauen, Spiritus und Party à gogo) letztlich mehr Aufmerksamkeit widmete als dem intensiven Fussballtraining: Hätte er nämlich mehr an sich gearbeitet und sein immenses Talent voll ausgeschöpft, wäre er – das jedenfalls war seine Sicht der Dinge – der damals weltbeste Ballkünstler geworden; besser als der wahrscheinlich Beste der Fussballgeschichte.

Man wird es nie wissen, der ehemalige Star von Manchester United verstarb im jungen Alter von 59 Jahren. Und auch wenn da bei seinem Tod in England viel Trauer war, galt George Best doch als extreme Reizfigur; die einen haben ihn zu Lebzeiten vergöttert, die anderen hätten ihn damals am liebsten ins Fegefeuer beordert. Und genau um solch streitbare Typen soll es hier und heute gehen – beziehungsweise um die Biere, die man sich als Fan genehmigen könnte oder müsste, wenn man friedlich am Tresen steht, dabei auf den TV starrt, und am Bildschirm unversehens Spieler, Trainer oder Funktionäre auftauchen, die man innig liebt oder abgrundtief nicht liebt.

Das Angebot an solch speziellen Charakteren scheint prima vista grenzenlos; wie es zu jeder Aufstellung tausend Meinungen gibt, hat schliesslich auch jeder Fussballhänger seine ganz persönliche «Most wanted»- und «Most hated»-Liste. Dennoch führte eine Spontanumfrage im erweiterten Freundeskreis zu einem erstaunlich klaren Resultat – ob dieses auch tatsächlich repräsentativ ist, ist schwierig abzuschätzen, spielt aber irgendwie auch gar keine Rolle – wem diese Auswahl nicht behagt, kann sich gern in der Kommentarspalte darüber auslassen … oder, das wäre fast noch kreativer: Mit eigenen Leuten eine eigene Liste erstellen. Wichtig ist dabei bloss, dass man die Kumpel nicht nur nach den Namen der Kicker, Coaches oder Fussballbeamten, sondern stets auch nach dem zur Person passenden Bier befragt.

Beginnen wir mit jenen drei Akteuren, die bei der Umfrage am meisten Zustimmung erhielten, die also über Massen bewundert und geschätzt werden, deren Anblick viel Freude auslöst, auf die man gerne trinkt.

1. Cristiano Ronaldo (19 Stimmen)
Ronaldo auf Platz 1? Irgendwie verblüffend. Doch bei den Rückmeldungen wurde rasch klar, dass man dem umstrittenen Portugiesen sein oft «affiges Gehabe» (O-Ton Kumpel C.B.) inzwischen nachsieht, weil er seit längerer einfach überragende Leistungen zeigt, «welchen sich ein Fussballgourmet genauso gern hingebt wie ein kulinarischer Feinschmecker einem Chateaubriand» (O-Ton Kumpel A.T.). Welches Bier man zu Ronaldos Ballkunst konsumieren soll, wurde allerdings nicht so ganz klar, «einfach eins, das perlt!» (O-Ton Kumpelin C.Z.)

2. Alex Morgan (16 Stimmen)
Portugal Algarve Cup SoccerNicht minder erstaunlich war, dass auf dem Silberplatz eine Frau landete. Der auf reiner männlicher Logik basierende Verdacht, die vielen Voten für US-Stürmerin Alex Morgan könnten irgendwas mit ihrem hübschen Äusseren zu tun haben, wurde dann allerdings vehement bestritten. So sagte Kumpel B.E.: «Mir ist doch völlig egal, wie sie aussieht, solange sie beschleunigt wie ein Testarossa und die USA gegen Deutschland gewinnt, bin ich happy.» Und Kumpel W.W. fügte hinzu: «Sexy an Alex Morgan ist nicht ihr Körper, sondern ihre ansteckende Ausgelassenheit beim Torjubel. Da ist null blöde Show, null Coolness, dafür ganz viel pure Freude. Da könnte sich manch männlicher Star echt ein Vorbild nehmen.» Und beim Bier war der Fall klar: Die Dribblings und Tore von Missy Morgan sind mit einem Litchi-Eve von Cardinal am besten zu geniessen.

3. José Mourinho (12 Stimmen)Jose_Mourinho_klein
Ähnlich wie bei Ronaldo hat auch bei seinem Landsmann José Mourinho in jüngster Zeit ein Stimmungswandel stattgefunden. Der Tenor unter den Befragten war einhellig: Der Typ ist ein Original, seine kesse Art tut diesem längst überregulierten Sport extrem gut, «er ist ein zeitgeistiger John McEnroe: provokativ, schräg, oft unflätig, aber genauso oft charmant und witzig, und bei fast all seinen Spielern enorm beliebt.» (O-Ton Kumpel A.T.) Ein Bier, das perfekt zu Mourinho passe, finden die «Experten», sei das aus seiner Heimat stammende Super Bock. Das sein quasi ein «nomen est omen», fand Kumpel B.L.

So, und damit kommen zu jenen sieben Persönlichkeiten aus der Welt des Fussballs, welche bei den Anhängern schlimme Gemüts-Eruptionen und Wutausbrüche auslösen und ab und zu gar dafür sorgen, dass Gegenstände in Richtung Bildschirm geschmissen werden. Wir listen sie hier in umgekehrter Reihenfolge auf – der Erstgenannte ist also in der Bewertung des Freundeskreises noch der Harmloseste, der Name am Ende der Tabelle dafür für alle 25 Beteiligten ein knallrotes Tuch.

1. Luis Suarez (8 Stimmen)
Suarez_klein_jpegDass «Beisser» Luis Suarez bloss acht Negativ-Stimmen erhalten hat, hat offenbar tiefenpsychologische Gründe: Dem Uruguay-und Neo-Barcelona-Stürmer wurde zugute gehalten, dass er sich bei seinem letzten Attacke-Opfer, dem italienischen Verteidiger Georgio Chiellini, reumütig entschuldigt und seine mehrmonatige Sperre mehr oder weniger klaglos akzeptiert und abgesessen habe. «Zudem ist er halt schon fantastischer Angreifer, dynamisch und wendig, beidfüssig und kopfballstark, er bringt alles mit, was es im modernen Fussball braucht.» (O-Ton Kumpelin D.O.) Und das Bier? Da war man sich einig: «Es kann nur das australische Dog Beer sein – auch wenn es alkoholfrei ist», so Kumpel B.E. für die ganze fidele Umfragerunde.

2. Lothar Matthäus (9 Stimmen)
Matthäus_klein«Dumm, dümmer, Loddar»: So versucht es Kumpel O.S. auf den Punkt zu bringen. Zwar sorge der frühere Bayern- und Nationalspieler, «der die Frauen wechselt wie andere üble Kerle die Unterhosen» (O-Ton Kumpelin C.Z.) dank seinen überragend schwachen Englischkenntnissen immer wieder mal für beste unfreiwillige Unterhaltung, doch meist sei er bloss eine masslos stupide Nervensäge, «die jeden smarten Fussballtalk an die Wand fährt» (O-Ton Kumpel. E.B.). Das geradezu ideal dazu passende Bier, fand Kumpel O.Z., sei das Sprint aus dem Hause Turbinenbräu: «Wie das Gequatsche von Loddar führt es sehr rasch zu nachhaltigen Kopfschmerzen.»

3. Silvio Berlusconi, Sepp Blatter, Thomas Müller und Arjen Robben
(je 13 Stimmen)
Robben_kleinMüller_klein_jpegPlatz drei teilen sich ex-aequo mit je 13 Stimmen Ex-Milan-Präsident Silvio Berlusconi, Fifa-König Sepp Blatter, der deutsche Bayernstürmer Thomas Müller und der holländische Bayernstürmer Arjen Robben. Die Ausdrücke, die bei Erhebung für Berlusconi und Blatter genannt wurden, waren entweder nicht jugendfrei und/oder ziemlich ehrverletzend; aus juristischen Gründen müssen wir deshalb auf eine Veröffentlichung verzichten. Müller wurden in erster Linie seine höchst unappetitlichen Torjubel-Fratzen anlässlich der letzten Fussball-WM zum Verhängnis, bei «Fallobst» Robben war es das stets mit grosser Drama-Geste vollführte Penaltyschinden. Bei der Wahl des Biers spielte der Name für die Befragten für einmal eine wichtigere Rolle als der Geschmack, sie fiel nämlich auf durchaus gut mundende Chopfab, hergestellt in der Doppelleu Brauwerkstatt in Winterthur.

