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«Der mit dem Bart. Derjenige, der nie lacht»

Guido Tognoni am Montag den 18. Juni 2018
Nachspielzeit

So sieht Torjubel bei Diego Costa aus: Der Spanier nach seinem Treffer zum 2:2 gegen Portugal. Foto: Friedemann Vogel (Keystone)

Fussball ist der weitaus beliebteste Sport am Fernsehen. Was das Fernsehen den Zuschauern bietet, wird stets als Selbstverständlichkeit konsumiert, ist aber letztlich technisch fantastisch. Die Taktik der Mannschaften kann weitgehend entschlüsselt werden, technische Fehler der Spieler werden unnachsichtig gezeigt, schöne und weniger schöne Tore beliebig oft wiederholt, hinterlistige Fouls schonungslos entlarvt. Und dank der Hilfe der Videotechnik sind die Schiedsrichter inzwischen nicht mehr die einsamsten Entscheidungsträger unseres Planeten, die aus schwieriger Optik Urteile fällen müssen, welche niemand versteht. Dank den Bildern des Fernsehens, die von Experten ausgewertet werden und dem Schiedsrichter Entscheidungshilfe liefern, ist der Fussball gerechter geworden, ohne dass er seine Faszination einbüsst.

Die Zuschauerzahlen am Fernsehen werden bei Grossveranstaltungen meistens viel zu hoch angegeben. In einem Sport, in dem das Geld noch wichtiger ist als anderswo, müssen es immer Milliarden sein, die sich vor den Bildschirmen versammeln. Als ob einige Hundert Millionen nicht auch genug wären – die genauen Zahlen kennt jedenfalls niemand. Aber sicher ist, dass der weibliche Teil des Publikums in den vergangenen Jahren markant zugenommen hat.

Immer mehr Frauen lassen sich von den Emotionen, die der Fussball verbreitet, anstecken, und immer mehr Frauen finden es toll, Typen wie Cristiano Ronaldo zuzuschauen, auch wenn sie die meisten Spieler nicht kennen. Dass es vermutlich mehr Frauen als Männer anspricht, wenn Fussballer nach dem Spiel oder nach Torerfolgen als Zeichen des Triumphs ihre fettfreien Oberkörper zur Schau stellen, sollte aus Gründen politischer Korrektheit nicht erwähnt werden. Solches Verhalten könnte sexistisch sein.

Aber dass Frauen die Fussballer anders beurteilen als Männer, ist offensichtlich. Wie gesagt, fast alle Zuschauerinnen kennen Cristiano Ronaldo. Aber auf meine Frage, wer denn beim Spiel Portugal – Spanien der beste Spanier gewesen sei, erhielt ich von einer Freundin die folgende Auskunft: «Der mit dem Bart. Derjenige, der nie lacht.» Erkennen kann man solche Details nur im Fernsehen. Portugal – Spanien war denn auch das erste Spiel meines Lebens, das ich als Aufzeichnung in voller Länge anschaute, obwohl ich das Ergebnis bereits kannte. Und tatsächlich, da gab es einen solchen Typen: Diego Costa schoss zwei Tore und spielte hervorragend. Dass er nicht einmal nach seinen Treffern lachte und seine Mimik immer freudlos blieb, das konnte nur einer Frau auffallen.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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5 Kommentare zu “«Der mit dem Bart. Derjenige, der nie lacht»”

  1. Anh Toàn sagt:

    Das ist mir auch schon aufgefallen. Sieht man sich ein Fussballspiel mit einer fusballtheoretisch unbedarften Frau an, erwähnt die laufend Dinge, über die kein Fussballkommentator der Welt ein Wort verlieren würde. Ich sage keiner, weil Beni kommentiert ja nicht mehr.

  2. Aya sagt:

    So ein Schwachsinn. Ich bin eine Frau und ich kenne die Namen praktisch aller Spieler auf dem Feld sowie die der Clubs, bei denen die Spieler unter Vertrag stehen. Ganz im Gegensatz zu meinem grossen Bruder, der nach dem Spiel Brasilien-Schweiz vor allem die Frisur von Neymar Jr. kommentiert hat.
    Das Phänomen, das Sie beschreiben, ist natürlich geschlechterunabhängig. Es kommt alle 4 Jahre vor und scheint auch auf Sie zuzutreffen: Das plötzliche Auftauchen selbsternannter FussballexpertInnen, die lautstark jedes Spiel kommentieren, ohne jegliches Fachwissen. In meiner Erfahrung sind es dabei öfters die Männer, die so tun, als sei ihnen das Talent der Sportanalyse in die Wiege gelegt worden

  3. Martin sagt:

    Mir als Mann fällt auf, dass Fussball-Spieler – eine notabene nicht wahnsinnig hart geführte Sportart – immer mehr Tattoos getragen werden. Müssen hier Bubis zeigen, dass sie Männer sind. Diese Tattoo-Flut ist weder im Rugby, Hockey, Velofahren oder Boxen zu beobachten. Alles viel härtere Sportarten.

    • Dominique Boeckli sagt:

      Naja, dieses Phänomen mit den Tattoos ist auch im Alltag zu beobachten und somit in allen Sportarten. Jedem das seine! Herr Martin, wo befindet sich denn ihr Tattoo?

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