Sport ist Mord

M&W

Ohne Fleiss kein Preis: Szene aus der Filmkomödie «Brautalarm». Foto: PD

Neben den vielen seltsamen Veränderungen, die sich beim Älterwerden in uns, über uns und mit uns vollziehen, ist die offensichtlichste der körperliche Verfall, verbunden mit dem ewigen Kampf gegen die Erdanziehungskraft. In der Schweiz haben die Menschen das Glück, mit einer gesunden Liebe zur Bewegung und den Bergen geboren zu sein, was zusammen Wanderlust bedeutet. Wer ständig durch die Berge rennt, hat keine Angst vor Sport und muss sich nicht quälen. Anders bei mir, ich bin halb deutscher Couch-Potato und halb bewegungsscheuer Orientale, der jeden Meter mit dem Auto fährt und am liebsten unter dem Schatten eines Maulbeerbaumes liegt und ein kühles Minzgetränk schlürft. Ich hasse körperliche Ertüchtigung, genau wie Wandern, Laufen und sogar Gehen. Letzteres allein schon deshalb, um meine Schuhe zu schonen, die nie für Fussmärsche gemacht wurden, auch die Flats nicht, auch die Sneakers nicht.

Meine Schuhe sind einfach nicht zum Laufen gedacht und meine Füsse auch nicht. Bis nach meinem 40. Geburtstag machte ich nichts, ausser Clubben und manchmal Winter- und Motorsport. Aber dann ging das so nicht mehr, und ich entdeckte Pilates. Das war superlangweilig, brachte das erwünschte Ergebnis, und man musste nicht rennen. Vor drei Jahren kam Barre-Ballett zu uns, und ich war dabei. Ich werde hier ein anderes mal darüber berichten, genau wie von meiner Rückkehr zu meiner alten Passion aus Kindertagen: klassisches Balletttanzen an der Stange.

Ein Booster für die Gesundheit

Aus der No-Sport-Attitüde wurden plötzlich drei Sportarten, ich war stolz. Aber letzte Woche hatte ich schon die dritte Pilatesstunde verpeilt und fühlte mich nach sechs Wochen Turnabstinenz nicht frisch genug für eine harte Ballettstunde. Geh zum Booster Pilates, sagte meine Freundin Marlene, Model-Mama mit drei Kindern, wenig Zeit und super Figur. Das ist eine neue Trainingsmethode aus LA auf dem Reformer und super effektiv. Ich hasse Reformer, sagte ich, ich will auf der Matte, Reformer bringt gar nichts! Probier es aus, es bringt super viel, sagte die, die es zu wissen schien. Und es ist walk-in, du musst nichts buchen.

Ich liebe walk-in, ich habe jahrelang ein Vermögen für diese Dreimonats-Abos in diversen Zürcher Pilatesstudios verloren, weil die gekauften zehn Stunden immer ungenutzt verfielen. Booster Pilates hat zwei Studios in Zürich, ich fuhr ins Seefeld. Tresor, der sehr nette Trainer sagte, ich hätte mich auf der Website registrieren müssen, ich jammerte, Tresor wurde weich und liess mich die Probestunde mitmachen. Es waren zehn Reformergeräte mit zehn Frauen drauf, ich dazwischen bestimmt die Älteste, wie meistens. Durchschnittsalter war Dreissig. Eine Stunde später wusste ich, warum.

Booster Pilates ist kein Seniorensport, ich war nach 30 Minuten schon durch, und nach den 50 Minuten so fertig, dass ich mich nur in die Ecke setzen und etwas heulen wollte. Es sind spezielle Übungen auf diesem fiesen Gerät, die wirklich alle Muskeln in Anspruch nehmen und gleichzeitig viel Balance und auch etwas Hirn erfordern. Es ist so anstrengend dass ich zwischendrin auch geistig an meinem Limit war und der Trainer mich mehrmals lachend anstupste, und fragte ob ich ok sei. Aber das ganze Wochenende dann ein unglaublicher Muskelkater, zusammen mit einer angenehmen mentalen Erfrischtheit. Heute, drei Tage danach, höre ich noch in meinen schmerzenden Arschbacken Marlenes Worte: super effektiv. Ich gehe morgen wieder und – es ist mir peinlich, es zuzugeben – freue mich schon.