7. Alex Frei (25 Stimmen)
Alex_Frei_kleinAlex Frei, bei der Entstehung dieses Beitrags noch Sportchef beim FC Luzern, hat im negativen Sinn das Topresultat erzielt: Er bekam alle zur Verfügung stehenden 25 Stimmen! Wärs nicht so trist, könnte man durchaus sagen: Chapeau! Die einen nominierten ihn wegen der Spuckaffäre an der EM 2004 in Portugal, bei Kumpel A.S. war es «sein Heulsusen-Getue, als ihn die Schweizer Fans wegen seiner schwachen Leistung auspfiffen», jemand erinnerte sich an einen peinlichen Hip-Hop-Versuch vor der Euro 08, den meisten jedoch genügte bereits, dass er, als es ihm bei Dortmund grad mal nicht so rund lief, sofort in die Schweiz zurückkehrte: «Dieses Weichei-Verhalten prägte doch irgendwie seine ganze Laufbahn», so Kumpel B.L., er ist einfach kein echter Fighter, und deshalb wird er wohl nun auch bei Luzern wieder aufgeben und davonlaufen.» Harte Worte, die vor allem eines aussagen: Der Schweizer Rekordtorschützte scheint auch nach dem Ende der Aktiv-Karriere noch immer nicht an Popularität zugelegt zu haben. Und das zu Frei passende Bier? «Freibier in rauen Mengen, egal welche Marke, anders ist dieser Typ nicht auszuhalten», so Kumpel B.E.

Das wärs für heute. In zwei Wochen gehts dann weiter mit den richtigen Bieren für Champions-Legaue-Spiele und WM-Partien. Wir wünschen gute Tage, schöne Tore und köstliche Biere.

Das Flüssige muss ins Hohle (13)

Thomas Wyss am Samstag den 22. November 2014

Oft mühsamer als der Gotthardstau: Goalies, die den Abkick hinauszögern. (Bild: www.fc-freienbach.ch)


Auch wenn der wahre Fussball selbstverständlich im Stadion stattfindet – das gilt selbst für die unteren Ligen, wo dieses Stadion oftmals bloss aus einem Rasen, zwei Toren und einem Kiosk mit Holzkohlegrill besteht – richten sich die kommenden Beiträge in erster Linie an Fernsehsportler – also an Menschen, die das Spiel der Spiele vorzugsweise auf dem heimischen Sofa oder in der Fussballbar ihres Vertrauens konsumieren. Konkreter gesprochen: Wir stellen Biere vor, die geradezu ideal zu gewissen Spielsituationen (und TV-Wiederholungen dieser Situationen) passen, Biere, die man sich genehmigen sollte, wenn man diesen oder jenen umstrittenen Akteur, Trainer oder Funktionär von ganzem Herzen liebt oder verabscheut, Biere für Champions-League-Partien oder Länderspiele, und, last but not least, Biere, die man sich einflössen könnte, wenn man vorhat, wieder mal richtig gross in der Erinnerung baden zu gehen.

Es versteht sich von selbst, dass das alles reine Behauptungen sein werden: Auch wenn wir gerne tief forschen – medizinische und/oder psychologische Befunde, Gutachten oder Studien, welche die Aussagen in irgendeiner Form stützen und belegen würden, können (und wollen!) wir nicht liefern – schliesslich ist das radikal subjektive Postulat die drittschönste Nebensache beim Fussball (nach dem Bier und der Wurst).

So weit, so gut, legen wir los. Und zwar mit vier Situationen, die quasi Standard sind, weil sie bei jedem «normalen» Match zu beobachten sind: der Einlauf der Spieler, der Abkick des Torhüters, der nervende Torjubel, die Nachspielzeit.

1. Der Einlauf der Spieler
MierIn der modernen Fernsehzeit beginnt der Einlauf der Mannschaften ja meistens bereits im Spielertunnel: Ein Kameramann quetscht sich links oder rechts an den Spielern vorbei, die sich tänzelnd heiss machen und dazu komische Geräusche oder auch mal ein «Chömmed Jungs!», «Let’s go!» oder «Vamos!» von sich geben. Der Fachmann erkennt bereits in diesen wenigen Sekunden, wer in den folgenden 90 Minuten plus Nachspielzeit zum Helden oder zum Versager werden wird, wer am Vorabend Sex hatte (und entsprechend relaxt ist) und wer am Morgen den richtigen Moment des Aufstehens verpasste – und einen Muntermacher dringend gebrauchen könnte.
Einen solchen empfehlen wir auch dem Fernsehsportler – schliesslich sollte auch er von Minute eins an voll präsent sein. Nach intensiver Recherche ist es uns gelungen, ein Bier mit gewisser Aufputschwirkung zu finden: Es heisst Mier. Seltsamer Name, der aber einer gewissen Logik folgt, denn das Mier ist eine Kombi aus Mate und Bier. Kreiert wurde das Produkt von Fabricio de Canto, Mitglied der Berliner Piratenpartei-Sektion, und Torsten Schoppe, Braumeister bei der Kleinbrauerei Schoppe Bräu im Berliner Stadtteil Neukölln. Die erquickende bis euphorisierende Wirkung stammt vom Kraut der koffeinhaltigen und vor allem in Südamerika verbreiteten Mate-Pflanze, aus der in der Regel nichtalkoholische Aufgussgetränke fabriziert werden. Das Mier gibts in der 33-cl- und der 1-Liter-Flasche, beim Marketing setzt man auf Sprüche wie «Gibs Mier, Baby», und der Geschmack ist malzig, erdig und rauchig.

2. Der Abkick des Torhüters
TuborgDie Unsitte, dass sich die meisten Goalies elend viel Zeit lassen, bis sie das Leder in die gegnerische Platzhälfte (oder mangels fussballerischen Fähigkeiten ins Aus) kicken, zerrt arg an der Nerven; die Sekunden bis zur Tat kommen dem Zuschauer bisweilen vor wie das Warten im Gotthardstau. Deshalb braucht man für diese schleichende Phase ein möglichst grosses Bier. Die von den Ausmassen her grösste Bierflasche Europas steht in Hellerup in der Nähe von Kopenhagen. Sie wurde 1888 errichtet, dient in erster Linie als Aussichtsturm – und in zweiter als Werbeaktion für die Marke Tuborg. Deshalb: Ein Tuborg zur Hand, und das öde Abkick- oder Abstoss-Prozedere wird einigermassen erträglich.

3. Der nervende Torjubel
Das übelste überhaupt bei jedem Match: Wenn jener Spieler, der in der persönlichen Wahrnehmung «einfach gar nicht geht» (um es politisch korrekt und jugendfrei zu formulieren) ein Tor erzielt – und seinen Treffer dann auch noch ausgiebig und mit saublöder Fratze oder Geste abfeiert. Paradebeispiel hierfür – das weiss der geneigte Fan spätestens seit der WM in Brasilien – ist Deutschlands (und Bayerns) Stürmer Thomas Müller.

brauZufällig gibts nicht nur eine geschmacklich eher eigenwillige deutsche Milchproduktelinie, die seinen Nachnamen trägt, nein, es gibt auch eine Schweizer Biermarke namens Müllerbräu. Hergestellt werden die teils hervorragend mundenden Biere (vor allem das Pale Ale ist ein Volltreffer) im aargauischen Baden. Da man sich beim nervenden Torjubel (von Müller und Konsorten) aber primär in möglichst kurzer Zeit möglichst stark betäuben und so den Schmerz lindern will, empfehlen wir für diese Situation das etwas preisgünstigere und in schick designten schwarzen Dosen abgefüllte Lagerbier.

4. Die Nachspielzeit
NewcastleAbgesehen von idiotischen Jubelposen strapaziert die Nachspielzeit – vor allem jene bei engem knappem Ergebnis vor dem Schlusspfiff – das Nervenkostüm des TV-Supporters am heftigsten: Je nachdem, wie es um «seine» Equipe bestellt ist, hofft er entweder auf einen «lucky punch» – oder er verflucht den Schiri, der die Partie einfach nicht beenden will. Wirklich gesund ist beides nicht, also braucht es einen Wert, auf den man seine Hoffnungen bauen kann, einen erfahrenen «Klassiker», der sich in vielen aufwühlenden Schlachten bewährt hat, den oder der nichts mehr umhaut (ausser vielleicht den, der zu viel davon trinkt). Kurz: Er braucht ein Bier wie das Newcastle Brown Ale: Köstlich im Geschmack, beruhigend in der Wirkung – und vor allem in jedem anständigen Kühlschrank vorrätig!

Das wärs für heute. Schöne Woche, gute Spiele, viele Biere.

