Warum ich meine Kinder (manchmal) auf den Mund küsse

Mundküsse zwischen Eltern und Kindern sorgen immer wieder für Diskussionen. Warum finden das so viele Leute eklig?

Für Kinder und Eltern gilt das Recht auf körperliche Selbstbestimmung: Ein Mädchen küsst seinen Papa. Foto: Getty Images

Das letzte Mal als ich über Eltern, die ihre Kinder auf den Mund küssen geschrieben habe, ist schon eine Weile her und damals habe ich mich ein bisschen aufgeregt. Na gut, ich hab mich ziemlich aufgeregt. Es ging darum, wie viele Menschen sich über die Tatsache aufregen, dass der US-amerikanische Footballstar Tom Brady sowohl seinen 11-jährigen Sohn als auch seinen 73-jährigen Vater auf den Mund küsst. Unglaublich, wie viele Leute das eklig fanden. Aber weil das Thema in den sozialen Netzwerken ganz allgemein gerade wieder hochgekocht ist und mich wirklich interessiert, verspreche ich, diesmal nicht allzu sehr auszuflippen.

Dafür müssen wir zunächst ein paar grundsätzliche Sachen abräumen. Zum einen gilt auch für Kinder ganz klar das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Niemand hat das Recht, sie ungebeten zu küssen oder auf einen Kuss zu bestehen. Das schliesst die Eltern mit ein. Kinder können diese Form der Intimität aus den verschiedensten Gründen ablehnen und alle sind legitim. Selbst wenn sie einfach nur für einen längeren Zeitraum davon fasziniert sind, dass ihre Eltern tatsächlich auf sie hören, ist das okay. Die kindliche Erkenntnis, dass niemand, absolut niemand das Recht hat, sich über ihre körperlichen Abgrenzungen hinwegzusetzen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Je deutlicher das ohne Ausnahme gilt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich niemand so leicht hinter ihre Schutzschilde quatschen kann, weil er oder sie «die Mama kennt», Onkel oder Tante ist oder sonst irgendwelche Bezüge hat, beziehungsweise herstellt.

Warum sollten Mundküsse nicht etwas anderes als romantische Liebe oder sexuelles Begehren ausdrücken können?

Zum anderen ist es vollkommen legitim, wenn Erwachsene Probleme damit haben, ihre eigenen Kinder auf den Mund zu küssen oder es bei anderen zu beobachten. Es als eklig zu diffamieren und zu beschimpfen wie im Fall von Brady hingegen geht zu weit. Der für mich interessanteste Aspekt dieser Debatte, den ich so nicht auf dem Schirm hatte, ist der Aspekt der körperlichen Selbstbestimmung von Eltern. Auch weil ich selbst keine Schwierigkeiten damit habe, meine Kinder auf den Mund zu küssen oder von ihnen auf den Mund geküsst zu werden. Es kommt selten vor, aber wenn es passiert fühlt es sich vollkommen natürlich an.

Es gibt aber Väter und Mütter, die sich mit dem auf den Mund küssen schwer tun und zugleich Kinder haben, die das massiv einfordern. Ab einem gewissen Alter mag man das verständlich kommunizieren können. Doch einer Dreijährigen, die gerne Ihr Gesicht in beide Hände nimmt und Sie auf den Mund küsst, einen Satz wie «Ich mag das nicht» oder «Das überfordert mich» auch begreiflich zu machen, ohne sie dabei zu verletzen, ist alles andere als einfach.

Brüste können ja auch Kinder stillen

Ausserdem faszinieren mich die Gründe, die Eltern angeben, warum sie das nicht wollen. Manche sagen einfach, dass es sich für sie falsch anfühlt. Andere versuchen, dieses Gefühl genauer zu beschreiben, indem sie klarstellen, dass ein derartiger Kuss nur einem Liebespartner oder einer Liebespartnerin vorbehalten sein sollte. Also der romantischen Liebe zwischen Erwachsenen und nicht der Liebe von Eltern zu ihren Kindern. Wieder andere weisen darauf hin, dass ein solcher Kuss eine sexuelle Konnotation hat, die sie vollkommen zu Recht für absolut unangebracht in einer Eltern-Kind-Beziehung halten.

Ich will hier wirklich niemanden zum Mundküssen bekehren. Aber die Eindeutigkeit dieser Tabuisierung beschäftigt mich. Warum sollten Mundküsse nicht etwas anderes als romantische Liebe oder sexuelles Begehren ausdrücken können? Brüste können ja auch in einem erotischen Kontext stehen oder Kinder stillen. Ein Familienbett kann dazu genutzt werden, dass alle darin schlafen oder dass die Eltern darin Sex haben, wenn die Kinder mal aus dem Haus sind. Und im Gegensatz zu dem in «Reine Nervensache» von Robert De Niro gespielten Mafiosi sollte es doch möglich sein, mit seiner Partnerin den Sex zu haben, den man sich wünscht, und dafür nicht auf eine Geliebte auszuweichen, weil die Frau schliesslich «mit dem Mund die Kinder küsst, wenn sie schlafen gehen».

Ich glaube nicht, dass man durch eine Tabuisierung die erwünschte Eindeutigkeit erreicht, sondern dabei lediglich eine Mehrdeutigkeit ausblendet, die immer vorhanden ist. Niemand sollte müssen. Und niemand muss sollen. Aber wenn Eltern und Kinder sich in Achtung der Grenzen aller Beteiligten gerne auf den Mund küssen, spricht nichts dagegen. Oder wie sehen Sie das?