Adams Bauchnabel und andere Rätsel der Genesis

M&F

Die Erschaffung Adams: Ausschnitt aus dem berühmten Fresko von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Foto: Wikipedia

Saisonbedingt griff ich nach der Bibel. Dummerweise landete ich statt bei der Weihnachtsgeschichte bei Adam und Eva. Und somit zwangsläufig bei der Frage, die mich seit Jahren umtreibt: Hatten sie einen Bauchnabel oder nicht? Rein technisch wäre er überflüssig. Die ersten Menschen hingen an keiner Plazenta, sondern wurden von Gott erschaffen. Aus Lehm.

Tief in den 90er-Jahren hatte ich mich beim Pressedienst des damals für Zürcher Katholiken zuständigen Bischoff Haas in Chur erkundigt, wie die Kirche diese Sache sieht. Ich habe nie eine Antwort bekommen.

Dabei ist diese Frage durchaus berechtigt. Schliesslich kennen drei Weltreligionen die Schöpfungsgeschichte: Judentum, Christentum und Islam. Und in allen drei Religionen gibt es Fundamentalisten, die sie durchaus wörtlich nehmen. Speziell christliche – etwa der Zürcher SVP-Gemeinderat Daniel Regli oder der Glarner Schoggifabrikant Johannes Läderach – finden, die Schöpfungslehre sei in der Schule gleichberechtigt neben der Evolutionslehre zu unterrichten.

Ich hätte da ein paar Fragen …

Mit Verlaub, ich hätte noch weitere Fragen zur Genesis. Nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies zeugen Adam und Eva zwei Söhne, Kain und Abel. Interessant wird es, nachdem Kain seinen Bruder erschlagen hat. Gott kennzeichnet ihn mit einem Mal, auf dass ihn niemand aus Rache auch erschlüge. Wer soll denn dieser Jemand sein? Es sind ja nur noch Adam und Eva da. Ein mündliche Mitteilung hätte also gereicht.

Kain erschlägt Abel. Gemälde von Bartolomeo Manfredi, um 1610. Foto: Getty

Laut meinem Bibel-Exemplar (Herausgegeben 1980 im Auftrag der Bischöfe Deutschlands, Österreichs und der Schweiz) ging Kain nach dem Brudermord weg und liess sich östlich von Eden im Lande Nod nieder. Dort zeugte er mit seiner Frau einen Sohn. Seiner Frau? Wo bitte kommt die denn plötzlich her?

Es wird noch besser. Kain gründet eine Stadt und benennt sie nach seinem Sohn Henoch. Eine Stadt? Für eine 3-Personen-Kleinfamilie?

Kains Eltern arbeiten derweil am anderen Ende von Eden am Bevölkerungswachstum. Im Alter von 130 Jahren zeugt Adam mit Eva den dritten Sohn namens Set – und anschliessend etwa 30 weitere Kinder beiderlei Geschlechts. Mit 930 Jahren stirbt Adam völlig erschöpft.

Hat doch Erich von Däniken recht?

Laut Erich von Däniken war Eden ein Versuchslabor, in dem Ausserirdische Genmanipulationen an einigen Neandertalern vornahmen. Heraus kamen, tata!, Adam und Eva, die ersten Homo sapiens. Dann aber ging Evas Libido mit ihr durch. Sie liess sich mit einem nicht manipulierten Hominiden von ausserhalb des Laborgartens ein. Dieser Sündenfall brachte das ganz Setting durcheinander, worauf der CEO der Ausserirdischen dem Zuchtprogramm den Geldhahn zudrehte. Es wurde eingestellt und die Belegschaft rausgeworfen.

Die Geschichte von Adam und Eva gilt als einer der mächtigsten Mythen der Menschheit. Sie ist für drei Weltreligionen relevant, und wer sie einmal gehört hat, vergisst sie nicht mehr. Sie beantwortet aber die Sache mit dem Bauchnabel nicht.

Ich erhoffte mir Aufschluss im Vatikan und schaute Bilder von Michelangelos Gemälden in der Sixtinischen Kapelle genauer an. Vor allem das berühmte Bild, auf dem Gott Adam erschafft. Adam ist nackt, sein Bauchnabel deutlich zu sehen. Ich schaute genauer. Und erschrak. Gott trägt ein semi-transparentes Gewand. Und darunter ist etwas deutlich erkennbar: sein Bauchnabel.

Das war mir zu viel. Ich legte die Bibel weg und schaute im Fernsehen, ob irgendwo «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» läuft. Auch eine schöne Geschichte. Und vor allem eine, die keine Fragen aufwirft.


Song zum Text: REM «It’s the End of the World as We Know It». Video: Youtube