Das Flüssige muss ins Hohle (12)

Thomas Wyss am Samstag den 15. November 2014
NSPZ Beer

Das Cupfinal-Team von Sheffield United im Jahr 1901. Sitzend der 3. von links ist Billy Beer.
Foto: Wikipedia

Weiter gehts mit der wahrscheinlich fundiertesten Fussballbier-Studie, die in der Schweiz jemals durchgeführt wurde – und das ohne Nationalfonds-Gelder und ohne ein wohldotiertes Mäzenatentum, das muss an dieser Stelle wieder mal betont werden!

Wie auch immer. Auf jeden Fall haben wir ja vor ein paar Wochen nach Bieren, Cocktails oder Esswaren Ausschau gehalten, die nach Fussballern benannt sind oder waren. Diesmal spielen wir quasi in die entgegengesetzte Richtung: Wir stellen nämlich heute Spieler vor, die das Bier in irgendeiner Form im Familiennamen tragen.

Die Ausbeute war im Gegensatz zu letzter Woche («Welcher Fussballer bevorzugt welches Bier?») ganz anständig, gleichwohl wollen wir uns auf eine vernünftige Auswahl beschränken.

Die «Marken»-Spieler

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Peroni und Bruno Peroni.
Fotos: Getty Images, PD

Beginnen wir mit jener Gruppe von Spielern, die nach einer landes- oder weltweit bekannten Marke benannt sind. Zum Beispiel Bruno Peroni (in gewissen Quellen auch Bruno Perone genannt). Anders als das Bier, das aus bella Italia stammt, ist Peroni/Perone, der als Innenverteidiger oder defensiver Mittelfeldspieler eingesetzt werden kann, brasilianischer Staatsbürger. Vor zwei Jahren spielte er eine Saison für das englische Team Queens Park Rangers, inzwischen ist er bei Icasa in seiner Heimat.

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Guinness und Jason McGuinness.
Fotos: irishmirror.ie, PD

Noch renommierter ist das Bier, das Jason McGuinness im Namen trägt. Im Gegensatz zu Peroni/Perone gilt beim stämmigen Innenverteidiger das Prinzip nomen est omen: McGuinness stammt (wie das berühmte Stout) tatsächlich aus Irland, gar aus Dublin, wo bekanntlich auch die Brauerei ihren Sitz hat.

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Duff und Damien Duff.
Fotos: Keystone, PD

Vom Renommee her noch ein paar Nummern grösser ist der flinke irische Flügel Damien Duff, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere von 2003 bis 2006 für Chelsea auflief. Das Kuriose bei Duff: «Sein» Bier gibt es nicht bloss einmal, es sind weltweit sechs oder sieben Brauereien, die ein Duff lanciert haben (und dieses teilweise aus rechtlichen Gründen wieder vom Markt nehmen mussten). Begründet ist der Hype ums Duff – auf Deutsch übersetzt bedeutet der Begriff «wertlos» oder «inkompetent» – in der amerikanischen Comic-Serie «The Simpsons», in der dieses Bier quasi das Nationalgetränk ist.

Die «Produkte»-Spieler

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Erich Beer.
Foto: weltfussball.de

Neben diesen Spielern gibt es die zweite Gruppe – sie sind nicht nach einer Marke, sondern nach dem Produkt selbst benannt. In unseren Breitengraden dürfte Erich «Ete» Beer, der frühere Captain von Hertha BSC (1971–1979), der bekannteste Name sein. Der Mittelfeldspieler erzielte für die Hertha in 254 Bundesligaspielen 83 Treffer und war jahrzehntelang Rekordtorschütze des Vereins aus der heutigen Hauptstadt, abgelöst wurde er schliesslich vom aktuellen Hertha-Manager Michael Preetz. Beer lief 24-mal für die deutsche Nationalmannschaft auf und erzielte dabei sieben Tore. 1976 wurde er Vize-Europameister, sein letztes Länderspiel absolvierte er bei der berühmten «Schmach von Córdoba» anno 1978.

Im Mutterland des Fussballs bekannter ist Beers Namensvetter William John «Billy» Beer. Der Flügel spielte von 1898 bis 1902 für Sheffield United, wobei er im FA-Cupfinal 1899 den dritten Treffer zum 4:1-Sieg über Derby County beisteuerte. Von 1902 bis 1910 lief er dann für den Second-Division-Club Small Heath auf, wo er angeblich als einer der ersten «Schwalbenkönige» bekannt war, Penalty um Penalty herausholte, diese umgehend selbst verwandelte – und so 1908, in seiner zweitletzten Saison als Aktiver, bester Torschütze von Small Heath wurde. Später amtete Billy Beer noch als Coach von Birmingham, er starb im März 1941. Anders als man vielleicht erwarten würde, ist Billy Beer auf dem 1901 geknipsten Mannschaftsfoto von Sheffield United (siehe oben) nicht der korpulente Kerl, der als Zweiter von links auf dem Bänkli sitzt, er ist der adrette Jüngling rechts davon.

Last but not least hätten wir noch Mark Edward Beers. Wobei der, wenn wir hier nach ganz strengen Regeln schreiben würden, gar nicht «gelten» würde: Er ist, beziehungsweise war, kein genuiner Fussballer, er spielte nämlich von 1984 bis 1987 für Collingwood im Australien Football (auch bekannt als Aussie Rules oder Footy) – einer zwar sehr dynamischen und im besten Fall auch hochspektakulären Sportart, dessen Verwandtschaft zu «unserem» Fussball aber eher gering ist.

That’s it for today, nächste Woche gehts dann «klassisch» weiter – wir stellen die passenden Biere für diese oder jene Spielsituation vor. Schöne Woche.

Das Flüssige muss ins Hohle (11)

Thomas Wyss am Samstag den 8. November 2014
«Gebräu des Vertrauens»: Georg Best beim Trainingslager am Poll 1977.

«Gebräu des Vertrauens»: George Best beim Trainingslager am Pool 1977. («11 Freunde»)

So, die symbolische zweiwöchige Pinkelpause ist vorbei, jetzt wird wieder Bier gezapft beziehungsweise Bier besprochen; Fussballbier, notabene. Oder heute ganz konkret: das Bier, das dieser oder jener Fussballer am liebsten trank oder trinkt, also das «Gebräu seines Vertrauens», um es mit ein wenig Pathos zu sagen.

Dies zumindest war die Idee für diesen Beitrag. Und sie schien gut, auch originell – wen würde es nicht wundernehmen, welche hopfige oder malzige Flüssigkeit sein Idol in der Kneipe, im Nachtclub, am Swimmingpool in den Sommerferien oder wenigstens zur Beschleunigung des Harndrangs vor einer Dopingprobe die Gurgel runterkippt. Das Problem an der Idee: Die gross angelegte Recherche führte in eine ebenso grosse Leere.

Es gibt zwar auf dem Onlineportal des Fussballmagazins «11 Freunde» eine hübsche Bildstrecke, auf der einstige Stars und Sternchen wie George Best selig, Loddar Matthäus, Andy Brehme, Paule Breitner, Kalle Rummenigge, Sören Lerby oder Sepp Maier eine Flasche, ein Glas oder einen Krug stemmen – doch es fehlen leider jegliche Angaben zu den konsumierten Biermarken (und -mengen!). Und die Suche im angelsächsischen, französischen, italienischen und südamerikanischen Raum endete vollends ergebnislos.

Was noch blieb, war der (vermeintlich smarte) Kniff, über die Werbung zum einen oder andern Treffer zu kommen – schliesslich könnte man ja anhand einer gesunden Portion Naivität davon ausgehen, dass die Spieler jene Produkte, die sie promoten, tatsächlich auch leidenschaftlich gern konsumieren.

Ich weiss noch nicht, was ...

Abstinenzler-Wahl: Podolski wirbt für alkoholfreies Kölsch Früh Sport.

Dieser Versuch war dann wenigstens kein totaler Reinfall: Einerseits entdeckten wir Arsenal-Söldner Lukas Podolski, der seit Juli für ein neues Produkt der Kölner Früh-Brauerei namens «Früh Sport» wirbt. Es ist eine angeblich süffige Kombi aus Zitronenlimonade und alkoholfreiem Kölsch, bei der man davon ausgehen darf, dass ihr der konsequente Abstinenzler «Poldi» sicher nicht gänzlich abgeneigt ist.

Wo Feldscghlösschen draufsteht: Der FC Basel mit Matias Delgado wirbt auf seinem Tenü für Feldschlösschen.

Wo Feldschlösschen draufsteht: Der FC Basel mit Matias Delgado wirbt auf seinem Tenü für Feldschlösschen.

 

Andrerseits war da der FC Basel, der auf seinem Tenü (genauer: auf den Hosen) für Feldschlösschen-Bier wirbt. Daraus abzuleiten, dass Streller & Co. deshalb bei jedem Znacht ein solches Rheinfelder Gebräu vor sich stehen haben wollen, ist allerdings beknackt.

Wie auch immer. Auf jeden Fall wäre es läppisch gewesen, mit dieser Mikro-Ausbeute einen fundierten Beitrag zu bestreiten. Also wurde die schöne Idee schweren Herzens dem Reisswolf überantwortet – manchmal ist es besser, ein Scheitern einzugestehen, als eine Mücke zum Elefanten aufzublasen. Oder so ähnlich.

Sollte es in der werten Blog-Leserschaft aber Personen geben, die uns zu den Bier-Vorlieben gewisser Fussballer im In- oder Ausland handfeste Hinweise (Gerüchte reichen nicht!) liefern können, wären wir jederzeit bereit, das Thema nochmals aufzugreifen – und den oder die Informanten mit einem Sixpack nach Wahl zu belohnen!

Bis dahin wünschen wir schöne Tage, weiter gehts am kommenden Samstag – und zwar mit zwei ganz besonders «bierigen» Fussballern.

Das Flüssige muss ins Hohle (10)

Thomas Wyss am Samstag den 11. Oktober 2014
jensen

Der Mann mit den Wurstfingern: Nach Brian («The Beast») Jensens grossen Händen hat ein Metzgermeister ein Charcuterieprodukt benannt.

Gibts Biere, die nach Fussballern benannt sind? Das war die Frage, die wir vorletzte Woche nicht nur mit «Yes!» beantworteten, sondern gleich mit einem halben Dutzend Beispielen dokumentierten, in welchen Berühmtheiten wie Didier Drogba oder «Gazza» genauso zum Zuge kamen wie der in den 20er-Jahren (hyper-)aktive Josef «Pepi» Uridil, der nicht nur für Rapid Wien stürmte, sondern auch noch im Film und auf Varietébühnen auftrat und damit zum angeblich ersten Popstar des europäischen Fussballs wurde.

Wie damals angekündigt, folgt nun eine Art Fortsetzung davon – wobei es diesmal nicht mehr um Biere, sondern um andere trink- und essbare Köstlichkeiten geht, die man als Hommagen auf Spieler interpretieren kann. Wiederum stützen wir uns dabei in erster Linie auf das famose «Knowledge Archive» des «Guardian» ab, weshalb das Gros der Beispiele erneut aus England stammt. Und damit zur Sache.

Fussballer und ihre Leckereien

Namentlich während der letzten WM tauchten in vielen europäischen Bars etliche neu kreierte Cocktails oder Shots auf, die nach aktiven oder altgedienten Fussballstars benannt waren. Sie hiessen CR7 (nach Cristiano Ronaldo), Messi, Pelé oder Diego Maradona, wobei ihre Buntheit in den meisten Fällen weit mehr beeindruckte als ihr Geschmack, kurz: Es waren billige Marketinggags, die zu oft diabolisch teuren Preisen über den Tresen gingen. Das Übelste, was dem «Das Flüssige muss ins Hohle»-Team in jenen intensiven Fussballtagen den Gaumen runterging, war der auf der Insel Elba getrunkene Klinsmann-Shooter – ein Mix aus Ramazotti, Erdbeerlimes (eine Art «hochtouriger» Smoothie) und Crème de Banane, dessen Farben die deutsche Flagge darstellen sollten und der satte 8 Euro kostete.

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faustEs gibt aber auch Spielercocktails, die unabhängig von grossen Turnieren erschaffen wurden, so der in Dublin erstmals in den frühen Nullerjahren ausgeschenkte Stewy Byrnes (mancherorts auch simpel Stewy genannt), der sich angeblich bis heute ansprechender Beliebtheit erfreuen soll. Er besteht aus drei Wodkashots, dem nach Zitrone schmeckenden Alcopop Smirnoff Ice sowie einer Büchse Red Bull; damit das Flügel verleihende Aufputschgesöff auch restlos geleert werden kann, bestellt man den Drink immer gleich doppelt. Man kann ihn natürlich auch problemlos zu Hause mixen, ob sich das aber wirklich lohnt, lassen wir mal unbeantwortet – im Internet wurde er nämlich mit seltsamen und teils wenig appetitlichen Erscheinungen wie Altersdiabetes, Hitzewallungen und Kauderwelsch assoziiert.

Viel wichtiger jedoch ist der Spieler, der damit geehrt ist: Er heisst Stuart Byrne (Bild links), wurde in Dublin geboren, spielte als Mittelfeldakteur bei diversen irischen Clubs und beendete seine Karriere 2011 beim populären Hauptstadtverein St. Patrick’s Athletic. Inzwischen schreibt er eine viel beachtete Kolumne im irischen Onlinefussballmagazin «The Score».

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Damit wechseln wir von der flüssigen zur festeren Lebensmittelkonsistenz – und legen gleich los mit einer überdimensionalen Schweinsbratwurst, die 2008 vom in Burnley ansässigen Metzgermeister George Heys lanciert und auf den Namen The Beast with the Big Hands getauft wurde. Hergestellt wird die später mit einem Award geehrte Megawuwuersterst noch immer, allerdings wurde ihre ursprüngliche Grösse von rund 45 Zentimetern inzwischen genauso reduziert wie ihre Bezeichnung, sie heisst jetzt nur noch The Beast. Dass der Originalname jedoch perfekt passte, wird klar, wenn man weiss, dass Heys die Wurst als essbares Denkmal an den wahrlich mit riesigen «Pfoten» ausgestatteten dänischen Torhüter Brian «The Beast» Jensen verstand, der damals das Tor des FC Burnley hütete (und heute, mit 39 Jahren, beim Manchester Vorortsclub FC Bury zwischen den Pfosten steht). Anlass für die Hommage war Jensens formidable Leistung im Ligacup-Viertelfinal gegen das renommierte Arsenal, den der krasse Aussenseiter aus dem Nordwesten Englands, der damals in der zweithöchsten Spielklasse kickte, mit 2:0 für sich entscheiden konnte. Goalie Jensen selbst war von «seinem» Produkt allerdings nur bedingt angetan – nicht, weil ihn gegnerische Fans fortan als «Sausage» bezeichnet hätten, sondern weil er in Interviews nur noch über Würste statt über Fussball reden musste.

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3MegaCam 3MegaCamZu besonderen Ehren kamen auch die zwei früheren englischen Nationalstürmer Gary Lineker und Michael Owen: Ihr comicartiges Konterfei zierte 1996 verschiedene Chipspackungen der Marke Walkers, die zur Heim-EM lanciert worden waren. Das Produkt mit der Geschmacksrichtung Cheese & Onion hiess dann abgewandelt Cheese & Owen, jenes mit der Mixtur Salt & Vinegar taufte man auf Salt & Lineker um. Bei Sammlern von leeren Chipspackungen (so etwas gibt es wohl bloss in Grossbritannien) sollen diese Sonderausgaben hoch im Kurs stehen.

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bama Von der Wurst und den Chips gehen wir nun speiseplanmässig korrekt zum Dessert über. Im Angebot haben wir dreimal norwegische Eiscreme. Lustigerweise schien es in den 90er-Jahren im Nordland äusserst beliebt, Glaces nach populären Fussballern zu benennen. Ein Cornet mit Pistaziengeschmack hiess beispielsweise Flonaldo, Namensgeber war Stürmer Tore André Flo, der unter anderem von 1998 bis 2000 für die Blues aus Chelsea auf Torjagd ging. paniniEtwa zur selben Zeit, konkret von 1990 bis 1998, war der ehemalige Spitzenspieler Egil Roger Olsen (Bild rechts) Trainer der norwegischen Nationalmannschaft, die er an die WM-Turniere 1994 (USA) und 1998 (Frankreich) führte. 1994 bekam auch er «seine» Eiscreme, sie trug seinen Spitznamen Drillo, es gab sie in verschiedenen Geschmacksrichtungen, verkauft wurde sie exklusiv in Olsons Heimat. Und last, but not least hätten wir noch das Enfant terrible Erik Mykland, der für Vereine in halb Europa aktiv und vor allem immer wieder mal für einen Skandal gut war. 1998, an der WM in Frankreich, liess sich der leidlich begabte Mittelfeldspieler beispielsweise eines Abends zusammen mit seinem Mannschaftskollegen Henning Berg gnadenlos volllaufen. Und während seiner zweitletzten Station als Profi bei Kopenhagen fand man Mykland mal angetrunken auf der Strasse stehend, wo er diverse Passanten zum Armdrücken aufforderte. Weil man in Skandinavien exzentrische Sportler jedoch besonders zu schätzen weiss, bekam auch Mykland eine nach ihm beziehungsweise nach seinem Pseudonym Myggen benannte kühle Nachspeise.

