Betrunkene küsst man nicht

M&W

Alkohol macht doof. Warum merken das die Männer nicht? Foto: iStock

Ich hatte ein Date. Nein, kein Tinder-Date, es war ein Dinner-Date. So dinierten wir gepflegt in einem Erwachsenen-Restaurant und als das Dessert abgeräumt war, hatte ich vor mir ein halbleer getrunkenes Glas Bellini, ein halbes Glas Champagner, ein unangerührtes Glas Rotwein und ein leeres Glas Wasser stehen. «Du hast ja gar nichts getrunken», sagte er entsetzt. «Mochtest du den Wein nicht? Willst du etwas anderes? Was willst du? Wodka? Willst du in die Karte sehen?»

«Bleib ganz ruhig, bitte, sagte ich, ich habe immer mindestens vier volle Gläser vor mir stehen, ich trinke fast nichts. Er starrte mich an. «Ich hab die Flasche Wein ganz alleine getrunken und wollte grade fragen, ob wir noch eine bestellen sollen.» «Ja, bestell doch.» «Aber du trinkst ja nichts! Warum trinkst du nichts? Hast du Angst, dass dein Gesicht aufschwemmt, ist es das?» Er weinte fast, ich musste ihn irgendwie wieder hochziehen. «Ist doch egal, ob ich trinke, solange ich Lust habe, zuzusehen, wie du trinkst.» Ich lächelte ihm aufmunternd zu, so als hätte er grade entdeckt, dass ich eine Beinprothese trage, und ich ihm Zeit geben müsste, damit er sich fangen und alles wieder super finden kann. «Ich bin eben ein ‹cheap date›.»

Kein Herz für Säufer

Da das Theater immer gleich ist, kenne ich den Text auswendig und spiele geduldig immer wieder mit. Ich war noch nie eine grosse Trinkerin. Nach den harten Sauf-Eskapaden zu Schülerzeiten, inklusive dem Leid, nachdem man stundenlang bewusstlos auf kalten Kacheln in diversen Badezimmern lag, oder gefährlichen Filmrissen, hatte Alkohol seinen Reiz bei mir verspielt. Auch früher in den Clubs kamen die Jungs und schrien (weil so laut): «Wäis, trink mal was!» Und brachten mir einen Drink. Dann kamen sie später noch mal angerannt und schrien: «Ist das der Wodka, den ich dir vor vier Stunden brachte? Trink endlich!»

Aber seit ich mein Leben nicht mehr in Clubs verbringe, trinke ich fast nichts mehr. An das letzte Mal Betrunkensein kann ich mich nicht erinnern, es war in einem früheren Leben. Aber leider lieben mich Alkis heiss und innig, ich denke auch aus früheren Leben, denn ich habe gar kein Herz für Säufer. Da es 90 Prozent der Männer nun mal sind, bedeutet das, Zeit mit Männern zu verbringen, zuzusehen, wie sie sich vollaufen lassen und mich dabei vollquatschen. Ich habe in meinem ersten Werk «Stirb Susi» dem Alkohol ein gleichnamiges Kapitel gewidmet, und da in dem Buch alles steht, was Frauen an Männern nicht wollen, steht auch drin, dass betrunkene Frauen eine Zumutung sind und saufen für Frauen jünger als 17 nicht geht. In der Fortsetzung «Susi-Krise» gibt es das Kapitel «Das Alko-Hole», in dem ich beschreibe, wie sich der besoffene erwachsene Mann in ein Arschloch verwandelt und wieder zurück.

Mr. Date bestellte keine zweite Flasche, aber drei offene Gläser für sich, und im Taxi wollte er, auch das ist immer gleich, noch in einer Bar «einen Absacker» trinken. «Was für einen Absacker?», sagte ich, «du trinkst noch drei Wein und ich zwei Wasser?» Ach komm bitte, heulte er und versuchte, mich mit seinem säuerlichen Alkoholatem zu küssen. Ich schubste ihn zurück, stieg aus und war froh, endlich allein zu sein. Oder haben Sie schon mal stocknüchtern mit einem Besoffenen geknutscht?