Die neuen Sexregeln

Sie habe sich beim Dreh oft unwohl gefühlt: Nicole Kidman als Celeste Wright mit ihrem gewalttätigen Filmehemann Perry (Alexander Skarsgard)in der Miniserie «Big Little Lies». Foto: HBO

Nach den ganzen Anschuldigungen, Beschuldigungen, Outings und Entschuldigungen und der – oh, so überraschenden – Erkenntnis, wie mies es im Filmbusiness zugeht, und der jetzt immens PR-trächtigen Aktion der Hollywooddamen, bei den Golden Globes Schwarz zu tragen, um Zusammenhalt zu demonstrieren, werden angeblich überall neue Regeln für Castings und Sexdrehs aufgestellt.

Grund dafür sind die Klagen der vielen Schauspielerinnen wie etwa Nicole Kidman, die sich bei den Dreharbeiten zu «Big Little Lies» schutzlos Demütigungen ausgeliefert fühlte, weil sie Dinge tun musste, die nicht im Drehbuch standen, sondern einfach der spontanen Sexlust des Regisseurs entsprangen. Und das ist wohl schon lange gang und gäbe.

Die ekelhafte Butterszene

Legendär geworden ist der Film «Der letzte Tango in Paris» mit Maria Schneider und Marlon Brando durch die Butterszene. In der Szene vergewaltigt Marlon Brando die damals 19-jährige Maria Schneider anal und nimmt dafür Butter als Gleitmittel. In einem alten Interview gab Regisseur Bernardo Bertolucci zu, die Sequenz mit der Butter gemeinsam mit Brando geplant und Schneider nicht darüber informiert zu haben. «Ich wollte ihre Reaktion als Mädchen, nicht als Schauspielerin», erklärte er. Maria Schneider sagte immer wieder, wie verstörend und erniedrigend sie es fand, als die beiden Männer sie mit der Szene konfrontierten, und die Tränen, die sie im Film dabei weint, sind durchaus echt. Maria Schneider sagte in allen Interviews in all den Jahren, Bertolucci habe ihre Jugend gestohlen, und sie drehte nie wieder einen grossen Film; ihre kurze Karriere war nach diesem einen Film beendet, sie hatte zu viel Wirbel um die Analszene gemacht. Maria Schneider ist 2011 verstorben – aber die Butterszene ist aktueller denn je.

Die Machtverhältnisse bleiben bestehen

Regisseur Bertolucci wurde 2016 deswegen noch einmal des Missbrauchs beschuldigt. Er log, es würde sich bei den wütenden Reaktionen um ein «lächerliches Missverständnis» handeln. «Ich erklärte, aber wohl nicht klar genug, dass Marlon und ich uns dazu entschieden hatten, Maria nicht darüber zu informieren, dass wir Butter verwenden würden. Wir wollten ihre spontane Reaktion auf die unpassende Verwendung (der Butter).» Ich selbst sah den Film 1981 mit meinem damaligen Boyfriend im Kino und wir fanden ihn beide sterbenslangweilig. Die Butterszene war lächerlich und ekelhaft, ich fragte mich, wozu so etwas in diesem Film gut sein soll – es waren für mich als Teenager nur widerliche Altmännerfantasien.

Jedenfalls gibt es jetzt wegen solcher Vorfälle Workshops für Schauspielerinnen, in denen sie lernen sollen, mit solchen Situationen umzugehen, wenn es etwa plötzlich heisst: «Zieh aus, so viel du kannst», und dann: «Du hast die Rolle überhaupt nicht verstanden, sonst hättest du Slip und BH nicht anbehalten, du bist nicht die Richtige für diese Rolle.» Oder wie Elizabeth Debicki, die bei «The Night Manager» zwar ihre Wäsche anbehalten durfte, aber nicht wusste, dass Tom Hiddleston die Szene nackt dreht. Es gibt jetzt die Pflicht, dass bei allen Dreharbeiten vorher alle ganz genau schriftlich darüber informiert werden sollen, was gedreht wird, wie viel ausgezogen, welche Sexpositionen und was noch alles. Aber ob das hilft? Wenn die eine sich nicht ausziehen will, dann macht es eben die Nächste, da hilft kein Workshop. Und wir wissen, die verführerische Macht von weissen, sexgeilen, alten Männern ist einfach grösser und erfolgsversprechender als die eines bedruckten Zettels, auf dem «New Sex Rules» steht.