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Zum Schluss fehlt nun natürlich noch der Espresso. Leider haben wir bei der Recherche keinen Akteur gefunden, der es geschafft hätte, diesem kurzen Kaffee seinen Namen aufzudrücken. Doch wenigstens können wir mit dem Zucker dienen, der ja in jeden richtigen Espresso gehört. Und dabei kommt es zu einem Déjà-vu – oder, passender – zu einem Déjà-lu: Es war nämlich der bereits kürzlich mit einem Doppelmalzbier präsentierte Josef Uridil, der es auch noch zum eigenen Süssstoff brachte: Die Säckchen hiessen hübsch und klassisch wienerisch Uridil-Zuckerln oder Kracheln.

Das wärs für den Moment. Die «Das Flüssige muss ins Hohle»-Serie wird nun eine Pinkelpause einlegen und dann Anfang November wieder mit neuen (Fussball-)Bier-Ideen und -Texten aufwarten. Wir wünschen gute Tage.

Das Flüssige muss ins Hohle (9)

Thomas Wyss am Samstag den 27. September 2014
Nachspielzeit

Paul «Gazza» Gascoigne wurde durch seinen Weinkrampf an der WM 1990 zur Kultfigur – und später zum Alkoholiker. «Gazza’s Tears» heisst ein kräftiges, nach ihm benanntes Cider.

Letzte Woche haben wir an dieser Stelle ein paar mehr oder weniger eigenwillige Fussballbierwerbungen vorgestellt, was auf Leserseite zu ein paar mehr oder weniger eigenwilligen Reaktionen und/oder Kommentaren führte. Gut so. Und deshalb wollen wir das Thema der ungewöhnlichen Produkte-Promotion heute weiterspinnen und uns fragen: Gibt es eigentlich auch Fussballbiere, die nach Spielern benannt sind?

Die Antwort sei vorweggenommen: Ja, die gibt es tatsächlich. Und darüber hinaus noch ein paar andere trink- oder essbare «Spezialitäten», deren Bezeichnung als Hommage an diesen oder jenen Spieler zu interpretieren ist. Diese Leckereien werden wir dann in der folgenden Woche vorstellen.

Da uns als Hauptinformationsquelle das grandiose «Knowledge Archive» der englischen Zeitung «The Guardian» diente, stammen die meisten der Beispiele selbstredend von der Insel. Unseres Wissens ist bislang noch keinem ehemaligen oder aktuellen Schweizer Spieler die offizielle Ehre einer Bier-Patenschaft zugekommen (nicht mal dem am ehesten prädestinierten Fritz Künzli), wir lassen uns aber selbstverständlich gerne belehren, sollten wir uns in diesem Punkt täuschen. Und damit zur Sache.

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Fussballer und ihre Biere

blog meloneEines der bekanntesten Biere, die nach einem Spieler benannt sind, ist das ivorische Solibra Bock, ein etwas dünnes, nicht allzu aromatisches Pale Lager, das in Abidjan gebraut wird. Es wird mit dem Slogan La bière de l’homme fort (das Bier für starke Kerle) beworben und kommt, passend dazu, in der Literflasche auf den Tresen. Wer eins will – und damit zum geehrten Fussballer –, sagt kurz und bündig: «Pour moi une Drogba, s’il te plaît!» Man munkelt jedoch, dass der kräftige Didier Drogba, der nach einer kleinen Weltreise durch Asien und Vorderasien nun, im zweiten oder gar dritten Herbst seiner Laufbahn, wieder für Chelsea stürmt, kein grosser Liebhaber des Solibras sei, er bevorzuge die Erzeugnisse der deutschen und britischen Braukunst.

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Kaum überraschend hat auch der als Spieler begnadete, doch nach der Karriere leider schwer dem Alkohol verfallene Paul «Gazza» Gascoigne ein Gebräu, das seinen Namen trägt. Es heisst «Gazza’s Tears» – was eine Anspielung auf die WM 1990 ist, als er die Three Lions mit überragenden Leistungen bis ins Halbfinale gegen Deutschland führte, in diesem Match aber verwarnt wurde, wodurch er fürs allfällige Endspiel (das man dann wegen des verlorenen Elfmeterschiessens aber verpasste) gesperrt gewesen wäre. Als Gascoigne dies realisierte, fing er auf dem Spielfeld hemmungslos an zu weinen, dieser Gefühlsausbruch machte ihn in der Heimat endgültig zur Kultfigur. Dementsprechend wurde der Supertechniker 1990 zur «BBC Sports Personality of the Year gewählt», was hierzulande dem Titel «Sportler des Jahres» entspricht. «Gazza’s Tears» ist ein würziges und mit zwölf Volumenprozent kräftiges Cider, das gemäss «Guardian»-Leser Ian Dodds immer wieder mal am jährlichen «Newcastle Beer and Cider Festival» ausgeschenkt werde und schlicht fantastisch schmecke.

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Poom_schnittWeniger bekannt dürfte hierzulande ein Mann namens Mart Poom sein – obwohl er im Jahr 2003 zum «Besten estnischen Fussballer der letzten 50 Jahre» erkoren wurde. Poom hütete 120-mal das Tor der Nationalmannschaft, zu besonderen Meriten und zu «seinem» Bier kam er aber durch den Clubfussball, insbesondere durch einen Match, der am 20. September 2003 stattfand. Im November des Vorjahres war Poom von Derby County zu Sunderland gewechselt, und just im Spiel gegen seinen Ex-Verein traf der Goalie in der 90. Minute per Kopf zum 2:2-Ausgleich für Sunderland. Der Treffer wurde vom euphorisierten Metro-Radio-Reporter Simon Crabtree mit der typisch englischen Übertreibung «The best headed equaliser by a goalkeeper against his former club in the last minute. Ever!» gefeiert. Und um noch einen draufzusetzen, fügte Crabtree, einen berühmten Film zitierend, hinzu: «It’s the Poominator, he’ll be back.» Steve Proudfoot von der in Sunderland situierten Kleinbrauerei Darwins Brewery hörte diese Worte und kam flugs auf die Idee, den Torhüter mit einem eigenen Ale – eben, dem Poominator – zu adeln, wobei die Etikette die Szene zeigt, in der Poom seinen Kopfballtreffer erzielt. Inzwischen ist Mart Poom (der übrigens 1993 auch 13 Einsätze für den FC Wil bestritt) zurückgetreten – und das Bier ausverkauft.

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blog radebee _schnittAuch Lucas Radebe, der frühere Captain der südafrikanischen Nationalmannschaft und von Leeds United, wo er von 1994 bis 2005 aktiv war, hat ein ihm gewidmetes Bier (inklusive dazu passendem Bierdeckel!) erhalten. Es hiess Radebeer und hatte als Zusatz den Vermerk «The Chief of All Ales», was eine Anspielung auf Radebes Übernamen «The Chief» war. Ein Leeds-Fan beschreibt seinen Charakter mit den Worten «noble, yet hard hitting, much like the legendary centre back». Und fürwahr, Lucas Radebe war ein höchst anständiger Kerl, auf und neben dem Platz – wofür er 2000 verdientermassen mit dem «Fifa Fairplay-Preis» geehrt wurde.

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blog uridil KopieWechseln wir noch kurz in unsere Breitengrade, oder etwas konkreter: ins Wien der 1920er-Jahre. Dort nämlich, beim SK Rapid Wien, behauptet eine österreichische Website, habe der «erste Popstar des europäischen Fussballs» gewirkt, nämlich der Stürmer Josef «Pepi» Uridil. Ist das mit dem ersten Popstar wahr, muss man Günter Netzer diesen Titel per sofort aberkennen. Und dass es wahrlich wahr sein könnte, zeigen die Fakten, die man bei Wikipedia zu Uridil findet: So widmete ihm Hermann Leopoldi, der bekannte Verfasser damaliger Wienerlieder, 1922 den Foxtrott «Heute spielt der Uridil». Zudem bekam er die Hauptrolle im Film «Pflicht und Ehre» (1924) und trat an der Leopoldstädter Rolandsbühne in der Revue «Seid umschlungen, Billionen» auf – notabene im grün-weissen Rapid-Trikot. Und selbstverständlich erhielt der «Tank», so sein Fussballerübername (was noch etwas weniger martialisch klang als das Pseudonym «Panzer», das man viele Dekaden später dem deutschen Mittelfeldspieler Hans-Peter Briegel bescherte), zu seinen Ehren auch ein herbes, kräftiges Bier, es hiess «Uridil-Doppelmalz».

