Kritik-Sitzung mit mir selbst

Man sollte etwas tun, sonst fällt man plötzlich tot um. Foto: Gratisography (Pexels)

Immer wieder stosse ich auf Listen, die den Nutzen von körperlicher Aktivität preisen: weniger Gewicht, mehr Gesundheit, weniger Stress, mehr Lebensfreude. Und das stimmt ja alles, bloss: Sport ist auch anstrengend. Bis 20 habe ich viel Squash gespielt, fast täglich, doch dann über Nacht aufgehört. Seither betreibe ich keinen regelmässigen Sport mehr. Genauer gesagt: Ich probiere einmal pro Jahr, mit Jogging anzufangen.

Ist Jogging der falsche Sport? Doch alles andere ist zu aufwendig, was die Planung angeht. Tennisplatz reservieren, Spielpartner finden etc. Kann man ab und zu machen, aber gerade beim Tennis komme ich eh kaum ins Schwitzen, weil mein Niveau mies ist. Squash ist schlecht für die Knie. Ins Krafttraining will ich nicht – mit fremden Leuten in einem Raum Hanteln zu stemmen oder auf einem Stepper zu schwitzen, ist grotesk. Ausserdem reut mich das Geld fürs Abo.

25 Ausreden (mit Kontern)

Nein, dann lieber Jogging, das muss doch machbar sein. Nach dem Motto «Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung» decke ich hier deshalb in einer öffentlichen Kritik-Sitzung 25 meiner Lieblingsausreden auf. In der Hoffnung, die Demütigung bringe mich auf den rechten Kurs.

  1. Es regnet (Und jetzt? Ist sogar noch angenehm).
  2. Es ist zu kalt (Hä? Ist beim Skifahren auch kein Thema).
  3. Es ist zu heiss (Ja, aber irgendwann geht die Sonne unter).
  4. Ich jogge nicht jetzt, sondern am Abend dann (Haha, nice try).
  5. Ich bin jetzt zu müde (Dann geh doch morgens joggen).
  6. Ich habe gerade etwas gegessen (Fresssack).
  7. Ich habe noch nichts gegessen (Toll, jetzt joggen, dann brennen die Kalorien!).
  8. Ich esse – statt zu joggen – heute Abend keine Kohlenhydrate (Sorry, aber bringt dem Kreislauf nichts).
  9. Ich lasse das Jogging heute aus und gehe morgen (Jaja, prokrastiniere ruhig weiter).
  10. Ich lasse die Woche aus und gehe dafür nächste Woche jeden Tag (Völlig unrealistisch).
  11. Nächstes Jahr fange ich an (Du hast noch nie einen Neujahrsvorsatz eingehalten. Kein einziges Mal).
  12. Ich habe kein richtiges Jogging-Outfit (Ist in einer Stunde gekauft, online noch schneller).
  13. Ich war heute schon mit dem Hund spazieren (Ja, einmal um den Block).
  14. Der Hund stört beim Joggen, weil er erratisch stehen bleibt (Lass ihn doch zu Hause).
  15. Kollege XY macht auch keinen Sport (Hat rein gar nichts mit dir zu tun).
  16. Kollege XY macht Sport und ist trotzdem dick (Dito).
  17. Mein Büro ist im dritten Stock, Treppensteigen ist Training genug (Nope).
  18. Die Joggingroute ist langweilig (Dann stell sie doch um).
  19. Ich bin verkatert (Selber schuld).
  20. Keine Zeit (Eine glatte Lüge).
  21. Ich muss jetzt kochen (Ist in einer halben Stunde erledigt).
  22. Ich muss Nachrichten gucken (Du guckst nur Netflix, das weisst du ganz genau).
  23. Hatte einen strengen Tag im Büro (Mimimi).
  24. Ich habe keine Lust (Aha, jetzt kommen wir der Sache näher).
  25. Ich bin zu faul (Tja).

