Loblied des Grübelns

Wann haben Sie zum letzten Mal einen in sich versunkenen Menschen gesehen? Foto: Pexels.com

Neulich in der Bar am Ende der Strasse. Ich las ein Buch mit dem Titel «Miese Stimmung – eine Streitschrift gegen positives Denken». Beim Kapitel «Lob des Irrtums» stand ich auf und ging zur Jukebox. Wenn ich mich für ein Lied entscheiden müsste, das mein zeitweiliges Befinden am schönsten intonierte, wäre es «By the Time I Get to Phoenix», gesungen von Glen Campbell. Man könnte es – etwas schlicht – als bittersüss beschreiben.

Leider fehlte dieser Titel in der Jukebox. Also drückte ich «Too Many Birds» von Bill Callahan und setzte mich zurück auf meinen Hocker. Dort tat ich, wozu Bars erfunden wurden: Ich grübelte still in mich hinein. Irgendwann fragte mich der Barkeeper: «Noch eins, Frank?»

Wir grübeln nicht mehr

Vielleicht ist es Ihnen auch schon aufgefallen: Grübler sind weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden. Öffentlich Grübelnde müssen sich schiefe Blicke gefallen lassen. Es wunderte mich nicht, wenn schon mal die Polizei gerufen würde. «Starbucks lässt Grübler aus Filiale entfernen.» Auch für gepflegte Melancholie ist kaum mehr Platz in unserer Mitte. Stattdessen: selbstoptimierte Leute, wo man hinsieht – im Café, bei der Arbeit, auf dem Fahrrad. Im Ernst: Wann haben Sie zum letzten Mal einen in sich versunkenen Menschen gesehen? Es muss vor der Erfindung des Smartphones gewesen sein! Zu einer Zeit, als man noch Backpfeife rauchte, Schallplatten hörte, über Feldwege spazierte oder sich französische Filme im Kino ansah.

Der medial vernetzte Mensch grübelt nicht mehr, er stellt nur noch fest und sammelt Likes. Er fürchtet sich vor tiefen Gedanken und tut alles, um ihnen zu entkommen. Und ist er einmal auf sich allein gestellt, postet er seine Einsamkeit auf Instagram. Kein Wunder geht es mit der Welt bergab: Wir halten uns selbst nicht mehr aus.

«Alles in Ordnung, Frank?»

«Was?»

Der Zirkus hatte mich verlassen

Ich war etwa sechs Jahre alt, als mich das «By the Time I Get to Phoenix»-Gefühl zum ersten Mal überkam. Ah, diese Wehmut, ah, dieser Weltschmerz! Ich stand alleine auf dem Kiesplatz unseres Dorfes, auf dem sich am Morgen noch das Zelt des Circus Royal befunden hatte. Seit einer Woche hatte die muntere Truppe bei uns Halt gemacht, gestern hatte ich mit den Eltern eine Vorstellung besucht. Nun war ich auf dem Weg von der Schule nach Hause und hoffte, zwischen den Wohnwagen und Ställen noch etwas Zirkusluft zu schnuppern. Doch da war nichts mehr. Dort, wo sich gestern die Manege befunden hatte, war nur noch ein kreisrunder Schimmer aus Sägemehl zu sehen, über dem der Geruch von Löwenkot und Elefantenpisse schwebte.

Ich begann zu grübeln: Der Zirkus hatte nicht nur unser Dorf verlassen – er hatte auch mich verlassen. Ich nahm einen tiefen Atemzug und wunderte mich, woher die Leere kam, die mich plötzlich erfüllte. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich merkte, dass sie zum Leben gehört wie Emmanuelle Riva zum französischen Film. Und dass sie kommt und geht und kommt und geht wie der Zirkus.

«Noch ein Bier, bitte!»

17 Kommentare zu «Loblied des Grübelns»

  • Ralf Schrader sagt:

    (Nach-) Denken kann man nur allein. Mit einer lauten innerlichen Stimme. Mich hat es immer krank gemacht, mehr als die Hälfte des Tages mit anderen Menschen zusammen sein zu müssen. Beim innerlich lautem Denken stören alle anderen, auch Barbesucher. Deswegen gehe ich freiwillig nie in Bars, Restaurants, oder ins Kino. Nie irgendwohin, wo schon andere Menschen vor mir sein könnten. Ausser ich muss, aber dann kann ich solange nicht denken, bis ich wieder allein sein kann.

  • Straycatstrat sagt:

    Fürs Grübeln bin ich zu einfach gestrickt, aber Glen Campbell eignet sich sehr gut für das einsame Bier in der Bar. Patsy Cline passt gut zu Whiskey.

  • Jacques sagt:

    Grübeln deutet auch selbstständiges Denken hin. „Ich denke – als bin ich“ (cogito, ergo sum); Bei René Descartes (Cartesius) Im Original aber „Dubio, cogito, ergo sum“ (Ich zweifle, denke, also bin ich). Arthur Schopenhauer pflegte exakt zu zitieren, mit Quellenangaben.

  • Maike sagt:

    Ich habe schon oft diesen Zustand erreicht. Zuerst mit 18 auf einem Stein an einem Fjord bei Sonnenuntergang. Es waren meine letzten Schulferien vor Ende der Schulzeit und Anfang des Arbeitsleben.
    Heute, 700 Tage vor der Rente, gelange ich in diesen Zustand wenn ich Frank Sinatra mit I did it my way höre.