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blog staun_300Interessanterweise sind es aber nicht nur Spieler, welchen eine bierige Hommage zuteilwurde, es gibt zumindest einen Spielleiter, der das ebenfalls schaffte – der im August dieses Jahres verstorbene Wolf-Dieter Ahlenfelder. Wobei sich der Schiedsrichter sein Getränk nicht mit einer herausragenden Leistung, sondern mit einem lustigen Fauxpas verdiente: Und zwar pfiff er am 8. November 1975 beim Bundesligaduell zwischen Werder Bremen und Hannover 96 bereits nach 32 Minuten zur Pause. Vom Linienrichter darauf aufmerksam gemacht, liess er danach weiterspielen, beendete die erste Hälfte aber gleichwohl 90 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit. Als die beiden Trainer reklamierten, beschwichtigte sie Ahlenfelder mit der Bemerkung: «Diese Kleinigkeit kann man ja in der zweiten Halbzeit anhängen.» Wie sich herausstellte, hatte der ebenso beliebte wie beleibte Ahlenfelder – dass er kein Kostverächter war, sah man von weitem – zum Mittagessen ein Bier und einen Malteser-Schnaps  gezwitschert (gemäss eigener Aussage; es gab auch Stimmen, die von der doppelten Menge sprachen), was bei ihm offenbar zu einem etwas anderen Zeitgefühl geführt hatte. Und ihm letztlich zu einer besonderen Aufmerksamkeit verhalf – wer in den Monaten und Jahren nach diesem Match in einer Bremer Kneipe einen «Ahlenfelder» bestellte, bekam ein Bier plus einen Malteser-Schnaps serviert. Die Frohnatur aus Oberhausen quittierte diese amüsante Tatsache mit dem Satz: «Da bin ich stolz drauf!»

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blog faxe_300Zum Schluss noch ein «verkehrtes» Beispiel, also ein Fall, in dem das Bier bereits auf dem Markt war, und ein Spieler nach ihm benannt wurde. Dieser Akteur war John Jensen, von 1992 bis 1995, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ein äusserst leistungsstarker Mittelfeldtraktor bei Arsenal und zudem 63-facher dänischer Nationalspieler. Sein Kosename, den ihm die Supporter der Nationalmannschaft verliehen hatten, war «Faxe» (in einigen Länderspielen soll er gar mit diesem Namen auf dem Trikot aufgelaufen sein), angelehnt an das gleichnamige dänische Lagerbier, dessen Slogan lautet: Beer For Real Men.

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Das wärs für heute. Dass diese Auflistung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, versteht sich von selbst. Und wie bereits angekündigt: Nächsten Samstag folgen jene Fussballer, deren Namen nicht durch Biere, aber dafür durch andere Köstlichkeiten verewigt wurden.

Das Flüssige muss ins Hohle (8)

Thomas Wyss am Samstag den 20. September 2014
Nachspielzeit

«Astra. Was dagegen?»: Holger «Stani» Stanislaswski, Clublegende und Werbebotschafter.

Wie vor Wochen im Intro erwähnt, wollen wir uns in dieser Rubrik nicht ausschliesslich mit Fussball- oder Stadionbieren in flüssiger Form beschäftigen, sondern bisweilen auch den einen oder anderen Neben(schau)platz bespielen. Dabei könnte man zum Beispiel mal die Tatsache aufgreifen, dass überraschend viele Brauereien, die mit ihren Bieren in forciertem Masse auf Fussballfans abzielen, werbemässige Eigentore am Laufmeter produzieren. Ja, und weil man das tun könnte, wollen wir es heute auch tun.

Wer befürchtet, es folge nun entweder eine moralinsaure Bergpredigt oder aber eine pseudowissenschaftliche Abhandlung über solches Macho-Marketing im Kontext des Feminismus-Diskures, sei beruhigt: Weil die ausgewählten Beispiele sowieso mehr oder weniger für sich selbst sprechen, wollen wir ihnen auch nicht gross dreinreden – wir liefern plusminus die nötigen Basisinformationen und gestatten uns den Spass, eine streng subjektive Top 5 zu basteln, den Rest überlassen wir der Blog-Leserschaft.

Wichtig sind aber noch zwei Punkte: Erstens haben wir uns ausschliesslich auf Europa beschränkt; Fussballbierwerbung aus dem Rest der Welt werden wir zu einem späteren Zeitpunkt unter die Lupe nehmen. Zweitens ist dies nur eine in Eile entstandene Kleinstauswahl – was indirekt eine Einladung an die Rubriken-Freunde ist, selbst entdeckte Beispiele nachzureichen. Hier unsere kleine Steilvorlage:

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NSZ_Astra1. Astra
Unter dem Namen Astra werden verschiedene Biersorten gehandelt. Das bekannteste ist das «Urtyp», dessen Rezept aufs Jahr 1909 zurückgeht. Hergestellt wurde es bis 2003 in der Hamburger Bavaria-St. Pauli-Brauerei, die sich zwischen den Landungsbrücken und der Reeperbahn befand, inzwischen aber abgerissen wurde. 1998 wurde die Brauerei von der Holsten-Brauerei AG (die ihrerseits zur Carlsberg-Gruppe gehört) aufgekauft, welche seither für die Astra-Produktion zuständig ist.

Wegen der Nähe zum Stadtteil St. Pauli und dem dortigen Millerntor-Stadion, prangte der Astra-Schriftzug viele Saisons auf den Trikots des FC St. Pauli. Weil sich auch gewisse Clubheroen wie der langjährige Innenverteidiger und spätere Trainer Holger «Stani» Stanislaswski als Astra-Liebhaber outeten, war das Bier mit dem Claim «Astra. Was dagegen?» auch bei den treusten der Treuen in den Fankurven äusserst populär – was unter anderem der ironische Slogan «Pauli ist wie Astra: Ein gewöhnliches Produkt mit gutem Marketing» unterstreicht.

In letzter Zeit war das einst gute Astra-Marketing vielen der hartgesottenen Supportern aber zu viel des Guten; gerade das Tatsch-Screen-Sujet kam gar nicht gut an.

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NSZ_penis2. Ursus
Ursus ist das meistverkaufte Bier Rumäniens und das offizielle Stadionbier des Vereins CFR Cluj, was nicht überrascht, schliesslich wird es seit 1878 in der Stadt Cluj-Napoca gebraut. Den grössten Erfolg feierte der Verein in der Saison 2008/9, als er es bis in die Gruppenphase der Champions League schaffte, dort auf den FC Chelsea, die AS Roma und Bordeaux traf – und im Römer Olympiastadion den aktuellen italienischen Vizemeister mit 2:1 besiegte. Die Ursus Brauerei ist inzwischen aber nicht mehr unabhängig, sie gehört SAB Miller an, dem zweigrössten Brauereikonzern der Welt.

2003 sponserte Ursus eine rumänische Expedtion zum Mount Everest. Gut möglich, dass auf diesem Trip auf 8848 Meter Höhe und in grausiger Kälte auch jener Werber dabei war, der dann – von den Bergstrapazen offensichtlich noch immer nicht ganz erholt – Jahre später für Ursus die etwas gewöhnungsbedürftige «Hulk»-Kampagne entwickelte.

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NSZ_Akt3. Altenburger
Altenburger – nomen est omen – ist eine 1871 gegründet und damit historische Brauerei in der ostthüringischen Stadt Altenburg; das Brauereigebäude befindet sich im Stadtteil Kauerndorf. Populär ist dieses Spiel vor allem bei den Fans des SV Motor Altenburg e.V., der heute auf ziemlich bescheidenem Niveau in der ziemlich bescheidenen Thüringenliga kickt.

Allerdings hatte der Sportverein – der auch Judo-, Kegeln-, Tischtennis- und Turn-Sektionen betreibt – unter seinem früheren Namen BSG Motor Altenburg (BSG stand für Betriebssportgesellschaft) zwischen 1949 und 1952 in der damaligen DDR-Oberliga ein paar beachtliche Erfolge erzielt – und mehrere spätere DDR-Nationalspieler hervorgebracht. Die bekanntesten sind Torhüter Perry Bräutigam, der heute als Torwarttrainer bei RB Leipzig amtet, und Uwe Rösler, der aktuell den englischen Zweitligisten Wigan Athletic coacht.

Was die hier präsentierte Bierdeckelwerbung («Heiss geliebt, kalt getrunken») für das Altenburger Premium betrifft, kann man nur wieder mal milde lächelnd ein schönes Bonmot ins Spiel bringen, das da kurz und bündig lautet: «Alter schützt vor Torheit nicht».

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NSZ_recht4. Ottakringer
Auf Rang vier folgt gleich nochmals ein geschichtsträchtiges Unternehmen, nämlich die letzte verbliebene Grossbrauerei Wiens, die anno 1838 von Heinrich Plank unter dem Namen Planksche Brauerei ins Leben gerufen wurde. Die Produktionshallen befinden sich in Ottakring, dem 16. Bezirk von Österreichs Kapitale, und dementsprechend heisst das Gebräu Ottakringer und ist das offizielle Stadiongetränk des WS Ottakring, der in der Wiener Oberliga A um Meriten kämpft. Beliebt sind die Ottakringer Brauprodukte aber auch bei den Fans der Grossvereine Rapid und Austria.

