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Das Schreckgespenst der Bundesliga

Christian Andiel am Donnerstag den 25. August 2016

Was war das für ein grandioser Tag für die Fussballromantiker und die unermüdlichen Kämpfer für das Gute und Ehrliche. Dynamo Dresden, der Club mit der grossen Tradition und der erklecklichen Zahl an schwer gewaltbereiten Fans, schmiss das höherklassige Team von RB Leipzig hochkant aus dem DFB-Pokal. Ach, was jauchzte da das Herz des wahren Fans, als der verhasste Club des Brauseherstellers aus Österreich unterging. Und was wird für ein Gefeixe geherrscht haben, als Dynamo-Fans den abgeschlagenen und blutigen Kopf eines echten Bullen auf die Laufbahn ums Spielfeld geworfen haben. Unappetitlich sind schliesslich immer nur die anderen, nie man selbst. (Kurze Frage an die Chefs von Dynamo: Wie bringt man unbeobachtet einen Bullenkopf ins Stadion?)

Keine Frage: Es gibt Punkte, die abstossen bei Rasenball Leipzig, dem milliardenschweren Spielzeug von Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz. Die Vereinsstruktur ist so gestaltet, dass es nur eine Handvoll «Mitglieder» gibt, deren einzige Aufgabe es ist, die Alleinherrschaft von Mateschitz nicht infrage zu stellen. Als bei Servus TV, einem anderen Mateschitz-Projekt, Mitarbeiter mit der Gründung eines Betriebsrates drohten, kündigte der öffentlichkeitsscheue Machtmensch für diesen Fall prompt die Schliessung des Senders an. Es gibt Servus TV noch, einen Betriebsrat gibt es nicht. RB Leipzig holt zudem mit den Milliarden, die zur Verfügung stünden, nicht gestandene Stars, sondern eher junge Spieler mit Perspektive – machen damit aber den deutschen Markt für Talente ziemlich kaputt.

Der Stil von Ralf Rangnick

Das ist alles höchst unangenehm. Und einige Kritiker sagen, zumindest die Sache mit der Mitgliederstruktur hätte von der Liga als Grund genommen werden können, um RB Leipzig den Aufstieg zu versagen. (Ich bin da skeptisch, Leute wie Mateschitz haben immer die besseren Anwälte.) Aber Fakt ist: RB ist jetzt oben angekommen, und sie werden vieles tun, um irgendwann in die Champions League zu kommen und um den Meistertitel mitzukämpfen. Und sie werden das unter der Ägide von Sportchef Ralf Rangnick so tun, wie er es schon beim vergleichbaren Projekt in Hoffenheim pflegte: mit vor allem jungen Spielern, die einen begeisternden, offensiven Stil pflegen.

Nur: Ist das böse? Darf Mateschitz sein Geld nicht dort einsetzen, wo er will? Natürlich ist er ein Kotzbrocken, aber ist Martin Kind, der selbstherrliche Boss in Hannover, ein Sympathieträger? In Hamburg gibt es den schwerreichen Sponsor Klaus-Michael Kühne, der immer dann einen teuren Spieler kauft, wenn der Abstieg droht. Ohne Kühne geht nichts beim HSV, das offizielle Budget ist absurd, der Club ist faktisch in seiner Hand. Wo sind die Proteste, und wer stellt die heiklen Fragen, wenn die Relegation durch einen restlos absurden Schiedsrichterentscheid zugunsten der Hamburger ausgeht?


Freiburgs Trainer Christian Streich über die Qualitäten und Möglichkeiten von RB Leipzig. Quelle: Badische Zeitung / Youtube

Die Macher in anderen Vereinen sind besorgt. Das ist klar. Freiburgs Coach Christian Streich verweist auf die unbegrenzten Möglichkeiten im finanziellen Bereich, geleistet von einem Mäzen, der wieder weg ist, wenn er die Lust verliert. Streichs Kollege bei St. Pauli, Ewald Lienen, erklärt, warum man einst auf der Website das Firmenlogo zensiert habe, «wir machen keine Werbung für diesen Konzern». Auch dank Red Bull Leipzig ist in der gesamten Szene die Diskussion über die verrohten Sitten im Fussball ausgebrochen. Am Sonntag sagte zum Beispiel Marcel Reif im «Doppelpass» auf Sport 1 im Zusammenhang mit dem Transferwahnsinn, er habe Bedenken, «dass das eine Art der Kultur wird, mit der möchte ich nichts mehr zu tun haben». Machen Sie sich als Reif-Fan nun aber bitte nicht zu viele Sorgen. Er bleibt uns (Gott sei Dank!) erhalten, denn auch Reif wurde reich und berühmt als Mitglied des Showbusiness Fussball, das nun in der Bundesliga als vorläufigen Höhepunkt all der Entwicklungen der vergangenen Jahre den Aufstieg von RB Leipzig erlebt hat.


