«Aufgeklärte Kinder sind besser geschützt»

Sexuelle Gewalt kommt weit häufiger vor, als die meisten annehmen. Opferberaterin Agota Lavoyer erklärt, wie Eltern ihre Kinder schützen können.

Onkel, Geschwister oder Pfadileiter: Sexuelle Übergriffe werden selten von Unbekannten verübt. Foto: iStock

Agota Lavoyer ist Stv. Leiterin von Lantana, Fachstelle Opferhilfe bei sexueller Gewalt der Stiftung gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Lavoyer berät von sexualisierter Gewalt betroffene Frauen und Kinder, deren Angehörige sowie Fachpersonen und gibt in Schulen und weiteren Institutionen Weiterbildungen zur Prävention sexueller Gewalt an Kindern. Zusammen mit ihrem Mann und vier Kindern zwischen 3 und 9 Jahren lebt sie in Bern. Wer ihr auf Facebook oder Twitter folgt, erhält regelmässige Post rund ums Thema sexualisierte Gewalt an Frauen und Kindern.

Agota, wir sind per Du, wissen ein paar Sachen übereinander, kennen uns aber nicht besonders gut. Würdest du mich eine Stunde auf deine Kinder aufpassen lassen?
Gut möglich, sofern die Kinder damit auch einverstanden sind. Dem Neunjährigen ist es aber wichtig, dass die Kinderbetreuung Fussball spielen kann.

Mist, ich eigne mich bestenfalls als Goalpfosten. Was gibt dir das Vertrauen, dass ich gegenüber deinen Kindern nicht sexuell übergriffig werde?
Ich überlege nicht, ob eine Person sexuelle Absichten hat. Diese Brille anzuziehen, wäre ungesund und ausserdem komplett nutzlos. Man kann Täter und Täterinnen nicht erkennen. Aber ich bin zuversichtlich, dass du in einer Stunde meinen Kindern keine sexuelle Gewalt antust.

Warum?
Sexuelle Ausbeutung läuft fast immer gleich ab. Eine Person aus dem nahen Umfeld überschreitet vorsichtig Grenzen, achtet darauf, wie das Kind und die Eltern reagieren, und geht bei der nächsten Begegnung einen Schritt weiter. Das Kind wird manipuliert, damit es glaubt, die Übergriffe seien normal, aber erzählen darf es sie niemandem. Das alles braucht Zeit.

Wer sind die typischen Täterinnen und Täter?
Menschen aus dem nahen Umfeld. Es ist fast nie der Fremde, der das Kind auf der Strasse anspricht und es dann entführt. In den Köpfen ist das aber noch nicht so richtig angekommen.

«Ich vertraue den Menschen in meinem Umfeld, aber ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen.»

Wie meinst du das?
Viele Eltern bringen ihren Kindern bei, ohne vorherige Abmachung mit niemandem mitzugehen und nie mit Fremden zu sprechen. Nicht dass das falsch wäre, aber es entspricht einfach nicht der realen Bedrohung. Das ist so, wie wenn du deinem Kind bei der Verkehrserziehung immer wieder einschärfst, sich vor Mähdreschern in acht zu nehmen, aber nie mit ihm über Autos redest.

Bleiben wir kurz bei den Fremden. Angenommen, ich suche in einem Dorf eine Adresse und kann die Strasse nicht finden. Es sind keine Erwachsenen zu sehen, die mir Auskunft geben könnten. Ein etwa siebenjähriges Schulkind spaziert vorbei. Darf ich es nach dem Weg fragen?
Warum nicht? Ich würde eine Distanz wahren, die der Situation angemessen ist. Das Kind nicht in Diskussionen verwickeln, und wenn es mich zur Adresse führen will, sage ich: «Danke, aber es reicht schon, wenn du mir die Richtung zeigst.»

Also ist es auch o.k., wenn jemand dein Kind nach dem Weg fragt?
Das ist keine Situation, die mir Angst macht. Ich möchte nicht Sozialkontakte zwischen Kindern und Erwachsenen unterbinden. Manchmal können ja auch die Kinder auf Hilfe von Fremden angewiesen sein. Zum Beispiel, wenn sie allein unterwegs sind und etwas Unerwartetes passiert.

Agota Lavoyer

«Der Fremde, der das Kind auf der Strasse entführt, entspricht nicht der realen Bedrohung»: Agota Lavoyer. Foto: zvg

Sexuelle Übergriffe werden also von Menschen aus dem Umfeld verübt. Wie oft ist es tatsächlich der Onkel, der immer als Beispiel für den typischen Täter hinhalten muss?
Das schlüsselt die Statistik in der Schweiz nicht einzeln auf, aber aus meiner Beratungserfahrung würde ich sagen, nach den Vätern folgen Onkel, Göttis und Grossväter. Verhältnismässig oft sind die Täter auch ältere Geschwister mit einem grösseren Altersabstand und Vertrauenspersonen ausserhalb der Familie: der Fussballtrainer, die Musiklehrerin, der Nachbar oder der Pfadileiter. Und auch wenn es selten ist: Es gibt Mütter, die ihre Kinder sexuell ausbeuten.

