Schluss mit dem Supermama-Mythos!

Niemand stehe so sehr unter Beobachtung wie die Mütter, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm – und warnt vor einem überdimensionierten Mutterbild.

Wie ändert man die Rollen? Studien aus Deutschland und Österreich zeigen, dass Elternmonate ein Türöffner sind. Foto: Gustavo Fring (Pexels)

«Du musst nicht perfekt sein, Mama!» Der Titel von Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamms neustem Buch sagt deutlich, worum es in dem Werk geht: Wir sollen uns von überhöhten Erwartungen gegenüber Müttern befreien. Während im Titel jedoch die Mama aufgefordert wird, ihre Ansprüche an sich selber herunterzuschrauben, macht Stamm im Innern des Buches schon auf den ersten Seiten klar, dass der Supermama-Mythos «keine individuelle Angelegenheit ist, sondern ein kulturelles Mandat». Sprich: ein gesellschaftlich gewachsenes, in allen Schichten verankertes Mütter-Ideal. Und weil dieses so überdimensioniert sei, würden viele Frauen heutzutage fast daran zerbrechen.

Margrit Stamm (70) ist Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Begabung, Frühförderung, Qualität in der Berufsbildung und Förderung von Migrantenkindern. Foto: Sebastian Magnani

Frau Stamm, viele Mütter dürften erleichtert aufatmen, weil endlich jemand sagt, dass wir nicht perfekt sein müssen. Und dass der auf uns lastende Druck nicht selbstgemacht ist, sondern aus der Gesellschaft kommt.
Margrit Stamm: Und doch schreibe ich das nicht etwa, um den Müttern ein paar Streicheleinheiten zu geben. In diversen Studien hat sich gezeigt, dass in unserer Gesellschaft ein total überdimensioniertes Mutterbild vorherrscht: Niemand steht in der Schweiz so sehr unter Beobachtung und unter Druck wie die Mütter. Mamas gelten gewissermassen als öffentliche Personen und ihr Nachwuchs als Besitz der Allgemeinheit.

Entsprechend wird man als Mutter nicht nur genau beobachtet, sondern bisweilen auch sehr direkt kritisiert.
In der Tat. 72 Prozent der Mütter werden laut Studien in der Öffentlichkeit irgendwann einmal belächelt oder angepöbelt, teilweise von Wildfremden. Jede zweite von ihnen fühlt sich in solchen Situationen als schlechte Mama.

«Das Bild der perfekten Mutter ist omnipräsent.»

Wieso lassen wir uns durch solche Bemerkungen so schnell verunsichern?
Das Bild der perfekten Mutter ist omnipräsent in unserer Gesellschaft. Die Forschung zeigt auch, dass von einer Mutter heute erwartet wird, in allen Bereichen perfekt informiert zu sein: Sie muss über die neusten Autositz-Tests Bescheid wissen, alle Kinder-Velohelme kennen und so weiter. Das setzt enorm unter Druck. Kommt dann Kritik, verunsichert das.

Worauf gründet denn dieses überdimensionierte Mutterbild?
Mit der Emanzipation bekam die Frau mehr Möglichkeiten: Sie konnte werden, was sie wollte – und wenn gewünscht auch Kinder bekommen. Gleichzeitig stiegen aber die Ansprüche an sie enorm: Sie sollte die perfekte Mutter und immer fürs Kind da sein, zur selben Zeit jedoch auch der Wirtschaft als Arbeitskraft zur Verfügung stehen. 

Margrit Stamm: Du musst nicht perfekt sein, Mama! Schluss mit dem Supermama-Mythos – Wie wir uns von überhöhten Ansprüchen befreien. Piper, München 2020. 288 S., ca. 20 Fr.

Beides zusammen funktioniert nicht.
Deshalb erleiden heute etwa 20 bis 30 Prozent aller Frauen ein Burn-out. Das beweist, dass die Ansprüche an sie schlicht nicht erfüllbar sind.

Um den Frauen Karriere und Kinder zu ermöglichen, wurden im ganzen Land Kitas und Horte gebaut.
Doch da liegt das Problem: Diese Strukturen alleine genügen nicht. Wir fokussieren in der Politik und der Gesellschaft stets darauf. Doch was wir eigentlich diskutieren müssten, ist das überdimensionierte Mutterbild.

«Fürsorge ist hierzulande immer noch weiblich, da muss ein Umdenken stattfinden.»

Ein gesellschaftlich so fest verankertes Bild zu revidieren, ist nicht einfach. Wie soll das geschehen?
Ich erhoffe mir, dass mein Buch und die Berichte darüber eine Reflexion anstossen. Und dass die Politik das Thema aufnimmt. Fürsorge ist hierzulande immer noch weiblich, da muss ein Umdenken stattfinden. Vielleicht schaffen wir es dadurch sogar, eines Tages auch eine Elternzeit einzuführen wie in unseren Nachbarländern.

Hilft diese konkret, das Mütter-Ideal etwas herunterzuschrauben?
Studien aus Deutschland und Österreich zeigen, dass Elternmonate durchaus ein Türöffner sind, damit sich die Rollen ändern. Während der Papa-Monate geht die Frau arbeiten und der Vater ist zu Hause alleine zuständig – das bewirkt etwas. 

Die Frau lernt dadurch, loszulassen. Was sie wiederum zu einer guten Mutter macht, wie Sie schreiben: «Entwicklungspsychologisch  gesehen ist es wichtig, dass sich Kinder von der Mama entfernen (…) und dabei auch negative Erfahrungen machen.» Ist das vermeintlich perfekte Überbehüten also gar nicht empfehlenswert?
Wenn ein Kind bei seinem Versuch, die Welt zu erkunden, immer wieder von der überängstlichen Mutter abgefangen wird, wird sein Autonomiebestreben erstickt. Diese Überinvestition der Mutter ist also eher schädlich. Eine gute Mutter ist nicht die perfekte, sondern die hinreichend gute Mutter. Sie identifiziert sich nicht zu sehr mit dem Kind und bewahrt sich ein gesundes Mass an Eigenliebe. Orientierten sich Mütter etwas mehr an diesem Paradigma, würden sie weniger in den Sog der Perfektionsspirale geraten.