«Fahren Sie lieber einmal, dafür lange weg»

Familienferien ohne schlechtes Gewissen – geht das? Ein Gespräch mit Tourismusforscher Fabian Weber.

Schwierige Entscheidung: Will man den Kindern ferne Länder zeigen oder ihre Umwelt schützen? Foto: iStock

Herr Weber, für einmal werden wir uns wohl nicht mit Sack und Pack und der ganzen Familie in Charterflieger pressen, um für zwei Wochen ans Meer zu fliegen. Wird diese nachhaltige Gesinnung auch nach den pandemiebedingten Beschränkungen anhalten?
Kurzfristig bestimmt. Unter anderem, weil viele Reisen noch gar nicht möglich sind. Mittel- und längerfristig wird es jedoch sehr davon abhängen, wie stark und wie lange die Wirtschaft von der Pandemie betroffen sein wird – denn letztlich ist sie immer ein Treiber für Reiseaktivitäten. Von Relevanz wird auch sein, ob es eine zweite Welle gibt oder ein Impfstoff gefunden wird. Und letztlich hängt auch viel davon ab, welche Wertschätzung wir Ferien in unserem Land abgewinnen können – jetzt, wo wir quasi dazu «gezwungen» werden, in der Nähe zu bleiben. Das kann durchaus Einfluss nehmen auf unser künftiges Reiseverhalten. Vielleicht bekommen wir ja tatsächlich Lust darauf, lokaler zu reisen, weniger komplizierte Reisen zu unternehmen und uns für Ferien eben nicht unbedingt in ein Flugzeug quetschen zu müssen.

Viele Eltern würden ihren Kindern gerne die Welt zeigen, um ihren Horizont zu erweitern. Sie haben aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, wenn sie etwa eine Ferienreise für drei Wochen nach Sri Lanka buchen. Lässt sich dieses Dilemma umgehen?
Nie ganz. Denn letztlich hat Tourismus immer mit Mobilität zu tun. Gewisse Widersprüche – gerade was Fernreisen anbelangt – sind einfach gegeben. Es gibt aber trotzdem zahlreiche Möglichkeiten, um negative Auswirkungen auf unsere Umwelt zu minimieren.

Welche wären das?
Lieber einmal, dafür lange weggehen, anstatt viele, kurze Reisen unternehmen. Dann sollte man die Distanz im Auge behalten und sich fragen, ob das Reiseziel tatsächlich so weit weg liegen muss. Vielleicht lässt es sich ja auch in der Nähe ganz gut Badeferien machen. Wenn das nicht möglich sein sollte, bleibt immer noch die Frage, ob das gewünschte Ziel auch mit dem Zug erreichbar ist. Wenn man aber unbedingt fliegen muss, sollte man den Flug zumindest kompensieren.

Laut Umfragen von Myclimate wird gerade mal ein Prozent der Flüge hierzulande kompensiert. Bleibt die Frage, ob sich durch Flugkompensation so etwas wie ein grünes Bewusstsein erkaufen lässt?
Nein, denn die Emissionen werden ja trotzdem ausgestossen. Der Grundgedanke von Myclimate und ähnlichen Organisationen ist, Emissionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Lässt sich Fliegen aber nicht vermeiden, ist es sinnvoll zu kompensieren. Das Geld fliesst in Projekte, die unter strikter Kontrolle stehen und tatsächlich zur Reduktion von Emissionen beitragen. Wenn es aber zu einer rein mechanischen Haltung kommt, im Stil von «ich kompensiere ja schliesslich, dann kann ich also umso mehr und guten Gewissens fliegen», halte ich es für eine kritische Einstellung, welche nicht der Grundidee einer CO2-Abgabe entspricht.

Er arbeitet als Dozent und Projektleiter am Institut für Tourismus der Wirtschaftsuniversität Luzern: Fabian Weber. Foto: zvg

Lassen Sie uns konkret werden was ist nun der ökologischere Weg: Mit dem Bus und der Fähre nach Sizilien zu reisen oder das Flugzeug zu nehmen?
Auch wenn es immer mehrere Faktoren zu berücksichtigen gilt, wie beispielsweise die Distanzen, die Auslastung oder der Antrieb des Busses oder der Fähre, lässt sich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass beim individuellen Reiseweg bedeutend weniger Emissionen ausgestossen werden als beim Flug.

Der Ruf nach Regulierungen im Flugverkehr ist gross. Beispielsweise via Flugpreiserhöhungen. Es gibt aber Stimmen – auch in Kommentaren auf unserem Blog – die befürchten, dass Reisen dadurch künftig nur noch für Reiche möglich sein wird?
Reisen wird so natürlich teurer. Man muss deshalb der Frage auf den Grund gehen, wie die Abgaben im Falle einer Flugpreiserhöhung etwa gestaltet werden. Kann also ein Ausgleich zwischen Vielfliegern und solchen Menschen geschaffen werden, die tatsächlich wenig bis kaum fliegen? Letztlich muss uns aber allen klar sein: Mobilität ist in den vergangenen Jahren immer billiger geworden. Und die Frage nach einer Kostengerechtigkeit im ökologischen Sinn betrifft ja auch die Preispolitik für andere Treibstoffe, wie wir in jüngster Vergangenheit am Beispiel der französischen «Gilet Jaune»-Bewegung gesehen haben. Wir müssen uns also fragen, wie Abgaben gerecht gestaltet werden können und in welchen Fällen Menschen durch Regulierungen extrem eingeschränkt werden. In der Regel – wir reden ja teilweise von absurd tiefen Flugpreisen – werden sich in der Schweiz aber die meisten, auch trotz einer Preiserhöhung, noch Ferien leisten können. Eine solche Regulierung wird also vor allem diejenigen treffen, die tatsächlich bereits viel fliegen.

Nachhaltigkeit im Tourismus bedeutet nicht nur, dass wir versuchen, die Emissionen des Flugverkehrs zu reduzieren. Was müssen wir sonst noch im Auge behalten, wenn wir als Familie eine Reise planen?
Man sollte sich mit den favorisierten Destination bereits bei der Planung genau auseinandersetzen. Auch mit den sozialen und kulturellen Aspekten, die im jeweiligen Land vorherrschen. Zu Nachhaltigkeit im Tourismus gehören unter anderem auch Aspekte wie Menschenrechte, Arbeitsbedingungen, regionale Wertschöpfung oder sparsamer Umgang mit Ressourcen. Solche Aspekte gilt es bei der Wahl der Unterkünfte und Aktivitäten zu beachten. Oft ist es aber tatsächlich schwierig, sich einen Überblick zu verschaffen, da entsprechende Angebote fehlen oder Nachhaltigkeitsbestrebungen nicht transparent kommuniziert werden.

Gibt es denn ein Label, dass besonders nachhaltige Angebote auszeichnet?
Es gibt unzählige Labels – vor allem im Unterkunfts- und Hotelbereich. Da wird es manchmal schwierig, sich zurechtzufinden. Es gibt aber spezifische Reise- und Buchungsportale. Zudem lohnt es sich, sich bei Reiseveranstaltern jeweils explizit nach nachhaltigen Angeboten zu erkundigen.

Kommen wir zu einem weiteren Dilemma: Es gibt viele Länder, die komplett vom Tourismus abhängig sind. Tun wir dementsprechend fürs Klima zwar Gutes, aber nicht für die Menschen aus gewissen Tourismusgebieten, wenn wir künftig weniger ins Ausland reisen?
Gerade in einer Krisensituation wird sichtbar, wie verletzlich gewisse Regionen sind, wenn kein Geld aus dem Tourismus ins Land fliesst. Es bestehen zum Teil enorme Abhängigkeiten vom Tourismus, was wiederum aus wirtschaftlicher Perspektive auch nicht besonders nachhaltig gedacht ist. Aber es gibt in der Tat ein Grunddilemma, dass das Ausbleiben von Touristen auch grossen wirtschaftlichen Schaden anrichten kann.

Was können wir also tun?
Um die Emissionen des Fliegens im internationalen Tourismus zu reduzieren, muss es das Ziel sein, nähere Märkte zu erschliessen. Und wenn wir als Touristen in fernere Länder reisen, sollten wir darauf achten, dass unser Geld möglichst auch im Land bleibt und die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus nicht ins Ausland abfliessen. Die lokale Bevölkerung profitiert nämlich nur, wenn der Tourismus tatsächlich vor Ort zu Wertschöpfung und Arbeitsplätzen führt.

Die meisten von uns werden diese Sommerferien wohl mit den Kindern in der Schweiz verbringen. Wie steht es denn um unser Land punkto nachhaltigem Tourismus?
Grundsätzlich hat unser Land gute Voraussetzungen für nachhaltigen Tourismus. Dazu gehören unter anderem strikte gesetzliche Auflagen oder ein sehr gutes öffentliches Verkehrsnetz. Zudem haben wir im Unterkunftsbereich viele kleine Anbieter und Familienbetriebe. Bei solchen Betrieben bleibt das Geld aus dem Tourismus eher in der entsprechenden Region. Aber auch hierzulande gilt: Das Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft und die Branche könnte das Thema Nachhaltigkeit viel aktiver angehen. Also entsprechende Angebote schaffen – gerade auch für heimische Familien, die in der Schweiz Ferien machen wollen.

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