Der letzte Punkt ersetzt alle vorherigen, was mich regelmässig verzweifeln lässt. Vielleicht resignieren und Sport einfach abschreiben? Doch mit Mitte 40 und meinem Lebenswandel sollte man etwas tun, sonst fällt man plötzlich tot um. Ach, wie tragisch, dass ausgerechnet ein Hypochonder seinen Körper wie eine Mülltonne behandelt! Aber das ist ein Thema für einen anderen Blog.

19 Kommentare zu «Kritik-Sitzung mit mir selbst»

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Weniger Gewicht, mehr Gesundheit, weniger Stress, … ‚

    Wenn Sie die Gesundheit weg lassen, statt dessen ‚weniger Krankheiten‘ schreiben, stimmt der Teilsatz, ‚mehr Lebensfreude‘ stimmt nicht. Es gibt Menschen, die können Sport auf ihre Gesundheit wirken lassen, aber das geht immer in beide Richtungen. Ich z.B. fühle mich bei jedem Sport ausserordentlich unwohl und das ist das Kardinalkriterium für Gesundheit – Wohlempfinden. Objektive Masse für Gesundheit, die das ausgleichen könnten, gibt es nicht.

    Auch wenn Sport den Kreislauf nachweislich stärker, das ist nicht Gesundheit. Gesundheit ist nur das, was ich dabei fühle und ich fühle mich bei jedem Sport sehr schlecht. Selbst wenn es mich 5 Jahre kostet, dass ist mir mein Wohlbefinden wert – niemals treibe ich Sport.

  • Hans Hasler sagt:

    Wenn Joggen (für Angefressene auch Laufen genannt) dermassen keinen Spass macht, dass der Autor so eine Liste schreiben kann, dann sollte er sich etwas aussuchen, dass ihm Spass macht. Mal irgendwelches Group-Fitteness (Pump, Spinning oder so was) ausprobiert? Wie wärs mit Schwimmen? Tanzen? Rudern?

    Sport treiben wollen, das einem keinen Spass macht geht langfristig nicht. So viel Disziplin bringt niemand mit.
    PS: betreffend Kosten – meine Vorschläge kosten Geld. Gute Jogging-Schuhe auch. Und mit schlechten Schuhen joggen gehen ist nicht sehr intelligent. Schäden am Bewegungsapparat sind da vorprogammiert. Geiz am falschen Ort.

  • Maike sagt:

    Also, weniger Gewicht ist immer gut. Ich persönlich kann dem Laufen nichts abgewinnen. Und diesem ganzen Muckibuden Hype schon garnicht. Von Kindesbeinen an bin ich eine leidenschaftliche Schwimmerin. Als Teenie in einem Club mit diversen Siegen – meine Paradedisziplin war 100m Rücken. Und noch heute ziehe ich jede Woche meinen Bahnen. Das Gute an diesem Sport, es werden sämtliche Muskeln des Körpers bewegt und man spürt dabei eigenes Gewicht nicht.
    Gut, im Gegensatz zum Joggen kann man es nicht von jetzt auf gleich machen, es braucht ein Schwimmbad, einen See oder das Meer. Aber das ist es auch. Es ist frei von irgendwelchen Posern, neusten unbedingt notwendigen teuren Schuhen oder Outfits. Badeanzug, Kappe und Brille – that’s it. Duschen übrigens inklusive !

    • Othmar Riesen sagt:

      @Maike: Ich bin zu 100 % mit Ihnen einverstanden! Anders gesagt: Jogger, die leiden, sieht man an ihren Gesichtern an jeder Straßenecke. Einen Schwimmer sieht man nie leiden; man sieht ihn oder sie konzentriert, gewiss, aber er oder sie leidet nicht. Jogger haben das Schwimmen nicht entdeckt, wohl weil sie nicht schwimmen können. Worüber übrigens die Schwimmer ziemlich lachen müssen.
      Beste Grüsse
      O.R.

      • L.T. sagt:

        Und weshalb müssen Sie genau lachen wenn jemand nicht schwimmen kann?