  • Bucher Joerg sagt:

    Wie aus eigener Seele verfasst !
    Der Gruebler und Tagtraeumer verstroemt ungewollt eine Aura; die
    Umgebung reagiert unbehaglich, befremdet. Gar nervoes.
    Sie verspuert wohl unterbewusst, den souveraenen Vorsprung und
    Rueckhalt des scheinbaren Muessiggaengers.
    Das Gemuethafte kam umfassend abhanden.
    (Wartend aufs Traemli, laechelnd in Gedanken versunken, sprach mich
    meine eigene Schwester, unerwartet aufgetaucht, an. „Bist du
    besoffen?“)…………

  • Christine Stokar sagt:

    Eine Gabe, zu der sich das Sorgetragen lohnt.

  • Hanspeter Niederer sagt:

    Sinnierende Menschen können eventuell bei Menschen auf der Flucht vor sich selbst die Angst auslösen, den Tritt zu verlieren auf der Flucht. Mit sinnierenden Menschen fühle ich mich verbunden, zu den krankhaft Fröhlichen und Spass-Getriebenen finde ich keinen Draht.

  • Anh Toan sagt:

    Die Kommentarspalten sind voll von Grüblern.

  • Rolf Rothacher sagt:

    Also „Backpfeifen rauchte“ noch kein Mensch, auch früher nicht.
    Die meisten Menschen haben verlernt, Antworten selber zu finden. Sie informieren sich lieber über Wikipedia oder hören „Experten“ in den Medien zu. Deshalb führt heute Grübeln bei den meisten nicht mehr zu Antworten, sonden nur noch zu Depressionen (weil die Antworten fehlen).
    Das Expertentum hat überhaupt dazu geführt, dass jeder Mensch sich nur noch für eine ganz schmale Bandbreite von Fragen gerüstet sieht. Deshalb verweigert sich der moderne Mensch auch jeglicher geistigen Anstrengung ausserhalb dieser ihm sicheren, kleinen Welt der eigenen Kompetenzen, für die er sich noch zuständig, verantwortlich und geeignet fühlt. Grübeln würde ihm bloss noch stärker verunsichern.

  • Anh Toàn sagt:

    Die Welt, in welcher sie aufwuchsen hat sich verändert und hat eine Leere in ihnen hinterlassen. Sie sehnen sich nach der idealisierten Vergangenheit. (Wie ja auch der Zirkus idealisiert ist, irgendwie Freiheit suggeriert, dabei werden Tiere eingesperrt, misshandelt). Man vermisst nie die reale Vergangenheit, man grübelt über den Verlust einer idealisierten Vergangenheit.

  • Rohrbach sagt:

    Die Leere ist unseres Naturell. Viele ertragen die Leere nicht und füllen sie dann auf . Die wo sich gefunden haben in der Leere, Leben Spontan und Authentisch.
    Andere wo der Leere entgehen wollen durch Ablenkung sind Selbstmörder weil Sie jeden Tag ihr Selbst nicht ertragen können. Sie haben Angst vor der Leere!

  • Reincarnation of XY sagt:

    Grübeln eine Gabe? Unsinn. Ein Denker, der mit seinem Denken zur Klärung von Fragen beiträgt, zur Darstellung von Realitäten – ja, der hat eine Gabe.
    Aber hier das blosse Grübeln und Abhängen in Verlorenheitsgefühlen zu glorifizieren, ist doch einigermassen selbstverliebt in die eigene Nichtigkeit.

    Dem Künstler mag Applaus zukommen, wenn er dieses Gefühl ausdrückt und wir uns darin wiederfinden und somit getröstet werden (da wir dadurch erkennen, dass wir nicht alleine sind). Aber sonst?
    Ich sage: Selbstverliebtheit in die eigene Nichtigkeit ist ein schädlicher Tröster. Anstatt, dass man der Leere auf den Grund geht und sie an der Wurzel bekämpft, gibt man sich ihr einfach hin und macht sich vor, sie sei unvermeidlich.

  • Joerg Bucher sagt:

    Die eigene Nichtigkeit, gerade durchs Gruebeln, ist ueberwindbar.
    Oh, Gelassenheit ueberlegener Selbstironie.
    Das Schweifende. Innerer Atem, als schreite die Seele aus ueber
    geweitetem Hoehengelaende. (Vielleicht unterschwellig Takte, Rhythmus
    der ‚Unvollendeten‘ von Schubert, brausend im geistigen Ohr).
    Oder auf See die Seele, wehend und ozeanisch uebersteigend murksig
    Enges und muffiges Gestade. –
    (Denkenswert : ‚Der zerstreute Professor’…. .
    Musik-Vorschlag anderer Art : Die ‚Nocturnes‘ von Chopin.
    Und trocken lesend : ‚Lob des Muessiggangs‘; Hermann Hesse.) —
    Achselzuckend hintenan den Bernern : “ Mier wey ned groeble !“ ????

  • Brigitul sagt:

    Es gibt meiner Ansicht nach zwei Sorten von Leuten: Diejenigen, die grübeln müssen, und dies auch tun weil sie eben müssen, und diejenigen, die es nicht müssen und dies auch selten tun; letztere sind zu beneiden.

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