74 Kommentare zu «Sport ist Mord»

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    hmja. ich kann ja nur von meiner wenigkeit sprechen. ich raffe mich dazu auf pro woche 1h in spezifische übungen zur stärkung der rückenmuskulatur und ausdauertraining zu investieren. und nein. das macht keinen spass. es ist bloss das kleinere übel um dauerschmerzen zu vermeiden und einigermassen fit und bweglich zu bleiben. „müssen macht mögen.“ v.a. in fortgeschrittenem alter.

    • tina sagt:

      gibt es noch keinen ratgeber für engagierten beischlaf, der die rückenmuskulatur trainiert?

    • Karl von Bruck sagt:

      Bingo!

      Die Physiotherapeutin empfahl mir die Rueckenentschmerzungsuebungen taeglich zu machen. Als ich sie bis zu woechentlich vernachlaessigte, kamen die Schmerzen wieder, und es ging lange, bis ich sie mit wieder taeglichem Traening wieder loswurde.

      Erfolgreich ist auch das von Pro Senectute fuer ein paar Fraenkli einmal pro Woche angebotene Altersturnen. Eintrittsmindestalter je nach Kanton 55 bis 65 Jahre. Da gibts gar 90-jaehrige, die noch fitter sind, als sie es beim Eintitt (noch bzw. nicht mehr) waren….

  • Dieter Widmer sagt:

    Machen Sie Aquafit. Die Ertüchtigung im Wasser mit einem Schwimmer um den Bauch ist vermutlich der gesündeste Sport – hopsen, laufen, Schattenboxen, Dehn- und Streckübungen, Velofahren, die Arbeit mit synthetischen Hanteln, alles unter Wasser wohlverstanden und mit schmissiger Musik. Gemächliche und 1 Minuten topspeed Übungen – alles geht und alles ist gesund, vor allem für die Gelenke. Ich wette, es wird Ihnen gefallen.

  • Barbara sagt:

    Crossfit ist mein Ding. Einmal entdeckt, lässt es mich nicht mehr los. Mein Körper sieht zudem so wow aus wie schon seit Jahren nicht mehr.

  • Niklas Meier sagt:

    Grundsätzlich sollte man einfach das machen was einem Spass macht. Ich stehe 1-2x die Woche früh auf und gehe Laufen. Anfänglich habe ich es gemacht, damit es gemacht war und hatte auch immer Schmerzen und Muskelkater. Nach und nach wurde es besser und nun gehe ich in der Regel gut gelaunt los. Vor einem Jahr hätte mir das kaum jemand geglaubt.
    Krafttraining das Selbe. Wenn man es mag, dann macht es wirklich Spass. Andere hassen es.

    • Ralf Schrader sagt:

      Zum Glück gibt es künstliche Knie- und Hüftgelenke. Da kann man gegen alle Vernunft laufen, laufen …

      • Niklas Meier sagt:

        Solange man keine riesigen Läufe macht und auf seinen Körper hört, ist das kein Problem. Wir sprechen hier nicht von 20km auf Beton 😉

        • Ralf Schrader sagt:

          Auch 1 km auf Sandboden schadet den Hüft- und Kniegelenken. Der Preis des aufrechten Ganges sind ein zu enger Geburtskanal, was den Kaiserschnitt bisweilen notwendig macht und biologisch schlecht gebaute Gelenke an den unteren Extremitäten. Jeder Schritt ist einer zu viel. Aber wenn, dann nur langsam mit sanften Fussaufsetzen.

          • tina sagt:

            😀 haha der mensch, die memme. das ist natürlich quatsch, der mensch ist ganz offensichtlich als rennmaschine konzipiert! man braucht ja nicht mit der ferse auf den boden zu hämmern dabei

  • Anh Toàn sagt:

    „heulen wollen“ „ganzes Wochenende Muskelkater“

    Kurz: Sie haben Sport gemacht, um jung zu bleiben, mit dem Ergebnis, dass Sie sich für ein paar Tage mindestens 30 Jahre älter fühlten. Wenn das vorbei ist, gehen Sie wieder hin, und fühlen sich wieder 30 Jahre älter.

    Versuchen Sie es mit Jojo, bei schlechtem Wetter selbstverständlich in der Halle, Minigolf und Tischfussball.

  • Roland K. Moser sagt:

    Bevor man Sport zu treiben beginnt, sollte man zuerst mindestens 1 Jahr ins Fitness gehen, um den ganzen Körper zu trainieren.
    Gewichte stemmen ist entspannend. Ich nehme Sie mal mit, wenn Sie es nicht glauben 🙂

  • Laura Fehlmann sagt:

    Natürlich fängt man mit Sport an, um einigermassen in Form zu bleiben. Im besten Fall freut man sich bald darauf – egal was man macht – geht auch Wäis so. Und im noch besseren Fall wird es zu einer Sucht, weil man sich gut fühlt danach und ohne schlechtes Gewissen schlemmen darf.