        Für mich ist joggen pure Lebensfreude – draussen in der Natur. Früher bin ich wöchentlich ein Kilometer geschwommen. Es war für mich die reinste Qual: wie ein Hamster im Rad auf und ab im verchlorten, meist völlig überbevölkerten Wasser. Jedem das seine würde ich doch meinen.

      • Maike sagt:

        Das man einen Schwimmer nie leiden sieht, hat aber nur damit zu tun, das er immer im Wasser ist und nie so beobachtet werden kann, wie ein Jogger. Ich behaupte mal, wenn ein Schwimmer beim Training nicht leidet, trainiert er nicht richtig !! Und ich kenne zudem keinen eifrig trainierenden Schwimmer, der andere eifrig trainierende Sportler auslacht. Wie L.T. sagt – jedem das seine.
        Ist doch gut, wenn die einen Laufen und die anderen Schwimmen. Wenn z.B. alle laufen würden, was wäre es da unangenhem voll auf den Strassen und Wegen…

  • Natalie sagt:

    Ich habe gelernt, dass es mir nach dem Sport immer besser geht. Genervt? Danach entspannt(er). Müde im Kopf? Danach ist die Müdigkeit über den ganzen Körper verteilt und ich kann guten Gewissens auf dem Sofa liegen. Glücklich? Danach könnte ich rumhüpfen.
    Auch wenn ich definitiv nicht immer gerne zum Sport gehe, schaffe ich es trotzdem fast immer.

  • Kathrin sagt:

    Lieber Philippe
    Tipp 1
    Entscheide dich BEWUSST dafür oder dagegen. Beides hat seine Konsequenzen.
    Tipp 2
    Kaufe dir ein Rennrad. Das ist Dynamik und Freiheit pur! Im Winter Spinning und Joggen.
    Mit Sport wirst du dich besser fühlen, garantiert.
    Viel Erfolg ung Gruss

  • Brigitte Steiger sagt:

    Lieber Philippe,
    was gut funktioniert: Mit einem Jogging-Kollegen einen festen Tag und eine feste Zeit ausmachen, z.B. immer Montag morgens um 7 Uhr geht ihr joggen.
    Falls der Andere gut mitmacht, könnte das klappen. Es gibt dann keine Ausreden, weil man gar nicht überlegen muss. Man geht einfach, das ist man dem Kollegen schuldig, der kommt schliesslich auch.
    Und zu zweit kann das Laufen noch ganz unterhaltsam sein.

    Ausserdem: Sobald man etwas trainiert ist, macht das Laufen noch mehr Spass, weil man seine neuen Kräfte spürt; am Anfang kommt das schnell. Dann liegt vielleicht sogar ein freiwilliges zweites Mal pro Woche drin?

  • tina sagt:

    von 50 joggern sieht nur einer so aus, als ob es nicht nur qual wäre. ich würde ja auch gern rennen können, aber der preis ist zu hoch.
    eine für mich gute alternative ist eine app, die mir meinem fitnessgrad entsprechend täglich ein neues workout vorschlägt. einziges equipment das ich mir zugelegt habe sind kurzhanteln, sonst braucht es wirklich nur haargenau die zeit, die ich auch spörtle. so kriege ich das locker seit – hui, wie die zeit vergeht – 3 jahren 3mal wöchentlich hin. 3mal wöchentlich aus der puste zu kommen reicht. wenn ich gelentlich einen muskelkater habe, weiss ich, dass ich es mir nicht zu einfach mache. angefangen habe ich, weil ich nach mitte 40 merkte, dass muskelmasse abbaut. dagegen hilft das. spassig finde ich es nicht, es ist eher wie staubsaugen