Also Personen, von denen sich Kinder schlecht abwenden können.
Je grösser das Abhängigkeitsverhältnis, desto schlechter. Oft wollen sie das auch nicht, trotz der Übergriffe. Die Täter und Täterinnen haben ein gutes Gespür für Kinder und sind beliebt, weil sie genau wissen, wie sie sich ihr Vertrauen sichern müssen. Und noch etwas kommt erschwerend dazu, wenn der Vater, der ältere Bruder oder der Grossvater übergriffig wird: Wem soll sich das Kind anvertrauen? Der Mutter? Wird sie hören und glauben, was nicht sein darf?

Ich vertraue den Menschen in meinem Umfeld, aber ich würde für niemanden die Hand ins Feuer legen. Sobald ich mir 100 Prozent sicher bin, dass eine Person «so etwas nie tun würde», verschliesse ich mich vor den Hilferufen potenzieller Opfer.

Klingt fatal …
Dass sich ein Kind einer Person anvertrauen kann, die ihm glaubt, ist enorm wichtig. Das ist faktisch der einzige Weg, wie sexuelle Gewalt ans Licht kommt.

Können Eltern nicht auch Zeichen deuten? Das Kind schläft schlecht, zieht sich zurück, verhält sich anders als sonst?
Das ist ein Mythos. Ich kenne keinen einzigen Fall, der so aufgedeckt wurde. Sexuell ausgebeutete Kinder versuchen oft die Normalität zu wahren. Erst rückblickend deuten die Eltern dann manche Zeichen und machen sich Vorwürfe, dass sie nichts unternommen haben.

Kommen wir zum Elefantenbullen im Raum. Geht es um sexuelle Gewalt, redet man selten von Täterinnen. Manche Männer fühlen sich pauschal verdächtigt.
Jemanden aufgrund des Geschlechts zu verdächtigen, ist natürlich falsch. Gerade bei männlichen Fachpersonen, die mit Kindern arbeiten, beobachte ich manchmal eine Verunsicherung. Das ist sehr schade und sollte nicht sein.

Aber die Statistik spricht wahrscheinlich eine klare Sprache.
Sexuelle Ausbeutung erfolgt überwiegend von Männern. Trotzdem wäre es falsch, den Blick nur auf Männer zu richten: Erstens gibt es durchaus auch Täterinnen und zweitens geht man davon aus, dass die relative Dunkelziffer bei Täterinnen grösser ist, weil Übergriffe durch Frauen ein gesellschaftlich noch grösseres Tabu sind. Den Opfern von Frauen glaubt man noch seltener.

Weil Frauen unverdächtig sind?
Ja, und das nimmt sie vielleicht zu sehr aus der Verantwortung. Ich behaupte, dass Frauen im Alltag öfter die Grenzen von Kindern überschreiten als Männer. Weil sie nicht befürchten müssen, verdächtigt zu werden und sich deshalb weniger mit den Grenzen auseinandersetzen. Zum Beispiel die Handarbeitslehrerin, die beim Stricken das Kind von hinten umgreift und ihre Brüste an seinen Rücken drückt, die Schwimmlehrerin, die in die Umkleidekabine platzt, oder die weibliche Verwandtschaft, die Kinder ungefragt feucht abküsst. Männer sind da zurückhaltender.

Ob unangenehme Grenzüberschreitung oder schwerer Übergriff – wie sorge ich dafür, dass mir mein Kind erzählt, was es erlebt hat?
Indem ich mit ihm offen über Sexualität und Nähe rede. Darüber, was in Ordnung ist und was nicht. Wer ein Kind sexuell ausbeutet, sagt Dinge wie «so was machen alle». Ein aufgeklärtes, selbstsicheres und unabhängiges Kind weiss eher «das stimmt nicht» und redet, wenn seine Grenzen verletzt werden. Ausserdem ist eine liebevolle, respektvolle Erziehung entscheidend. Kinder sollen spüren, dass sie genauso wichtig sind wie Erwachsene – damit sie die Wünsche der Täterinnen und Täter nicht automatisch über ihren eigenen Widerwillen stellen.

Jetzt werden viele sagen: «Lasst Kinder Kinder sein. Man kann doch nicht regelmässig so etwas Ernstes wie sexuelle Gewalt thematisieren.»
Wieso nicht? Wir erklären Kindern doch auch die Gefahren im Strassenverkehr und warnen sie vor Stromschlägen und Verbrennungen. Ohne zu befürchten, dass wir sie dadurch traumatisieren.

Der Strassenverkehr ist als Gefahr präsenter. Wir überqueren regelmässig grosse Kreuzungen.
Da hilft ein Blick in die Statistik. Etwa jedes vierte Mädchen und jeder zehnte Junge erlebt in seiner Kindheit sexuelle Gewalt. Das sind im Schnitt vier Kinder pro Schulklasse. Trotzdem haben wir alle das Gefühl: «In meinem Umfeld passiert das nicht.» Doch, es passiert. Die Wahrscheinlichkeit, kein Opfer, keine Täterin und keinen Täter zu kennen, ist klein.

