Böse, böse Rapmusik

Sex-, Geld- und gewaltgeiler Rap ist populär wie nie unter jugendlichen Zuhörern. Was müssen Eltern wissen und wie können sie damit umgehen?

Platindekoriert und kontrovers diskutiert: Skandal-Rapper Capital Bra. Foto: Screenshot/Youtube

Noch vor 60 Jahren war es denkbar einfach für Jugendliche, ihre Eltern in Angst, Schrecken oder Rage zu versetzen. Ein Elvis-Hüftschwung? Sieben Tage Hausarrest. Eine Beatles-Frisur? Ab ins Sorgenkinderinternat. Einmal rauchen ohne inhalieren? Runter von der Erbschaftsliste. So zumindest klingt es mitunter, wenn sich die Generation der Babyboomer an ihre Erfahrungen mit pubertärem Aufbegehren, halbstarker Rebellion und Abgrenzung von Vater und Mutter erinnert – die man damals natürlich noch Herr und Frau Schmidt nannte, wenn man nicht gerade den Rohrstock spüren wollte. Es waren harte Zeiten, aber in gewisser Weise waren sie auch sehr einfach.

Worüber rappen diese Männer? Vereinfacht gesagt über eine Welt, in der das Gesetz des Stärkeren gilt.

Das Bedürfnis nach jugendlicher Reviermarkierung gibt es natürlich noch immer. Nur die Eltern lassen sich nicht mehr so leicht aus der Reserve locken. Schock-, Belastungs- und Toleranzlevel sind gestiegen: Wer Mama und Papa heute noch richtig schräg reinfahren will, muss sich schon etwas ganz Besonderes einfallen lassen – und zum Beispiel den ganz besonders bösen Gangster-Rap hören. Dessen deutschsprachige Vertreter sind nicht nur extrem erfolgreich, gerade bei ihrem überwiegend jungen Publikum. In Elternforen und Spielplatzgesprächen kann man auch herausfinden, dass sie zu den letzten Feindbildern gehören, die selbst die Schmerzgrenzen vermeintlich progressiver Eltern überschreiten.

Von Sex, Fashion und Drogen

Niemand hatte im deutschsprachigen Raum mehr Nummer-eins-Hits als der Berliner Rapper Capital Bra. Kein Musiker wurde in den letzten fünf Jahren ausgiebiger und kontroverser diskutiert als der ebenfalls platindekorierte Kollegah aus Düsseldorf. Im Wochentakt erscheinen neue Protagonisten auf der Bildfläche, die vom Hype um Gangster- und Strassenrap profitieren wollen und ihn zugleich weiter vorantreiben. Worüber rappen diese Männer? Vereinfacht gesagt über eine Welt, in der das Gesetz des Stärkeren gilt. Über Status und dessen Symbole, über Geld und Macht und die Annehmlichkeiten, die damit einhergehen. Sex, Autos, Drogen, Uhren, Fashion. Und so weiter und so fort.

Anders als in den USA, wo sich Rapmusik zunächst in den sogenannten Problemvierteln der New Yorker Bronx entwickelte, stammen die ersten deutschsprachigen Erfolgsgeschichten überwiegend aus bildungsbürgerlichen Milieus. Wer seine Kinder Mitte der Neunzigerjahre beim Hören der Fantastischen Vier, von Freundeskreis und den Absoluten Beginnern erwischte, musste schlimmstenfalls befürchten, dass sie Interesse an Kifferhumor, fragwürdigen Wortspielen und harmloser Revolutionsromantik entwickeln könnten.

Härte Gangarten etablierte kurz nach der Jahrtausendwende vor allem die Plattenfirma Aggro Berlin. Deren Künstler wie Sido und Bushido beschrieben ihre einst prekären Lebensverhältnisse und die zugehörigen Aufstiegsgeschichten, sie pflegten einen raueren Tonfall und eine zunehmend sexistische, homophobe und behindertenfeindliche Sprache (die es vereinzelt jedoch auch schon bei den Bildungsrappern gegeben hatte). Aggro Berlin implodierte bereits vor elf Jahren unter den Streitereien seiner Musiker und Entscheidungsträger. Das heutige Erscheinungsbild von deutschem Strassenrap hat das Label jedoch mitgeprägt.

