«Mama, sie ischs gsi!»

Nach Streitereien geht es schnell um Schuldzuweisungen. Warum es aber nicht ratsam ist, als Eltern Richter zu spielen.

Ewig unfair bleibt der Geschwisterstreit: Denn nur selten ist eindeutig, wer denn tatsächlich schuld ist. Foto: iStock

Am Tag, als die Kinos ihren Lockdown beendeten, hat mich mein Mann zu meiner Freude an der Hand gepackt, eine Nachbarin zum Kinderhüten organisiert und wir sind ungewohnt planlos zum Kino gelaufen, um uns einfach den Film anzuschauen, der als Nächstes gerade gezeigt wurde. Wie gut, dass ich nicht wusste, wovon dieser handelt. Denn ich hätte mich an jenem Tag wohl kaum für einen derart verstörenden Film wie «La fille au bracelet» entschieden – und dadurch ein wahres Meisterwerk verpasst.

Der Film handelt von der 16-jährigen Lise, die wegen des Mordes an ihrer besten Freundin angeklagt wird. Sorgfältig zeichnet er das Zerbrechen einer Familie nach, die seit der Verhaftung ihrer Tochter zwei Jahre zuvor mit Lise im Hausarrest lebt, wobei Lise permanent durch eine Fussfessel überwacht wird.

Was mich nebst der Geschichte besonders aufwühlte, war, dass mich der Film in ständiger Ambivalenz hielt, ob Lise diesen Mord nun begangen hat oder nicht. Kaum war ich mir sicher, dass sie unschuldig ist, verhielt sie sich derart verstörend, was mich wiederum vom Gegenteil überzeugte, bevor mich dann ein anderes Detail der Geschichte wieder auf die andere Seite katapultierte. Geradezu körperlich war diese Erfahrung. So schien es für mein menschliches Gehirn unerträglich zu sein, wenn es keine Schubladen öffnen, nicht bewerten, schuldig oder unschuldig sprechen kann, weil es einfach nicht weiss, was der Wahrheit entspricht.

Mama, die Staatsanwältin

Und genau diese Erfahrung führte mich im Anschluss an den Film zu meinem eigenen Leben und zu meiner Rolle als Staatsanwältin, die mir die Kinder immer dann unterzujubeln trachten, wenn sie sich wieder mal in jener Dramatik auf die Kappe geben, die einen glauben lässt, es fliesse gleich mindestens ein Liter Blut. Obwohl sich ihre Anklagen nur in Gefilden wie: «Mama! Die dumm Chueh hed mich ghaue!» (Brüll), und: «Mama! Dä isch soo gemein, dä hed mini Burg kaputtgemacht. Äxtra!!» (Tob) bewegen. Wenn in solchen Momenten mein Puls synchron zu ihrem nach oben schnellt, ist die Versuchung jeweils gross, die mir zugedachte Rolle zu übernehmen, mal kurz für Ruhe im Stall zu sorgen und den Hauptverdächtigen schuldig zu sprechen und zu tadeln. Denn wie gesagt: Das Verlangen des menschlichen Gehirns nach Kausalität und Ordnung ist gross und wir leben letztlich in einer Welt, in der wir gelernt haben, dass diese Werte uns weiterbringen.

Schuldigsprechungen verhindern die Gelegenheit, Empathie und Selbstreflexion zu üben.

Doch, und da kommt der Film wieder ins Spiel, ist es mit der Schuld eine äusserst knifflige Sache. Denn ganz oft kennen wir die Wahrheit nicht. Ja, in den meisten Fällen gibt es noch nicht mal die eine Wahrheit, sondern mindestens so viele, wie es Beteiligte gibt. Und nicht immer ist das Kind, das am lautesten klagt, auch das vermeintliche Opfer.

Und ja, tatsächlich kehrt manchmal Ruhe ein, wenn ich einen Schuldigen bestimme und diesem ordentlich «d’Chnöpf itue». Vordergründig. Aber es gibt ein grosses Problem mit Schuldzuweisungen: Sie führen das eigentliche Problem in eine neue Dimension. Wenn wir verurteilt werden, vielleicht zu Unrecht, kann uns das nämlich noch wütender machen, weil unsere Sicht der Dinge kein Gehör findet. Vielleicht schlucken wir unseren Ärger runter, wo er im Bauch aber weiter vor sich hin gärt. Die Einsicht, heftige Gefühle nicht zeigen zu dürfen, wird beim nächsten Streit zu weniger Offenheit, aber mehr Hinterhältigkeit führen. Oder aber wir gehören zu der angepassten Sorte, die macht, was man von uns verlangt, damit aber die Gelegenheit verpasst, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle ernst zu nehmen und formulieren zu lernen.

Schuldspruch und Einsicht

Ich glaube, dass beide Strategien letztlich dazu führen, dass der nächste Konflikt noch schwieriger zu lösen sein wird. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Es geht mir nicht darum, dass Kinder den Preis ihrer Gemeinheiten nicht einsehen und verstehen sollen. Im Gegenteil. Genau das möchte ich ihnen beibringen. Aber es soll aus ihnen heraus geschehen. Schuldigsprechungen verhindern die Gelegenheit, Empathie und Selbstreflexion zu üben, weil sie das Herz verschliessen.

Aus diesem Grund haben wir in unserer Familie den sogenannten «Streitstein» eingeführt, der immer dann hervorgeholt wird, wenn wir die Energie dazu haben und ein Konflikt sich als besonders hartnäckig erweist. Dabei gehen wir wie folgt vor: Zuerst erhält Kind A den Stein und darf ohne Unterbrechung und Anschuldigungen erzählen, was es erlebt und wie es sich dabei gefühlt hat. Dann geht der Stein an Kind B über und wird so lange hin und her gereicht, bis jeder erzählt hat, was ihm auf dem Herzen liegt. Am Schluss können beide Kinder formulieren, was sie sich vom andern wünschen und was sie selbst hätten anders machen können. Während diesem Ritual habe ich es selten erlebt, dass die Wut sich nicht aufgelöst hätte und kein Verständnis und Einsicht entstanden wäre. Nur ein einziges Mal grummelten sie auch noch dann vor sich hin, als bereits alles gesagt war. Doch als ich sie mit einem «Und nun vergrabt den Stein zusammen an einem Ort, an dem ihn kein Erwachsener findet!» entliess, rannten sie kichernd los. Sie, das Kinderteam, das gemeinsam einen Schatz hat, von dem wir Erwachsenen nichts wissen. Und das ist gut so.

«La fille au bracelet» läut aktuell in den Schweizer Kinos.

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