Mehr Wertschätzung für Kitas, bitte!

Die Corona-Krise hat es noch einmal verdeutlicht: Die Bedeutung der Kitas wird im deutschsprachigen Raum unterschätzt. Unser Autor hätte da einen Vorschlag.

Mehr als ein bisschen Spielen: Kita-Betreuerinnen erfüllen in der Gesellschaft eine wichtige Aufgabe. Foto: iStock

Niemand hat die Absicht, Kitas mit Schlachthöfen gleichzusetzen. Zumindest in Deutschland, genauer gesagt im nordrhein-westfälischen Landkreis Gütersloh, gibt es aber einen Zusammenhang. Mehr als 1500 positive Coronatests sind dort in den letzten sieben Tagen gemeldet worden. Ausgangspunkt des neuerlichen Ausbruchs war – nicht zum ersten Mal – ein Grossschlachthof der industriellen Fleischproduktion.

Mit der Betreuung von Kindern hat der Vorfall indirekt zu tun. Die Kitas und Schulen in Gütersloh wurden als Reaktion auf die Vielzahl positiver Tests umgehend geschlossen, auch das nicht zum ersten Mal während der Corona-Pandemie. Im betroffenen Fleischwerk durfte jedoch noch tagelang weitergeschlachtet werden. Auch an anderen wirtschaftlich wichtigen Standorten des Landkreises lief der Betrieb zunächst weiter – bis teilweise Schliessungen aufgrund der hohen Fallzahlen nicht mehr zu vermeiden waren. Mit aller Macht und doch vergeblich hatte sich die Politik gegen einen lokalen Lockdown gestemmt. Aber war auch in Fragen der Kinderbetreuung alles versucht worden?

Aus Elternsicht kam der politische Umgang mit Gütersloh nicht überraschend. Schon in der bisher heikelsten Phase der Pandemie, von Mitte März bis Mitte Juni, blieben die Kinderagesstätten in Deutschland weitgehend geschlossen. Sogenannte Notbetreuung gab es nur für den Nachwuchs solcher Eltern, die in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten. Während allerlei Erwerbstätigen mit Bundesgeldern geholfen wurde, fühlten sich Eltern mit der Bespassung und Bildung ihrer Kinder von den Entscheidungsträgern häufig im Stich gelassen.

Kitas sind keine Selbstverständlichkeit

Dass ein Schlachthof zunächst offen blieb, während Kitas geschlossen wurden, ist nur die symbolträchtige Spitze dieses Umstands. Tatsächlich legte Corona lediglich den Blick auf Probleme frei, die in der Kinderbetreuung schon vorher bestanden hatten. Auch in der Schweiz, wo es immerhin keine flächendeckenden Kitaschliessungen gab. Es fehlt an politischer und gesellschaftlicher Wertschätzung: für die Bedeutung der qualifizierten Betreuung im Säuglings- und Kleinkindalter, für die Sprachförderung und frühes soziales Lernen. Kurzum: für die Arbeit von Erzieherinnen und Erziehern, von der insbesondere Kinder aus marginalisierten Umfeldern profitieren.

Insbesondere Kinder aus marginalisierten Umfeldern profitieren.

Kaum ein Gedanke schien vor dem Lockdown daran verschwendet zu werden, was die abrupte Beschränkung der Kontakte zu Gleichaltrigen für Kinder bedeutet. Niemand äusserte sich zu der wertvollen Bildungsarbeit, die unter normalen Umständen in Kitas geleistet wird – oder stellte Konzepte dazu vor, wie der Ausfall dieser Bildungsarbeit ausgeglichen werden könnte.

Dabei können sich auch Eltern nicht immer vom Vorwurf der mangelnden Kita-Wertschätzung freisprechen. Es kommt vor, dass sie die Betreuungsstätten ihrer Kinder als Verwahrungsstationen begreifen, in denen man den Nachwuchs morgens abgibt – gerne auch verschnupft oder fiebrig – und abends wieder abholt. Was in der Zeit dazwischen passiert? Wird schon passen. Natürlich hat diese Haltung nur in den seltensten Fällen mit Gleichgültigkeit zu tun. Gerade bei Familien, in denen beide Eltern Vollzeitjobs nachgehen, sind es meist wirtschaftliche und terminliche Zwänge, die dazu führen, dass sie die Kita als selbstverständlichen Teil ihres Alltags begreifen.