    • tina sagt:

      dass es nützt sehe ich an gleichaltrigen, die deutlich schneller aus der puste kommen. mich schmerzt trotz sitzjob auch nie etwas. und im gegensatz zu joggern und crossfittern in meinem alter muss ich auch nichts operieren. in chlor-mit-urin-sauce möchte ich lieber nicht eintauchen, ausserdem halte ich längen abspulen im schwimmbad für ähnlich erfüllend wie um einen sportplatz keuchen.
      das täglich wechselnde generierte app spuckt auch allerlei mobilitätsübungen aus, das halte ich neben ausdauer und kraft auch für noch wichtig.
      ich sehe das ja ganz wie herr schrader: wenn ich beim sport leide, dann kann ich auch den sport weglassen und und aufwandfrei leiden, scheint mir unterm strich sinnvoller

      • L.T. sagt:

        Ich leide nicht beim joggen. Etwas aus der Puste kommen und gelegentlich an der Limite laufen macht Spass.
        Ich brauche keine app die mir vorgibt was für mich gut sein soll.

        • tina sagt:

          ja dann bist du der eine mit dem nicht so gequälten gesichtsausdruck unter den 50, die einem leid tun wie sie mit sich zu kämpfen haben, gratuliere ;-).
          die app macht mir vorschläge. wenn man mir sagt was ich tun soll, erzeugt das nur widerstände. vorschläge sind aber willkommen, dann muss ich mir nicht selber etwas ausdenken.
          der vorteil an apps ist halt, dass man da eine community hat, die einem für jeden schweisstropfen applaudiert ;-). das ist schon noch förderlich. als ich damit vor 3 jahren anfing hatte ich mit schwierigkeiten zu kämpfen bei den übungen, und nun geht es ganz leicht. natürlich hätte ich mit dem selben aufwand auch eine joggerin mit frohem gesichtsaudruck werden können, aber mit einem vollgestopften alltag, rennen gehen einfach schwieriger zu bewerkstelligen

          • tina sagt:

            joggen allein ist allerdings wirklich ein recht einseitiges training, armmuskulatur kann man damit schlecht aufbauen.

          • L.T. sagt:

            Ich glaube, wir haben unterschiedliche Vorstellungen was Sport ist: für Dich ein paar chillige Übungen die eine App vorschlägt, für mich halt richtige körperliche Anstrengungen. Das man dabei nicht selig vor sich hingrinst liegt auf der Hand – egal welche Sportart man betreibt.

          • tina sagt:

            https://www.zhaw.ch/de/psychologie/institute/iap/veranstaltungen/fachveranstaltungen/iap-mentales-training-zuerich-marathon/inputs-zur-vorbereitung/bitte-laecheln/
            wenn ich ins schwitzen und schnaufen komme und ab und zu muskelkater kriege, dann ist es sport ;-). lächeln beim sport ist förderlich (siehe oben – das war der erstbeste artikel, da findet sich allerlei mehr). nein, man braucht nicht verbissen dreinzuschauen nur weil man sich anstrengt. und eben: joggen ist eine recht einseitige angelegenheit. frauen in meinem alter möchten auch gern die wabbeligen arme wegtrainieren, das geht mit joggen nicht

          • tina sagt:

            aber hey, ich will doch eh nicht protzen, ich weiss selber dass ich nicht sportlich bin. und gratuliere dir, LT, dass du das hinbekommst mit dem joggen. ich bin ehrlich neidisch auf jeden, der das macht. wirklich, das ist cool! nur schon für schweinehundüberwindung sollte allen ein orden verliehen werden, die rennen können.
            aber ich habe wirklich selber gemerkt, dass ein gut gelaunter gesichtsausdruck förderlich ist. übrigens auch eine „gut gelaunte“ körperhaltung.

          • L.T. sagt:

            @ Ich habe heute morgen beim Joggen an Deine Worte und an diese Diskussion hier gedacht und habe versucht freundlich aus der Wäsche zu gucken! 🙂

  • Ruth Brüderlin sagt:

    So guet! So lustig! Kenn ich, diese Diskussionen mit sich selber. Hab ich immer am Samstag, wenn ich ins Krafttraining soll. Aber seltsamerweise nie am Montag, wenn Zumba ist. Einfach den richtigen Sport noch nicht gefunden? Mein Tipp: Nicht denken, einfach Schuhe anziehen und aus der Türe gehen.

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