«Wir Eltern müssen das Thema Nähe zu uns nehmen und die Kinder nicht allein in der Verantwortung lassen, Grenzen zu setzen.»

Wie redet man kindgerecht über sexuelle Gewalt?
Eingebettet in den Alltag, Gelegenheiten dazu gibt es viele. Ich male meinen Kindern nicht stundenlang Horrorszenarien an die Wand und jage ihnen Angst ein. Denn weder Angst noch Misstrauen schützen. Information und Selbstvertrauen hingegen schon.

Kürzlich war ich mit meinem neunjährigen Sohn im Bad, er stand unter der Dusche. Da habe ich ihn gefragt: «Fändest du es o.k., wenn ich jetzt mit dir duschen möchte?» Wir führten ein kurzes Gespräch darüber, dass es weder für mich noch für eine andere erwachsene Person einen guten Grund gibt, gleichzeitig mit ihm zu duschen. Und ich habe angefügt, dass ich auch nicht möchte, dass er in seinem Alter mit Erwachsenen duscht. Zwei Minuten später haben wir über etwas völlig anderes geredet.

Du hast deinem Sohn Grenzen definiert.
Ja, das habe ich. Wir Eltern müssen dieses Thema zu uns nehmen und die Kinder nicht allein in der Verantwortung lassen, Grenzen zu setzen. Für die meisten wäre das eine komplette Überforderung. Zudem müssen sie das passende Nähe-Distanz-Verhalten auch erst erlernen.

Ein Götti oder eine Tante hat beim gemeinsamen Duschen vielleicht keine bösen Absichten.
Umso besser. Aber vielleicht will irgendwann jemand mit meinem Sohn duschen, der eben durchaus sexuelle Absichten hat. Hätte der Götti oder die Tante vorher immer mit ihm geduscht und ich es okay gefunden, dann käme das meinem Sohn wohl nicht weiter merkwürdig vor. Vermutlich würde er mir dann auch nicht davon erzählen. Er merkt erst, dass etwas nicht stimmt, wenn die sexuelle Gewalt in vollem Gang ist. Das ist das Problem: Wohlwollende Nähe, unsensible Grenzüberschreitungen und sexuelle Ausbeutung unterscheiden sich zu Beginn nicht voneinander. Sexuelle Ausbeutung ist ausserdem oft subtil, kann ohne direkten Körperkontakt stattfinden und tut dann auch nicht weh. Das macht es für nicht aufgeklärte Kinder noch schwieriger, die Gewalt zu erkennen.

Man sollte sich also ein paar Gedanken machen – auch wenn man die besten Absichten hegt?
Gerade dann. Was nehme ich meinem Kind, meinem Neffen, meinem Göttibub weg, wenn ich nicht mit ihm dusche? Vermutlich nicht viel. Was trage ich zu seinem Schutz bei? Sehr viel. Denn er lernt, dass auch er Grenzen hat, die Erwachsene nicht überschreiten dürfen.

Das sind die Abwägungen, die ich auch vornehmen sollte, wenn ein Kind auf meinem Schoss sitzen will, richtig?
Genau. Ich habe meinen Kindern ab einem gewissen Alter gesagt: «Ich möchte nicht, dass ihr allen Erwachsenen auf den Schoss sitzt.» Danach handle ich auch selbst und lasse andere Kinder nicht einfach auf meinen Schoss klettern. Diese Grenze gilt für uns, selbstverständlich können sich andere Familien auf einen anderen Umgang mit Nähe einigen. Es gibt wenige allgemeingültige Regeln. Viel wichtiger ist es, das Thema generell zu enttabuisieren.

Wie geht man denn damit um, wenn zwei Familien und verschiedene Vorstellungen von Nähe aufeinandertreffen?
Man redet miteinander. Wir sollten als Eltern sowieso viel öfter darüber reden, wie wir mit Nähe umgehen und welche Grenzen wir dabei setzen. Das gibt interessante Gespräche mit Verwandten, Freunden, im Quartier oder im Sportclub. So entsteht ein Bewusstsein für das Thema, und es wirkt auf mögliche Täterinnen und Täter erst noch abschreckend. Die wissen dann: Hier werden Grenzen besprochen, diese Kinder sind gut aufgeklärt.

Um unsere Kinder besser vor sexueller Ausbeutung zu schützen, müssen wir uns zwei Fragen stellen: Wie erhöhen wir die Schwelle für potenzielle Täterinnen und Täter, sich am Kind zu vergehen? Und wie können wir die Schwelle des Kindes senken, sich bei Sorgen rechtzeitig Hilfe zu holen?

Betroffene von sexueller Gewalt haben Anrecht auf Opferhilfe. Dazu gehört unter anderem kostenlose Beratung und Entschädigung für finanzielle Folgen der Straftat. Auch Eltern betroffener Kinder haben ein Anrecht auf Opferhilfe. Eltern und weitere Bezugspersonen können sich ausserdem bereits bei Verdacht auf sexuelle Ausbeutung eines Kindes an die Opferhilfestellen wenden. Weitere Informationen und alle Opferhilfestellen finden Sie unter: www.opferhilfe-schweiz.ch

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