Ewald Lienen (St. Pauli) erklärt, warum eine Zensur nötig war. Quelle: Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig / Youtube

Immerhin haben die Fans wieder einen klaren Feind, nachdem Bayer Leverkusen, VW Wolfsburg, SAP Hoffenheim und Audi Ingolstadt längst normal und akzeptiert sind. Die Vorbereitungen zu Protest und Randale laufen auf Hochtouren, gebündelt bei Facebook unter «Deutschland sagt Nein zu RB Leipzig». Da heisst es zum Beispiel: «Dann gibt es noch das Argument ‹Hinfahren und Bude abreissen› wie einst Hansa Rostock. Aber aufgrund des Sicherheitswahns in Leipzig ist das nicht mehr möglich.» Und das ist dann wirklich frech von Mateschitz und seinen Schergen in den Institutionen. Da schaut die Polizei bei heftiger Randale nicht einfach zu, sondern wappnet sich und will in der Tat sogar dagegen vorgehen. Danke, RB Leipzig, kann der wahre Fan da nur sagen, euretwegen müssen wir tatsächlich unter dem Sicherheitswahn leiden.

Christian Andiel

Christian Andiel

In Bayern aufgewachsen, ziemlich heftig mit dem 1. FC Köln verbandelt – und träumen darf man ja von Europa und Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!

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8 Kommentare zu “Das Schreckgespenst der Bundesliga”

  1. Jens.S sagt:

    Also mal ehrlich, ich bin Dynamo Dresden Fan seit ich denken kann. Und die Leipziger sind nun wirklich nicht meine Lieblinge. Ja Dynamo hat Tradition ohne Ende. Endlich haben wir ein Management das Dynamo nach vorne bringt und nicht nach hinten wie es die vorherigen gemacht haben.
    Aber was Leipzig betrifft, allle grossen Vereine haben Firmen in der Hinterhand man nennt das Sponsoren. Das beste Beispiel SAP Hoffenheim. Ohne SAP wäre Hoffenheim wahrscheinlich 4. oder 5. Liga. Aber niemals 1. Bundesliga. Aber das bedenkliche sehe ich eher das vorallen aus den alten Bundesländern die Kritik an RB kommt. Ist es vielleicht NEID das aus dem Osten mal ein Klub kommt der Geld mitbringt.

  2. Thomas Plüss sagt:

    Gestern war einmal mehr ein Freudentag für alle Fussball-Fans. Red Bull 2 zum 9. Mal in Folge in der Champions-League-Quali gescheitert. Bin zuversichtlich, dass Red Bull 1 dieser Tradition folgen wird. Schliesslich ist das die einzige Tradition, die sie haben. Auf viele weitere Red Bull-freie Champions-League-Sainsons! 🙂

    • Dominik Strebel sagt:

      In Leipzig hat Red Bull investiert, nachdem der Vfb Leipzig 2004 Pleite ging. Eine Region mit mehr als 2 Mio. Einwohnern hat so wenigstens wieder einen professionell geführten Fussballverein. RB Leipzig bezahlt nicht wenig Steuern, hat ein supermodernes Trainingsgelände gebaut und gibt einer Vielzahl von Menschen einen Arbeitsplatz und Hoffnung. Was daran soll so störend sein und anders als bei Bayer Leverkusen, Vfb Wolfsburg, TUS 1899 Hoffenheim und dem FC Ingolstadt? Würden sie auch so sprechen, wenn an ihrem Wohnsitz ihr Super League Verein Pleite geht und ein Konzern das ganze wieder zu Leben erweckt. Im Eishockey in München sind sie froh, dass dank Red Bull wieder DHK gespielt wird.

      • Thomas Plüss sagt:

        Ich mag Red Bull und deren Sport-Teams nun mal nicht. Ob das nun vernüftig und rational begründbar ist, ist mir herzlich egal. Denke aber nicht, dass ich mich dafür irgendwie rechtfertigen muss. Übrigens mag ich auch Bayer, Wolfburg und Hoffenheim nicht besonders.

  3. Hans Dietrich sagt:

    Aber die meisten der sogenannten Fans welche RB Leipzig hassen, trinken auf der Tribüne und Privat Red Bull…

  4. Christian Meier sagt:

    Mateschitz ist nicht Besitzer von Red Bull, er ist Leiter der Red Bull GmbH in Oesterreich und mit 49 % Miteigentümer. Die restlichen 49 + 2 % gehören der TC Agro Agrotrading, hinter welcher sich die thailändische Familie Yoovidhja verbirgt. Nicht ganz unlogisch, denn Red Bull heisst auf Thai Kraetang Daeng, was roter Stier bedeutet und dort wurde das Getränk ohne Brause von Vater Yoovidhja erfunden.

  5. M. Akeret sagt:

    Leipzig hat Tradition, bei den einst progressiven Bayern sitzen Vertreter von Grossfirmen in leitenden Gremien und der Transferwahnsinn hängt mit den Fernsehgeldern zusammen. Deutschland steht da erst am Anfang. Und ja, ein Präsident muss nicht sympathisch sein und muss auch keine sympathische Firma besitzen.

  6. Oliver Brunner sagt:

    Leipzig wirtschaftet weitsichtiger als viele andere Clubs. Das zeigt der Ausstieg aus dem Embolo-Poker, “weil man so viel zahlen könnte, aber nicht wollte. wir wollen organisch wachsen”. Ich glaube Mateschitz arbeitet um einiges transparenter als irgendwelche Scheichs und Tycoons, welche die PL übernommen haben. Und was ist eigentlich mit Chemie-Basel, Constatin-Sion etc.

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