Schulstart ohne Eltern? Das muss nicht sein

Es gäbe kreative Lösungen, um das wichtige Ritual des ersten Kindergarten- oder Schultages auch in Corona-Zeiten würdig durchzuführen.

Es geht besser: Das gesamte Schulareal für Eltern zur Sperrzone zu erklären, ist übertrieben. Foto: Christian Pfander

«In einer Woche beginnt die Schule. Und ich weiss immer noch nicht, ob ich mein Kind am ersten Schultag begleiten darf», ärgerte sich eine Arbeitskollegin letzte Woche. So wie ihr ging es diesen Sommer vielen Eltern. Seit der Bund die Entscheidungsmacht in Sachen Corona an die Kantone delegiert hat, herrscht in der Schweiz ein Flickenteppich an Regelungen – auch an der Volksschule. 

Während etwa Basel-Stadt den Eltern verbietet, ihre Kinder am ersten Kindergarten- oder Schultag aufs Schulareal zu begleiten, heisst es im Kanton Zürich, dass «unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln sowie mit Schutzkonzept» Aktivitäten möglich seien. Im Kanton Aargau wiederum gelten je nach Gemeinde andere Regeln.

Ein immens grosser Schritt

Gerade weil die Vorschriften von Ort zu Ort so unterschiedlich sind, hatten viele Eltern Mühe damit, sie nachzuvollziehen und zu akzeptieren. Mehrere Aargauer Mütter sind laut «20 Minuten» deshalb bei der Schulleitung vorstellig geworden, um nach einer Lösung zu suchen, wie sie ihr Kind dennoch in den Kindergarten begleiten können.

Wäre ich an ihrer Stelle, hätte ich vermutlich dasselbe getan. Der erste Kindergarten-Tag ist je nach Charakter und Erfahrung des Kindes ein immens grosser Schritt. Manche Vierjährige werden an dem Tag zum allerersten Mal in ihrem Leben fremdbetreut. Dass sie dabei zu Beginn noch etwas Unterstützung durch die Eltern benötigen, ist absolut verständlich – und diese Unterstützung sollte ihnen gerade in so aussergewöhnlichen Zeiten nicht verwehrt werden.

Umso mehr, weil vielerorts schon die Besuchstage vor den Sommerferien gestrichen wurden. Dabei lernen die Kleinen normalerweise ihre neue Lehrerin und den Kindergarten kennen. So aber treffen sie am ersten Schultag auf völlig unbekanntes Terrain und eine ihnen fremde Lehrperson. Manch ein Kind, das unter normalen Vorzeichen relativ entspannt in den neuen Lebensabschnitt gestartet wäre, fühlt sich durch diese vielen Unbekannten womöglich verunsichert.

Es braucht ein Übertrittsritual

Sabine Brunner, Psychiaterin am «Marie Meierhofer Institut für das Kind» bestätigt, dass «wichtige Übergänge im Leben eines Kindes gestaltet werden sollen». Ein feierlicher Eintritt in den Kindergarten, begleitet von einer Bezugsperson, macht also durchaus Sinn. «Die Schule sollte sich überlegen, wie sie den Übergang passend zur Situation gestaltet und somit Eltern wie Kindern ein bewusstes Gefühl für den wichtigen Schritt vermittelt», so Brunner.

Die Lösung liegt in der Mitte: In der Primarschule Theodor in Basel gab es am Montag, den 10. August, für die neuen Schüler eine Begrüssungsveranstaltung mit Maskenpflicht. Foto: Nicole Pont

Kreative Ideen sind also gefragt – und viele Schulen haben durchaus solche entwickelt. In unserer Gemeinde etwa haben die Lehrpersonen noch während der Sommerferien Videos ihrer Klassenräume gemacht und online gestellt, damit die Kinder ihr neues Klassenzimmer wenigstens virtuell schon vorab besichtigen konnten. Diverse Schulen haben zudem Begrüssungsrituale für die Neulinge und ihre Eltern im Freien organisiert, um den Kindern den Schuleinstieg und den Eltern das Loslassen zu erleichtern.

Wie so oft liegt die ideale Lösung vermutlich in der Mitte: Die Schule sollte nicht ganz auf eine Begrüssungsfeier verzichten, die Eltern aber auch nicht auf dem Begleiten bis zum Sitzplatz beharren. «Letzteres ist nämlich keineswegs nötig für einen gelungenen Start», sagt auch Sabine Brunner.

Wie ist der Kindsgi- und Schulstart bei Ihnen abgelaufen? Erzählen Sie es uns in den Kommentaren.