Pankikmache und Verbote sind schlechte Ratgeber

Hip-Hop ist inzwischen die wohl weltweit bedeutendste Jugendkultur. Vor allem im deutschsprachigen Raum verkörpern viele ihrer erfolgreichsten Vertreter Lebensentwürfe, die auf einer Mentalität der ausgefahrenen Ellbogen und gezielten Tritte nach unten basieren. Auch als szenenaher Berichterstatter gibt es daran nichts zu beschönigen. Aber gibt es etwas zu verteufeln? Sollten sich Eltern Sorgen machen, wenn ihre Kinder den nächsten Capital-Bra-Hit auf Platz eins der Charts streamen? Oder Alben von Kollegah und Bushido hören, die in Deutschland indiziert sind und für Jugendliche eigentlich gar nicht erhältlich sein sollten?

Wie so oft in Erziehungsfragen sind Panikmache und Pauschalverbote die schlechtesten elterlichen Berater. Rapmusik ist ohnehin zu allgegenwärtig auf Youtube und Schulhöfen, als dass man sie aus dem Leben des eigenen Nachwuchses verbannen könnte. Stattdessen empfehlen Soziologinnen und Pädagogen gemeinhin: Interesse zeigen, auch wenn es wehtut. Mithören, Fragen stellen, diskutieren und bei Bedarf die eigene (Abwehr-)Haltung zum Ausdruck bringen. Wer sich mit der Lieblingsmusik seiner Kinder auseinandersetzt, wird auch besser verstehen, worin der Reiz dieser Musik liegt, wie Jugendliche ihre Inhalte reflektieren – und wie sie zwischen Authentizität und Inszenierung unterscheiden.

Während es früher um umstürzlerische Ideen ging, geht es vielen deutschen Rappern um die Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft.

Eine genauere Beschäftigung zeigt ausserdem, dass die deutsche Strassenrapszene (die eigentlich aus vielen Klein- und Kleinstszenen besteht) viel heterogener ist, als sie in der Regel dargestellt wird. Es gibt wirklich unangenehme Zeitgenossen wie Kollegah, der auch mit antisemitischen Klischees und Verschwörungstheorien zündelt, oder Rapper wie Fler und Teile der 187 Strassenbande aus Hamburg, bei denen Realität und gewaltverherrlichende Fiktion bisweilen durcheinander geraten. Ihr Appeal für junge Zuhörende liegt auf der Hand: Das Spiel mit Grenzüberschreitungen und Abgrenzungen, mit eigener Sprache und einem männlichen Zugehörigkeitsgefühl, die für Aussenstehende unergründlich bleiben.

Gesamtgesellschaftliches Problem, anders verpackt

Auf der anderen Seite stehen Rapper, die von den Schattenseiten der Gangster- und Luxusglorifizierung berichten. Der Offenbacher Haftbefehl beschreibt das Ringen um Status und Reichtum als Aneinanderreihung von leeren Gesten. Er rappt über Depressionen und Traumata, die kein Drogenkonsum betäuben und kein Konsumrausch vergessen machen kann. Auch seine Texte kommen nicht ohne diskriminierende Sprache aus. Sie erzählen jedoch überwiegend Profundes über eigene Diskriminierungserfahrungen und die Aufstiegsmöglichkeiten jener marginalisierten Menschen in Deutschland, zu denen viele Rapper mit sogenanntem Migrationshintergrund gehören.

Dass diese Geschichten nicht immer jugendfrei erscheinen, ist nur konsequent. Zugleich zeigen sie einen Unterschied zwischen früheren Jugendbewegungen wie Rock’n’Roll oder Punk und dem heute so erfolgreichen Gangster- und Strassenrap auf. Wo es einst um umstürzlerische Ideen ging – oder wenigstens darum, dem Spiessermief des Elternhauses zu entkommen –, geht es vielen deutschen Rappern um die Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft. Sie wollen nichts verändern, sondern dazugehören. Vor diesem Hintergrund ergibt sich eine weitere Deutungsebene für den Turbokapitalismus und die Ellbogenmentalität, die Hip-Hop in Deutschland oft auszeichnen.

Diese Merkmale sind rap-typisch, aber nicht rap-exklusiv. Statusdenken, Geldgeilheit, Materialismus und Sexismus erscheinen vielmehr als gesamtgesellschaftliche Phänomene: In Raptexten kommen sie lediglich unverblümter zur Sprache als im öffentlichen Raum oder den Vorstandssitzungen eines beliebigen Dax-Unternehmens. Wer seinen Kindern etwas mitgeben will, das über jugendliche Trotzphasen hinaus relevant sein wird, könnte zum Beispiel bei dieser Erkenntnis anfangen – und das eigene Gewissen damit beruhigen, dass Elvis, die Beatles und andere Bands der heutigen Grosselterngeneration im Grunde radikalere Ziele verfolgt haben als Capital Bra.

Weitere Beiträge zum Thema: