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WM 2026: «Dreckloch-Staaten» für Marokko

Guido Tognoni am Montag den 15. Januar 2018

Nicht nur der Pokal weckt Begehrlichkeiten: Wer darf – wie Brasilien 2014 – die WM 2026 austragen? Foto: Eraldo Peres (AP, Reuters)

US-Präsident Donald Trump bestreitet zwar die Verwendung des Begriffs «Dreckloch-Staaten», aber dass die Quellen aus Trumps Umfeld eine solche Aussage erfunden haben, ist angesichts der eher rustikalen Ausdrucksformen Trumps ziemlich unwahrscheinlich. Und selbst wenn Trump im Zusammenhang mit der Diskussion um die Zuwanderung aus dem Ausland im konkreten Fall falsch zitiert worden wäre, das globale PR-Desaster ist angerichtet und lässt sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Davon betroffen ist auch der Fussball. Marokko, Kandidat für die WM-Endrunde 2026 und in dieser Rolle Gegner der Dreier-Kandidatur USA, Kanada und Mexiko, mag in den Wertekategorien Trumps ein Grenzfall in Richtung Dreckloch-Staat sein, aber im übrigen Afrika gibt es viele Länder, über deren Qualifikation sich trefflich mit Trump diskutieren liesse. Wie auch immer: Die Dreckstaaten-Debatte ist für die Kandidatur Marokkos ein Geschenk des Himmels. Bereits haben 54 afrikanische Staaten von Trump eine Entschuldigung gefordert, und der verbale Ausreisser wird bis zur WM-Vergabe im kommenden Sommer in Moskau sicher sorgsam gehegt.

Für die von den USA angeführte nordamerikanische Kandidatur, ursprünglich als Selbstläufer gedacht, wird es unerwartet eng werden. Nicht nur die Dreckstaaten-Diskussion wird eine Rolle spielen, sondern auch der neue Wahlmodus. Anstelle des skandalumwitterten Exekutivkomitees lässt die Fifa nach langer Zeit erstmals wieder den Kongress der über 200 Verbände über die WM-Vergabe abstimmen. Zudem: an diesem Kongress werden nicht nur zahlreiche Delegierte aus trumpschen Dreckloch-Ländern abstimmen, sondern es wird noch ein anderes Argument zu bedenken geben.

Es waren die Amerikaner, welche im Dezember 2015 in der «Nacht von Zürich» die Verhaftung von mehreren Spitzenfunktionären der internationalen Fussballszene veranlasst hatten und damit die internationale Funktionärsriege und die Fifa in einen Schockzustand versetzten. Die Folgen sind immer noch nicht ausgestanden, die Ermittlungen halten an, und in New York warten Angeklagte auf ihr Urteil. Und wenn diesen Sommer die Funktionäre die Wahl zwischen einer ungefährlichen Reise nach Marokko oder einer riskanten Reise in die USA haben, dürfte für manchen von ihnen nicht «USA First», sondern das rein persönliche «Safety First» die Entscheidung erleichtern.

Guido Tognoni

Guido Tognoni

Als Ersatzspieler des FC Davos (3. Liga, untere Tabellenhälfte) erzielte er im Schneetreiben von Tavanasa vor einigen Jahrzehnten sein einziges Meisterschaftstor. Danach stieg er trainingsfrei mit dem FC Tages-Anzeiger in die höchste Firmenfussballklasse auf und hoffte meist vergeblich, dass seine Laserflanken zu Treffern führen würden. Da sein Talent auf dem Rasen nicht erkannt wurde, arbeitete er 15 Jahre an den Schreibtischen der Fifa und Uefa.

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8 Kommentare zu “WM 2026: «Dreckloch-Staaten» für Marokko”

  1. Markus sagt:

    @Claudio: Sie verkennen die FIFA und die Realitäten. Europa ist im (wirtschaftlichen) Fussball ein Nichts und zu wenig korrupt. Wenn während des WM-Finals in China, Indonesien und Indien nur 10% der Bevölkerung zuschauen, sind dies 300 Mio. Werbekunden. Zum Vergleich, ganz Europa hat ca. 750 Mio. Einwohner. Gemäss Reporting der FIFA zur Fussball-WM 2014 betrug die Einschaltquote in China durchschnittlich 23% (=350 Mio.), in Indien 8% (= 86 Mio.) und in Indonesien 45 % (100 Mio). Alleine diese drei Länder erreichen also Zahlen wie ganz Europa zusammen.

    • Claudio sagt:

      Markus: Auch wenn die WM in England wäre, würden viele Chinesen, Inder etc. zuschauen und dann ihre eigenen Werbeblöcke haben.
      Das eine sind die Anzahl Zuschauer, das andere ist die Kaufkraft und die ist in Ihren erwähnten Ländern nach wie vor einiges tiefer.
      Wir werden ja sehen wer die WM 2026 bekommt, sofern ausnahmesweise mal alles mit rechten Dingen zugeht.
      Zudem will Infantino die WM auf 48 Mannschaften aufstocken, was es auch nicht einfacher macht – gut man kann noch etwas mehr Werbung in mehr Länder verkaufen.

  2. Claudio sagt:

    Was nach 2022 gleich nochmals eine WM in der Wüste? Ist doch etwas zuviel des Guten und wer weiss, vielleicht kämpft die FIFA nach einer desaströsen WM in Qatar dann schon ums nackte Ueberleben, was den Abzocker-Funktionarios doch ganz gut tun würde!
    Nach diesen exotischen Spielorten wäre doch eher eine Football-is-coming-home Phase angebracht mit einer WM 2026 in England und dann zum 100-jährigen WM-Jubiläum 2030 am Rio de la Plata eine WM in Uruguay/Argentinien!

    • uhu sagt:

      Herr Claudio ist etwa auf dem Stand von Mr President. Verglichen mit der Fussballbegeisterung in Marokko
      herrscht hier bei uns geradezu laue Temperatur. Und für was ist England mit seinem absurden Milliarden-Business
      noch Vorbild?

      • Claudio sagt:

        uhu: Immerhin ist England immer noch das Mutterland des Fussballs, die letzte WM fand vor über 50 Jahren dort statt und vor allem wichtig – es hat schon genügend WM taugliche Superstadien, die nicht noch extra gebaut werden müssen und dann danach oft unbenutzt wieder verfallen, wie z.B. in Südafrika oder selbst teilweise in Brasilien (auch gewisse Stadien in Russland wird dieses Schicksal ereilen nach dem Juli)
        .
        Das ist der wahre Grössenwahn und Mittelverschwendung – für Milliarden Stadien und Infrastruktur erstellen die dann nachher wieder sinn- und nutzlos zerfällt!

        • Peter Meier sagt:

          Auweia, da hat einer in der Geografie geschlafen. In Marokko gibt es mehrere Skigebiete. Der ganze Norden ist mediterran, gleich wie Südspanien, Griechenland und Italien. Im Atlasgebirge gehts auf über 4000m. Bis Ende 19. Jahrhundert gab es sogar Bären. Auf Sanddünen verzichten, ist in ganz Nordafrika kein Problem. Übrigens hat das Nachbarland Algerien eine Eishockey Nationalmannschaft. Es ist nicht immer so wie man denkt.

          • Claudio sagt:

            Meier: Nichtsdestotrotz ist nach Südafrika, Brasilien, Russland, Qatar wieder mal Europa dran – wie gesagt am besten wieder mal England. Die FIFA würde sehr wohl sehr gut daran tun nach Deutschland 2006 resp. 20 Jahren wieder mal eine WM in einem traditionellen Fussballland wie England zu veranstalten. Denn es könnte auch sein, dass das Interesse an Fussball-WM’s wie Qatar dann langsam aber sicher nachlässt. Man kann nicht andauernd mit irgendwelchen korrupten Vergaben die Fans und Zuschauer verärgern, irgendwann rächt sich das!

          • loulou55 sagt:

            @Claudio
            Das “Football is coming home”-Argument muss man bis 2026 vielleicht ein bisschen anders anschauen.
            Der Fussball (resp. die WM) geht dann vielleicht dahin, wo offenbar derzeit die Bäume in den Himmel wachsen.
            Ich rede von China! Wenn die halbe CL von chinesischen Investoren aufgekauft und die Spiele live in China ausgetragen werden, dürfte China mit “coming home” gemeint sein.
            Bis dann spielen zudem noch viel mehr Weltstars in der chinesischen Liga und der FIFA-Sitz könnte auch plötzlich ein Thema werden.
            Und von wegen Wüste, vor wenigen Tagen die Bilder der schneebedeckten Sanddünen gesehen…?
            In Sachen “Infrastruktur Fussball” wäre GB tatsächlich schon heute bereit.

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