Werbemässig erstmals verhaltensauffällig wurde die Ottakringer Brauerei im Jahr 2004, als sie das vermeintlich trendige «Urban Ottakringer» (UO) auf den Markt brachte. Da die Flasche keine sogenannte Bauchetikette hatte, wurde sie mit dem Slogan «Unten Ohne» vermarktet – was im Gegensatz zu den Plakatkampagnen neueren Datums fast himmelschreiend originell wirkte.

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Hirter Bier, Werbung, Erotik, Plakat, GewistaFoto: Clemens FabryNSZ_hirtermann5. Hirter
Auch der letzte Platz – der in diesem Fall mit «der harmloseste» gleichgesetzt werden kann – geht nach Österreich. Und zwar an die Kärtner Brauerei Hirt in der Ortschaft Micheldorf, ihres Zeichens die zweitälteste Privatbrauerei des Landes. Laut Wikipedia wurde die «Hirter Taverne», aus der die Brauerei später entstand, bereits 1270 erstmals erwähnt – und zwar mit dem lateinischen Satze (ja, wir treiben hier nicht nur Getränke-, sondern auch Bildungsjournalismus) «Item taberna in Hurde solvit talentum unum» («Ebenso zahlt die Taverne in Hirt ein Talent») im «Gurker Urbar», dem Güter- und Anlageverzeichnis des Domkapitels Gurk.

Tempi passati. Heute ist auch Hirt eine ganz normale Brauerei, die trotz des Slogans «Das Besondere ist selten genug» ein paar ganz normale Biere braut. Dass es die Firma Hirt wagte, gerade im stockkonservativen Kärnten, nicht nur nackige Fraue,n sondern auch entblösste Kerle als «Fasstypen» aufs Plakat zu hieven, wurde ihr in der nicht selten sittenstrengen österreichischen Presse hoch angerechnet – auch wenn man dann bei der «reinen» Ästhetik der Fotos ein paar Abzüge machte.

Das Flüssige muss ins Hohle (7)

Thomas Wyss am Samstag den 13. September 2014
Hier gibt es die beste Stadionwurst der Schweit: Beim SC Brühl im Paul-Grüninger-Stadion in St. Gallen. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Hier gibt es die beste Stadionwurst der Schweiz, und das passende Bier. Fotos: Ennio Leanza (Keystone)

Heute ist der Titel nur zur Hälfte korrekt – für einmal muss nämlich nicht das Flüssige, sondern im besten Fall das Knackige und im schlechteren Fall das Gummige ins Hohle. Genau, es geht um die Wurst. Noch genauer: um die Stadionwurst.

Da wir seit Beginn dieser Blog-Serie ja bereits acht oder neun Fussballbiere aus aller Welt ausprobiert haben (zumindest in virtueller Form), fanden wir, es sei sicher vernünftig, zwischendurch auch mal was zu essen … nicht dass wir dann plötzlich so richtig heftig «einen am Helm haben», wie Musiker Michael «Flury» Flury gern zu sagen pflegt. Und weil Matchbesucher hierzulande halt weder Gemüse-Sushi noch Salatbowlen oder Tofu-Burger verspeisen, sondern sich mehrheitlich auf die Bratwurst verständigen (im Tessin ist es die Luganighe und im Welschland bisweilen die Saucisson, aber auch das sind am Ende des Tages noch immer Würste), können wir den «veganen» Teil der Leserschaft heute nicht wirklich mitberücksichtigen, pardon.

Hinter Stadionsprecher Urs Baumgartner steht eine Dose «Schützengarten»: Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Hinter Stadionsprecher Urs Baumgartner steht eine Dose aus dem Hause Schützengarten.

Wie auch immer, zurück zur Sache. Und damit zu einer Tatsache, die lautet: Wurst ist nicht gleich Wurst – die Qualitätsunterschiede sind bisweilen so gigantisch wie die Differenzen bei den Goldreserven pro Einwohner in den einzelnen Ländern (in der Schweiz betrug diese Reserve 2008 exakt 136,86 Gramm, in Litauen waren es damals 1,71 Gramm). Blöderweise hatten die Schweizer Fussballfans jahrelang keine Ahnung, bei welchem Auswärtsspiel sie sich auf die Wurst würden freuen können, und wo sie damit rechnen mussten, nach dem Verzehr mit «Ranzenpfeifen» auf der Tribüne zu stehen.

Abhilfe geschaffen haben die Zürcher Fussball-Aficionados Roli Hofer, Alex Hofmann und Michi Benz, die 2010 eine Stadionwurst-Untersuchung in die Wege leiteten, welche ein Jahr später zu einem wunderbaren, bilderstarken Buch namens «Stadionwurst. Der Fussballschweiz auf die Pelle gerückt» führte – das unter anderem mit der folgenden Wahrheit beworben wurde:

buch

«Die Stadionwurst ist mehr als eine Verpflegung – sie ist eine Fleisch gewordene Metapher für das Fan-Sein, für die Liebe zum Fussball und zum Live-Spiel!»

Item. Jedenfalls schickte das Trio damals 18 Fotografinnen und Fotografen sowie 23 Autoren in die Heimstätten aller damaligen Super- und Challenge-League-Clubs. Die Aufgabe an die Texter lautete: «Spiel schauen, Atmosphäre einfangen, Wurst testen und anhand des beiliegenden Kriterienblattes beurteilen (bitte streng sein!!!)». Alle taten, wie ihnen geheissen – und natürlich waren alle gespannt, was für ein Resultat sich bei diesem fundierten Test ergeben würde. Es gab im Vorfeld klare Favoriten wie die AFG-Arena des FC St. Gallen oder das Stade de Suisse, wo die berühmte «YB-Wurst» (ein gekochter Schüblig) angeboten wird. Und es gab ebenso klare Aussenseiter wie das Stadio Comunale Lido des FC Locarno, das Stadio Comunale der AC Bellinzona (die Tessiner können vieles, aber die klassische Bratwurst, nee, die gehört nicht dazu) oder den Letzigrund, wo Fans beobachteten, wie die Würste in der Mikrowelle «gegrillt» wurden.

GRILL, BRATWURST, BRATWUERSTE, AUFSTIEGSSPIEL, AUFSTIEGSRUNDE, AUFSTIEGSSPIEL CHALLENGE LEAGUE, FC BREITENRAIN, SC BRUEHL ST. GALLEN,

Auswärtsspiel, Auswärtsgrill: Zuschauer des FC Breitenrain und des SC Brühl St. Gallen verpflegen sich am 1. Juni 2011 auf dem Spitalacker in Bern. Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Ja, und irgendwann stand das Resultat fest, und die Schweizer Fussballwelt staunte nicht schlecht: Die beste Stadionwurst der Nation gab es nämlich im Paul-Grüninger-Stadion – dem sehr offenen Fussball-Tempelchen des damals eben in die Challenge League aufgestiegenen SC Brühl St. Gallen, bei dem damals noch Marc «Fussballgott» Zellweger als Aktiver mittat!

Die Wurst

Die Kalbsbratwurst – es war übrigens das einzige der 18 getesteten Produkte, welches das Prädikat «perfekt» erhielt – stammte von der Metzgerei Bechinger aus St. Georgen. Was das Geheimnis ihrer famosen Wurst ist, wollte der Metzgermeister selbstverständlich nicht verraten (Gerüchteweise soll er, danach gefragt, lächelnd geantwortet haben: «Miraculix erzählt ja auch nicht, was er alles in seinen Zaubertrank mixt»). Für den stolzen SC Brühl besonders schön war, dass man – im Gegensatz zu den 2011 ausgetragenen Derbys auf dem (mehrheitlich) grünen Rasen – dieses Duell mit dem grossen FC St. Gallen eindeutig hatte für sich entscheiden können; die Wurst des FCSG wurde mit «War früher besser» abgekanzelt, sie landete im breiten Mittelfeld.

Die passende Begleitung

Am besten kommt die Siegerwurst natürlich mit dem beim SC Brühl ausgeschenkten Schützengarten-Bier, einem der anständigsten Schweizer Fussballbiere.

