Die grosse Freiheit

Auf dem Rennrad kann man auch den Kopf trainieren. Foto: Roman Pohorecki (Pexels)

Fast 40 Jahre lang habe ich Zeitungsartikel geschrieben und war immer auf der Jagd nach Geschichten. Ein Vierteljahrhundert arbeitete ich für den Regionalteil einer Tageszeitung und stand dabei oft im Rampenlicht, im Guten wie im Schlechten.

Das ist jetzt vorbei. Seit dem 1. März bin ich Rentnerin. Noch fühlt sich das an wie Ferien. Diese liefen in den letzten Jahrzehnten so ab: Eine Woche brauchte ich, um Distanz zu kriegen. In der zweiten war ich entspannt, und in der dritten ging mir schon wieder durch den Kopf wie ich welche Story anpacken werde und was ich noch alles erledigen sollte.

Kein Wecker mehr, nur die innere Uhr

Nur langsam erlebe ich die neue, grosse Freiheit bewusst. Vor dem Einschlafen denke ich erfreut, dass ich den Wecker nicht stellen muss. Am Morgen kann ich stressfrei Kaffee trinken, mit meiner Enkelin spielen, die Katzen streicheln, ohne auf die Uhr zu schauen.

Aber Gewohnheiten sitzen tief. Wie in all den Jahren zuvor fallen mir um 22.30 Uhr die Augen zu, bin ich spätestens um 6.30 Uhr wach, um festzustellen, dass mein Leben jetzt anders ist. Ich freue mich, Zeit für meinen Garten zu haben und all die anderen Aktivitäten, die ich bis vor kurzem nur an den Wochenenden pflegen konnte.

Zeit zum Shoppen, aber das Geld fehlt

Natürlich muss ich mit meinem neuen Status auch Nachteile in Kauf nehmen: Ich bin eine alte Frau. Und ich habe weniger Geld zur Verfügung als vorher. Jetzt, wo ich Zeit zum Shoppen hätte, fehlt das Geld dafür, weil meine Karriere so verlief, wie bei den meisten Frauen: Als die Kinder noch klein waren, arbeitete ich als Freie, später in Teilzeit, erst die letzten 25 Jahre im Vollpensum. Das hat Lücken in der Vorsorge zur Folge. Aber ich komme durch, habe weniger Ausgaben, kein Auto und bin in den Ferien eh am liebsten mit dem Rucksack oder mit dem Velo und Zelt unterwegs.

Aber was, wenn das Gefühl von Ferien plötzlich der Langeweile weicht? Ich mich alt und nutzlos fühle? Deprimiert bin? Braucht es Gegenstrategien?

Russisch lernen auf dem Rennvelo

Ein Bekannter, er ist pensionierter Psychiater, warnt davor, planlos in den Tag hinein zu leben. Am wichtigsten sei es, das Gedächtnis zu trainieren und das Hirn zu fordern, sonst würden Alzheimer und Demenz nicht lange auf sich warten lassen. Wahrscheinlich hat der Mann recht.

Ich nehme mir vor, häufiger Russischvokabeln zu lernen. Wenn aber dann die Sonne scheint, mag ich nicht hinter Büchern sitzen. Es zieht mich ins Freie. Damit in meinem Körper ein gesunder Geist wohnt, habe ich eine Strategie: Ich fahre ein paar Stunden mit dem Rennrad und konjugiere dabei russische Verben und übe Dialoge. Das reicht vorläufig. Drei Wochen nach der Pensionierung ist man schliesslich noch in den Ferien und muss sich die neu gewonnene Freiheit nicht schon wieder mit Regeln beschneiden.