Kritik an der Betreuungsqualität

Dabei starten viele Eltern mit hehren Zielen in die Zeit der Fremdbetreuung. Sie informieren sich über Pädagogik- und Ernährungskonzepte von Kitas, begutachten Klettergerüste, löchern potenzielle Erzieherinnen und vergleichen Personalschlüssel – um schliesslich auf dem Boden der Tatsachen zu landen. In den meisten deutschen Bundesländern gleicht die Vergabe von Kitaplätzen einer Lotterie. Es gibt keine einheitlichen Verfahren und in den Ballungsgebieten ohnehin zu wenige Plätze. Überspitzt gesagt: Wohlmeinende Waldorfeltern mit veganen Frühstücksvorstellungen sind nach der 50. Absage froh, wenn sie ihr Kind überhaupt in irgendeiner Gammelfleisch-Kita mit 500 Mitinsassen unterkriegen.

Hände desinfizieren gehört jetzt dazu: Kita-Eingang in Zürich während des Corona-Lockdown im April. Foto: Keystone

Zumindest in den Stadtgebieten der Schweiz ist ein ähnlich akuter Kitaplatzmangel inzwischen nicht mehr zu beklagen. Um der rasant wachsenden Nachfrage gerecht zu werden, sind zahlreiche neue Plätze entstanden. Viele Beobachter sind jedoch überzeugt, dass diese Ausweitung des Angebots auf Kosten der Betreuungsqualität geht. Immer wieder gibt es Medienberichte über Einrichtungen, in denen sich vor allem Auszubildende, Praktikantinnen und Aushilfen ohne pädagogische Ausbildung um die Kinder kümmern.

Kinderbetreuung frisst ein Drittel des Einkommens

In der Schweiz lässt sich die mangelnde Wertschätzung der Kinderbetreuung an nackten Zahlen ablesen. Eine Studie der Universität St. Gallen errechnete 2013, dass Familien durchschnittlich ein Drittel ihres Einkommens in die Kitabetreuung stecken – ein Spitzenwert in Europa. Die Betriebskosten für Schweizer Kitas sind jedoch nicht höher als in den meisten EU-Ländern, wo die Fremdbetreuung von Kindern deutlich günstiger ist und vom Staat meist stärker bezuschusst wird.

Trotzdem klagen viele Schweizer Einrichtungen über hohen finanziellen Druck, zumal ihnen der Gesetzgeber zunehmend erschwert, Praktikantinnen und Praktikanten mit mehrmals verlängerten Geringverdienerverträgen langfristig zu beschäftigen. Dass solche Berufsanfänger überhaupt zur Betreuungsstütze werden konnten, liegt an ihrer billigen Arbeitskraft, aber auch am Mangel gut ausgebildeter Fachkräfte. Ein Problem, das die Kitas in Deutschland und der Schweiz gemeinsam haben.

Investition in die Zukunft

Eine mögliche Lösung könnte darin liegen, die Betreuung von Kleinkindern in die Bildungssysteme der jeweiligen Länder zu integrieren. Das würde zunächst einmal mehr Einheitlichkeit bedeuten: einheitliche Qualitätsstandards, einheitliche Platzvergaben, einheitliche Gebühren. Oder noch besser: gar keine Gebühren! Für Schweizer Ohren mag das nach einem unerhörten Vorschlag klingen, in einigen deutschen Bundesländern ist es jedoch bereits Standard. Dahinter steckt nicht nur das Vorhaben, Familien finanziell zu entlasten, sondern mit dem Blick auf spätere Bildungswege auch für mehr Chancengleichheit zu sorgen.

Gratis-Kitas würden für mehr Chancengleichheit sorgen.

Um Qualitätseinbussen in der Kinderbetreuung zu vermeiden, müssten die Staaten in diesem Szenario viel Geld ausgeben: in Deutschland etwa 15 Milliarden Euro laut einer Schätzung der Bertelsmannstiftung. Hinzu käme weiterer finanzieller Bedarf, um den Erzieherberuf attraktiver zu gestalten und seine gesellschaftliche Bedeutung aufzuwerten. Grosse Ausgaben also, die in der Schweiz jedoch keine Frage der Bezahlbarkeit sind, sondern der Prioritäten. Das Land steckt bisher einen vergleichsweise kleinen Teil seines Bruttoinlandsprodukts in die Familienpolitik. Käme es hier zu einem Umdenken, würde das nicht nur einer Forderung vieler Eltern und Kitaträger entsprechen. Es wäre auch eine Investition in die Zukunft.