  • Olivia Brunner sagt:

    Wer nur Sport macht, damit das Erscheinungsbild in Ordnung bleibt und um andere zu beeindrucken, hört bald wieder auf. Erstens sieht man wenig und es braucht viel Zeit. Das ist etwas so, wie für andere zu meditieren…
    Sport muss Spass machen und das macht es. Durch den Herbswald zu rennen, in der Limmat schwimmen, mit dem Velo über den Albula oder auch kleiner. Wenn man das sein ganzes Leben macht, sieht man gut aus, auch von innen, weil es einfach befriedigt.

  • Mike Gerber sagt:

    Meine Lieblingssportart: Rennvelo fahren! Mittlerweile bin ich nach einem mehrfachem Schlüsselbeinbruch wieder auf dem Rad unterwegs, aber die Form ist nicht mehr die gleiche wie vor dem Unfall. 4 Stunden mal einfach so auf dem grossen Blatt durch die Gegend rollen geht zwar noch nicht, dafür schaffe ich es bei den Rennen (+/- 90 Min) immernoch unter die 10 besten Velokuriere meiner Stadt.

  • Jucker sagt:

    Ich gehe seit meinem 40sten Geburtstag alle 48h für 35min rudern. Ist intensiv, man ist in der Natur und man sieht die Resultate im Spiegel bereits nach wenigen Monaten.
    Grosser Nachteil: Man muss halt früh aufstehen…

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      wieso muss man früh aufstehen?

      • Jucker sagt:

        Zu dieser Zeit ist Wellengang und das Verkehrsaufkommen auf dem See am geringsten.

        • Philipp M. Rittermann sagt:

          ah ja danke. das leuchtet ein.

        • Marcel Zufferey sagt:

          Ja, aber zum Rudern muss man einem Verein oder so beitreten. Gar nicht mein Ding. Ich würde schon lange gerne rudern.

          • Clara sagt:

            Rudern ist das Allerbeste! Es ist wunderschön auf dem Wasser bei fast jedem Wetter. Man kann gut abschalten und es trainiert den ganzen Körper optimal.
            Das mit dem Verein ist ein berechtigter Einwand, aber wie weit man da mitmachen will, kann man ja selber entscheiden.

          • Marcel Zufferey sagt:

            Schön wär‘s, wenn man so einen Einer einfach mieten könnte. Ich stelle mir das Rudern einfach herr-lich vor. Ein richtiger Traumsport! Genug Platz, so ein Ding einzulagern, hätte ich. Und der See ist nur wenige Gehminuten von der Haustüre entfernt…

            Kann man so ein Ding eigentlich auch occasion kaufen? Neu sind sie ja unglaublich teuer.

          • Clara sagt:

            Tipp: Die meisten Vereine bieten Kurse für Erwachsene an. Man muss nicht beitreten, lernt das Rudern, bekommt einen Einblick in den Verein und kann danach beitreten oder auch nicht. Als Clubmitglied kann man eigentlich jederzeit diverse Boote benutzen. Also auch Skiffs, d.h. wenn Du sie rudern kannst. Es ist nicht so einfach … Ich bin auch überhaupt nicht der Vereinstyp, aber es macht mir tatsächlich grossen Spass in einer Mannschaft zu rudern. Ausprobieren!

          • Marcel Zufferey sagt:

            Ja, gerade gesehen. Werde ich machen!

          • tina sagt:

            wenn ich so nah am see wohnen würde, würde ich mir ein standup paddel board zulegen. wenn man bedenkt, wieviel die leute für fitnessabos ausgeben, kann so ein brett schon ein wenig kosten. dazu noch die ausrüstung, damit man auch bei wassertemperaturen unter 18grad reinfallen kann ohne zu sterben und eine minimal notfallausrüstung

  • arbeiter sagt:

    Seit ich letztes Jahr eine Knieprothese erhalten habe, gehe ich täglich 5-6 km aufs Laufband. Seit da her gehts mir viel besser und ja richtig, muss ich auch mal den inneren Schweinehund überwinden. Aber der Erfolg sehe ich und mein Knie lässt sich besser beugen. Und da ich auf dem Land wohne, gibts da ein kleines, heimeliges Fitness, wo die gleichgesinnten unter sich sind. Schrecklich finde ich, wenn im Frühjahr die jungen Senioren mit ihren Velos daherkommen, in silbrigen Höschen und T-Shirt, die müssen wohl ihren 3. Frühling im und am Velo abstrampeln…..

