Eine Quälerei auf Kassette

Tiefes Brummen: Barry White 1999 im Zürcher Hallenstadion. Foto: Monika Zaugg (Keystone)

Kürzlich, in einer dunklen Ecke meiner Schreibtischschublade, in die sich seit Jahrzehnten keine lebende Hand mehr vorgetastet hatte, fand ich eine Kassette. Das waren diese bunten Gehäuse aus Kunststoff mit Markennamen wie BASF oder Maxell, in denen sich ein elektromagnetisches Band befand, das man mit Musik bespielen konnte. Die Kassette, die ich in meiner Schublade entdeckte, war von Hand mit «Barry White, New York ’99» angeschrieben.

Barry White war ein Soft-Soul-Sänger aus den Siebzigern, der mit «Can’t Get Enough of Your Love, Babe» berühmt wurde. Er betonte gerne, dass zu seinen Songs Tausende von Babys gezeugt worden waren. Vermutlich war das eine Untertreibung. Anyway. Ich hatte früher weder Barry White gehört, noch wurde ich zur Musik von Barry White gezeugt, weshalb mich die Kassette neugierig machte.

Mir fiel ein, dass sich in meiner alten Junggesellenkiste, die in einem unzugänglichen Winkel unseres Kellerabteils unter Koffern und ausrangiertem Spielzeug sass, ein Philips-Kassettenrekorder befand. Ich beförderte das Gerät ans Tageslicht, legte die Kassette ein, spulte das Band zurück und drückte die Play-Taste.

Zuerst hörte ich meine Stimme. Ich sagte auf Englisch: «Mr. White, Sie behaupten, jeder Mann könne von der Frau seiner Träume bekommen, was er wolle. Er müsse nur im richtigen Moment eine Barry-White-Platte auflegen.» Dann sprach eine sehr tiefe, sehr langsame und sehr müde Stimme: «Thaaat’s righhht.»

Langsam schmolz er vor sich hin

Nun erinnerte ich mich: Ich hatte im Sommer 1999 Barry White in einer New Yorker Hotel-Suite interviewt. Vom Fenster hatte man eine einmalige Aussicht über den Central Park. Doch das interessierte den Sänger nicht, denn in seiner Suite war die Klimaanlage ausgefallen. Langsam schmolz er vor sich hin. Der Schweiss rann ihm in grossen und kleinen Bächen aus dem schwarz glänzenden Haar und tropfte ihm aufs Hemd. Man muss sich vorstellen: Barry White, damals 55 Jahre alt, war ein Koloss von einem Mann. Monumental und schwer und träge. Er litt an Diabetes und Rückenschmerzen und schleppte sich von einem Sessel zum nächsten, um sein ungeheures Gewicht zu verlagern.

Ich hatte mir dreissig Fragen aufgeschrieben, von denen ich mir erhoffte, die Hälfte stellen zu können. White war höflich, doch so erschöpft, dass seine kurzen Antworten wie in Zeitlupe klangen («thaaat’s righhht») und eine Tiefton-Frequenz erreichten, die das menschliche Ohr nur noch mit Mühe vernehmen konnte. Nach neun Minuten war ich bei der letzten Frage angelangt. Ich hielt es für unangebracht, den Mann länger mit meiner Anwesenheit zu quälen. Ich verneigte mich, trat hinaus in die tiefgekühlte Lobby, liess mich in einen Sessel fallen und holte mir einen Schnupfen.

Es ist alles eine Frage des Tempos

Als ich das Interview zu transkribieren versuchte, verstand ich zuerst kein Wort. Da war nur ein tiefes, dunkles Brummen. Erst als ich die Aufnahme in einer höheren Geschwindigkeit abspielte, klang Whites Stimme so aufgeweckt und hell wie die von Michael Jackson.

Ein seit langem gehegter Verdacht bestätigte sich: Es ist alles eine Frage des Tempos. Vier Jahre nach diesem Interview starb Barry White an Nierenversagen. Auch die Kassette verschwand von der Bildfläche. Und weil mir diese Geschichte nun wieder eingefallen war, machte ich mich auf den Weg zur Bar am Ende der Strasse, wo ich mich vor die Jukebox stellte und im Song-Register nach «Can’t Get Enough of Your Love, Babe» suchte. Leider vergeblich.

Der Tenor Luciano Pavarotti (l.) begrüsst White 2001 zu einem Benefizkonzert in Modena, Italien. Foto: Reuters