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25 Milliarden für Anlässe, die niemand will

Guido Tognoni am Mittwoch den 18. April 2018
Nachspielzeit

Die Club-WM war bisher eher Pflicht als Kür: Cristiano Rolando hat den Wettbewerb 2016 mit Real Madrid gewonnen. Foto: Yuya Shino (Keystone)

Tollhaus Fussball: Ein internationales Konsortium hat gemäss Enthüllungen der «New York Times» der Fifa den Betrag von 25 Milliarden Dollar – 25 Milliarden! – geboten, um im Gegenzug alle vier Jahre eine Clubweltmeisterschaft durchzuführen und dazu die Rechte an einem globalen Wettbewerb für Nationalmannschaften zu erhalten. Die Club-WM soll 24 Vereine, darunter 12 aus Europa, umfassen, das Format des interkontinentalen Wettbewerbs für Nationalmannschaften wird nicht näher beschrieben.

Zurzeit vermisst kein Fussballfan irgendwelche zusätzlichen Wettbewerbe, aber 25 Milliarden Dollar sind nun einmal auf den Rasen geworfen worden, und wenn Geld im Spiel ist, machen am Ende alle mit. Auch bei der wahnwitzigen Summe von 25 Milliarden werden zuerst die üblichen Einwände – keine Termine, überlastete Spieler – vorgebracht, aber das sind nur symbolische Reflexe, die sich spätestens dann legen, wenn die Verteilung des Geldes zur Sprache kommt. Fifa-Präsident Gianni Infantino wurde von seinem Council vorderhand einzig im Vorgehen gebremst. Angeblich soll die Offerte nur eine Bedenkzeit von zwei Monaten haben, und ein solcher Schnellschuss wurde Infantino nicht zugestanden.

Neid unter Nachbarn

Allein das geforderte Tempo müsste zu denken geben. Wenn zur Eile gerufen wird, ist immer Vorsicht geboten. Zumal der in der Offerte genannte Betrag Fragen aufwirft. Offensichtlich sind da keine Fussballkenner am Werk, denn die Club-WM, bisher mit acht Mannschaften eine wenig beachtete und mehr lästige Pflicht als fussballerische Kür, ist auch mit 24 Mannschaften niemals Milliarden wert. Zudem müssten die Milliarden von den gleichen Fernsehunternehmen wieder eingefordert werden, welche die bereits jetzt bestehenden Wettbewerbe nicht refinanzieren können, nicht zu reden von der immer schwierigeren Suche nach globalen Sponsoren. Und nicht zuletzt wird das beste Fussballprodukt unserer Tage, die Uefa Champions League, durch die Teilnahme von Mannschaften aus Afrika, Asien und Nordamerika keineswegs verbessert, sondern höchstens verwässert.

Was soll das Ganze also? Stecken politische Absichten hinter diesem Projekt? Mit Geld konnte im Fussball schon immer Politik betrieben werden. Man muss daran erinnern, dass die Fussball-WM 2022 in Katar bei den neidischen Nachbarn am Golf nach wie vor wie ein brennender Stachel im Fleisch steckt. Wenn nun gleichzeitig mit der Wahnsinnsofferte für eine erweiterte Club-WM aus dem arabisch-asiatischen Raum die Idee inszeniert wird, dass das Teilnehmerfeld der Endrunde bereits 2022 von 32 auf 48 Mannschaften aufgeblasen werden soll, kann das kein Zufall sein. An Katar 2022 wird hinter den Kulissen seit der Vergabe herumgesägt. Mit der Aufstockung auf 48 Mannschaften könnte das kleine Emirat gezwungen werden, einige Spiele in der Nachbarschaft bei den verfeindeten Brüdern auszutragen – es wäre eine Demütigung für Katar und ein Triumph für Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Früher herrschte das eiserne Prinzip, während des Spiels nicht die Regeln zu ändern. Die Geldsucht hat auch dieses Prinzip aufgeweicht. Man darf gespannt sein, was in Kürze noch alles auf den Fussball zukommt.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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5 Kommentare zu “25 Milliarden für Anlässe, die niemand will”

  1. Sandro sagt:

    Wie, was… internationaler Fussball? Wen kümmert das noch?

  2. loulou55 sagt:

    “Die Geldsucht hat auch dieses Prinzip aufgeweicht. Man darf gespannt sein, was in Kürze noch alles auf den Fussball zukommt.”
    Hoffentlich der totale Kollaps des bezahltenProfifussballs und des korrupten Ladens namens FIFA!
    Nicht mehr und nicht weniger wünsche ich mir.

    • Alexander Wetter sagt:

      mir ist schon seit langer Zeit schleierhaft, dass man den Fussball üeberhaupt noch unterstützt, denn dieser scheint nur noch mit Gewalt, Korruption und all unerdenkliche kriminelle Energie verbunden zu sein. Dazu kosten diese Gewaltausbrüche dem Steuerzahler jedes Wochenende Millionen an Schutz und Sicherheits-Gelder. Die Degenerierung der Menschen offenbart sich im Fussball

  3. Linus Luchs sagt:

    Wie sich der Fussball durch seinen eigenen Gigantismus jeglichen Zaubers beraubt, ist ein Lehrstück über die Folgen des ungebremsten Kapitalismus’. Wo die Gier herrscht, kommen Vernunft, Augenmass, Anstand, Ethik und letztlich der Mensch unter die Räder.

  4. Tom Maier sagt:

    Der Fussball hat schon einige Zeit einen sehr schlechen Beigeschmack. Eigentlich sollte man diesen Sport gar nicht mehr unterstützen mit dem Ansehen von Spielen, aber ich gebe zu die CL zu geniessen. Aber je länger rumgewurstet, korrumpiert und offensichtlich manipuliert wird je mehr verleidet es.
    Ob ich die künftige WM in RU überhaupt mitverfolge weiss ich noch nicht, sonderlich Lust habe ich bislang auf jeden Fall nicht, und jede neue Negativmeldung setzt noch eins drauf.

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