  • marsel sagt:

    Frau Wäis, jede Wette, dass Sie kein halbes Jahr durchhalten. Wie ich darauf komme? ==> „… ich bin halb deutscher Couch-Potato und halb bewegungsscheuer Orientale, der jeden Meter mit dem Auto fährt und am liebsten unter dem Schatten eines Maulbeerbaumes liegt und ein kühles Minzgetränk schlürft. Ich hasse körperliche Ertüchtigung, genau wie Wandern, Laufen und sogar Gehen. Letzteres allein schon deshalb, um meine Schuhe zu schonen, die nie für Fussmärsche gedacht sind, auch die Flats nicht, auch die Sneakers nicht.“
    .
    Spätestens in ein paar Wochen werden Sie realisieren, dass Sie kein bisschen besser aussehen, und die bessere körperliche Verfassung werden Sie auch nicht bemerken, weil Sie keinen Meter mehr als unbedingt nötig zu Fuss gehen.

  • Sofie sagt:

    Hinreissend, wieder einmal, dieser Beitrag! Sie loten gekonnt die Grenzen des Zumutbaren aus und erklimmen mit sprachlicher Leichtigkeit die Gipfel der Belanglosigkeit. Das ist hohe Kunst.

    • Philipp M. Rittermann sagt:

      ich finde frau kiani macht einen sehr ausgewogenen blog, der mann und frau einbindet-, und nicht gegenseitig aufwiegelt. (ein wohltuendes contraire beispielsweise zum „mamablog).“ aber das ist wahrscheinlich ansichtssache.

  • Hans Minder sagt:

    Gemäss TA warnen 15 000 Wissenschaftler vor den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels. Inselbewohner mit steigendem Meeresspiegel würden sicher begrüssen, wenn „Bergler“ nicht per Auto ins haustechnisch-belüftete Fittness-Studio mit stromfressender Klimaanlage und elektrobetriebenen Fitness-Geräten stürmen würden. Ich fahre täglich per Fahhrad 7,5km zur Arbeit oder zum Unterricht an der Uni und jogge vormittags am Wochenende durch die (fast autoleere) Stadt, du dieser Zeit die Partygänger noch schlafen und die Abenteurer bereits per Auto weg sind. Ansonsten steige ich Treppen hoch, statt im energiefressenden Lift zu fahren. Alles ökologisch und sehr befriedigend, auch bezüglich der Inselbewohner..

    • Carolina sagt:

      Yep, Sie sind ein toller Hecht, Herr Minder!

      • Hans Minder sagt:

        Nicht so sehr, Caroline. Hier in Eugene Oregon – aber auch in Portland, Oregon – ist dieser Lebensstil ganz normal. Hängt mit dem niedrigen Grundeinkommen und dem relativ beschränkten Angebot von öffentlichem Verkehr zusammen. Allerdings gibt es auch hier viele, die nie aus dem Auto aussteigen….ausser für das Fittness Studio und zum Schlafen…:-). Hängt halt auch mit der Einkommensstruktur zusammen, da einige genügend verdienen, um die halbe Stadt zu ernähren.

  • Paolo Martinoni sagt:

    „Meine Schuhe sind einfach nicht zum Laufen gedacht und meine Füsse auch nicht“ – hat es tatsächlich Frauen und Männer, die so ticken? Kaum vorstellbar für mich. Denn ein Leben ohne Laufen wäre (für mich) wie ein Leben ohne Bücher – also schlimmer noch als ein Leben im Knast.

  • Vera sagt:

    Ach, liebe Frau Kiani, ich liebe Ihre Kolumnen oder Bloggs oder einfach alles.
    Ich (über 50) muss mich auch immer zum Sport aufraffen, mache jetzt seit ein paar Jahren ein Trampolintraining in einem kleinen Studio und es ist einfach genial. Nicht so schweisstriefend aber wirkungsvoll. Allerdings wäre zweimal die Woche natürlich noch gesünder. Spazieren, nicht allzu langsam ist auch sehr gesund. Einfach regelmässig bewegen. Optimal wäre natürlich zuhause noch 1-2x in der Woche ein paar Bodenübungen – tja, aber die Disziplin ……….
    LG Astrid

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