Was es sonst noch zu sagen gibt

POLIZEIHAUPTMANN, FLUCHTHELFER, FLUECHTLINGSHELFER

Die bekannteste Figur des SC Brühl St. Gallen war Paul Grüninger – das Kleinstadion trägt nicht zufällig seinen Namen –, der 1914 als linker Flügelstürmer mithalf, den Schweizermeistertitel nach Brühl zu holen. Nach seiner Aktivlaufbahn amtete Grüninger auch als Präsident des Vereins. Historisch weitaus relevanter war aber Grüningers Wirken als St. Galler Polizeihauptmann: Indem er Einreisevisa und andere Dokumente vordatierte oder fälschte, rettete er vor dem Zweiten Weltkrieg rund 4000 jüdischen Menschen das Leben, die dank seinen Manipulationen kurz vor Kriegsausbruch noch in die Schweiz einreisen konnten und dadurch von den Nazis verschont blieben.

Als seine Taten ans Licht kamen, wurde er ohne Anspruch auf Rente aus dem Polizeidienst entlassen und später zu einer hohen Geldstrafe wegen Amtspflichtverletzung verurteilt. Grüninger starb 1972 absolut verarmt in St. Gallen.

SCHWEIZ PAUL GRUENINGER STADION

Mit der Namengebung Paul-Grüninger-Stadion erhielt der ehemalige Präsident eine späte Wiedergutmachung seines Sportvereins Brühl. Foto: Regina Kühne (Keystone)

23 Jahre nach seinem Tod hob das Amtsgericht St. Gallen das Urteil gegen ihn auf und sprach ihn posthum frei, 1998 entschied die Kantonsregierung, den Nachkommen Paul Grüningers eine Entschädigung zu bezahlen, mit der die Paul-Grüninger-Stiftung finanziert wurde, die sich für die Menschenrechte einsetzt. In St. Gallen, Zürich, Stuttgart und den israelischen Städten Jerusalem und Kirjat Ono wurden Strassen und in Wien eine Schule nach Paul Grüninger benannt.

England the Brave!

Thomas Wyss am Montag den 8. September 2014
Britain Soccer England Norway

Hände hoch: Wayne Rooney feiert seinen Treffer gegen Norwegen, den einzigen des letzten Testspiels. Fotos: Alastair Grant (AP Photo)

Die englische Nationalmannschaft befindet sich in einer «grossen Depression» – und das noch bevor sie mit dem heutigen Spiel gegen die Schweiz in die EM-Qualifikation startet. Dies behaupten zumindest die Medien des Königsreichs, und zwar für einmal nicht nur die treffsicher verletzenden Revolverblätter, sondern auch die BBC oder die «Times».

Britain Soccer England Norway

Luft nach oben: Noch nie kamen so wenige Fans ins Wembley, um die «Three Lions» zu sehen.

Diese erschütternde Diagnose folgte nach dem biederen 1:0 am letzten Mittwoch im Testspiel gegen Norwegen, für das sich – wohl auch wegen der miesen WM-Kampagne mit dem Vorrunden-Out – gerade mal noch 40’000 Anhänger für einen Besuch im Wembley zu erwärmen vermochten. Das knapp halb gefüllte Stadion bedeutete einen tristen Minusrekord: In der Geschichte des englischen Fussballs waren bei einem Match in diesem Fussballtempel noch niemals weniger Zuschauer gezählt worden – ein Faktum, das ein paar Leute zum Hashtag #ThingsBetterThanBeingAtWembleyRightNow inspirierte, die zynische Spontanaktion wurde im Königreich ein grosser Erfolg.

Statt nun in diesen allgemeinen Pöbel-Chor einzustimmen und den Abgesang um ein paar Strophen zu verlängern, wollen wir an dieser Stelle in kurzer Form daran erinnern, was wir der englischen Fussballnationalmannschaft – ja der britischen Fussballkultur im Allgemeinen – seit den 60er-Jahren alles zu verdanken haben. Hier die Top-5-Liste, die selbstverständlich unvollständig ist und nach Belieben verlängert werden darf.

1. Das Elfmeter-Drama. 1990 ein 4:5 im WM-Halbfinal gegen Deutschland, 1996 ein 5:6 im EM-Halbfinal gegen den selben Gegner, 1998 ein 3:4 im WM-Achtelfinal gegen Argentinien, 2004 ein 7:8 im EM-Viertelfinal gegen Portugal, 2006 ein 1:3 im WM-Viertelfinal gegen den gleichen Kontrahenten, 2012 ein 2:4 im EM-Viertelfinal gegen Italien. Ohne den legendären Penalty-Fluch der «Three Lions» wäre Fussball wohl heute noch eine ganz gewöhnliche Sportart.

2. Das Wembley-Tor. Das sogenannte «Wembley-Tor» von England-Stürmer Geoff Hurst am 30. Juli 1966 in der 101. Minute des WM-Finals zwischen England und Deutschland zum zwischenzeitlichen 3:2 ist wohl der berühmteste aller umstrittenen Treffer in der Geschichte der Historie des WM-Fussballs – knapp vor dem Treffer der «Hand Gottes» (dargeboten in irdischer Gestalt von Diego «El Pibe de Oro» Maradona) am 22. Juni 1986 im WM-Viertelfinal zwischen Argentinien, und logo, England.


Das «Wembley-Tor» hat nicht nur den Schweizer Postbeamten und Amateur-Schiedsrichter Gottfried «Godi» Dienst zum berühmten Mann gemacht, es hat auch aufgezeigt, dass es im Fussball niemals nur eine Wahrheit gibt (daran wird auch die moderne Torlinien-Technik nichts ändern). England erzielt Jahrzehnte später nochmals eine Art «Wembley-Tor», und zwar 27. Juni 2010 im WM-Achtelfinal gegen Deutschland durch Frank Lampard. In diesem Fall war der Ball allerdings deutlich hinter der deutschen Torlinie aufgesprungen – was die ganze Welt gesehen hatte – die ganze Welt mit Ausnahme des uruguayischen Schiedsrichters Jorge Larrionda und dessen Landsmann und Assistent Mauriciso Espionsa.

3. Die Fliegenfänger. Wohl noch älter als der Penalty-Fluch ist Englands traditionelles Torhüter-Problem. Wobei die akute und bis heute andauernde Phase der Misere mit Peter Shiltons Fehlgriff begann, der nach einem zwar abgefälschten, aber doch haltbaren Freistoss von Andy Brehme im WM-Halbfinal am 4. Juli 1990 elegant daneben langte. Die Namen anderer englischen Antihelden auf dem Goalieposten sind David Seaman, David James, Paul Robinson – und ja, last but not least die aktuelle Nummer 1 Joe Hart, der auch gern mal in die Luft statt nach dem Ball greift. Kurz und gut: Ohne Englands nationale Fliegenfänger wären die WM- und EM-Spiele (oft bereits in der Qualifikation) nur halb so unterhaltsam, wie sie manchmal sind.

4. Der absurdeste Match. Ebenfalls in die Kategorie «Humor» gehört der nächste Punkt: Der absurdeste Fussballmatch, der jemals stattfand! Obwohl ihn die berühmte britische Komiker-Truppe des Monty Python’s Flying Circus inszenierte, war England selbst nicht daran beteiligt – das Spiel fand nämlich in Form eines Sketches zwischen den grossen Philosophen Deutschlands und Griechenlands statt, notabene anno 1972 im Münchner Olympiastadion.


Beteiligt waren auf deutscher Seite unter anderem Kant, Schopenhauer, Hegel, Wittgestein, Jaspers, Nietsche, Heidegger, Marx und Franz Beckenbauer (!), für die Griechen liefen Denker wie Archimedes, Platon, Sokrates, Aristoteles, Sophokles, Epikur oder Heraklit auf, als Schiedsrichter amtet Konfuzius. Den einzigen Treffer der Partie erzielt Sokrates in der 90. Minute aus Abseitsposition, Nietzsche erhält eine gelbe Karte, nachdem er Konfuzius bezichtigt hat, dass er keinen freien Willen besitze. Erst wer dieses Spiel gesehen hat, weiss, weshalb im und um den Fussball immer so viel diskutiert wird.

5. Geburt des Fangesangs. Wenn es nicht wahr ist, ist es mindestens gut erfunden: Die «Tatsache», dass der modernen Fussballfangesang auf ein im Nebel versunkenes Spiel im Jahr 1963 an der Anfield Road in Liverpool zurückgeht. Wer die Geschichte dazu lesen mag: Hier ein Beitrag aus «11 Freunde», dem führenden deutschsprachigen Fussballkulturmagazin.

England the Brave, alles wird gut! Wer weiss, vielleicht gelingt ja heute Abend in Basel ein diskussionsloser Sieg gegen die Schweiz, der sich danach zu einem geradezu historischen Triumphzug entwickelt, an dessen Ende Wayne Rooney in der Nacht vom 10. Juni 2016 im restlos ausverkauften Stade de France in Paris im Beisein der Queen den EM-Pokal in die Höhe stemmen wird.