«Klar hat sich etwas bewegt»

Wenn Frau will, steht die Welt still: Das hat der Frauenstreiktag vor einem Jahr gezeigt. Was das verändert hat und wie sich Corona auf die Forderungen der Frauen auswirkt, sagt Elisabeth Fannin.

Fast alle, die an diesem Tag in den Massen unterwegs waren, erinnern sich mit Gänsehaut an die einmalige Energie zurück: Teilnehmerinnen des Frauenstreiktags in Lausanne. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Heute vor einem Jahr leuchtete die Schweiz in Violett und Lila. Am 14. Juni 2019 gingen alleine in Zürich 160’000 Teilnehmerinnen, schweizweit gar über eine halbe Million Menschen für den Frauenstreiktag auf die Strassen. Sie tanzten und marschierten, hielten Transparente in die Höhe, fuhren Klitoris-Velos und schrien in pinkfarbene Mikrofone.

Unterschiedlichste Frauen liefen Hand in Hand, für einmal unabhängig von ihrer Partei, ihren Altersklassen, Religionen und Hautfarben, und machten damit auf Diskriminierung und Gewalt, auf Chancenungleichheiten, finanzielle Benachteiligungen und politische Missstände aufmerksam. Fast alle, die an diesem Tag in den Massen unterwegs waren, erinnern sich mit Gänsehaut und Wehmut an die einmalige Energie und Stimmung zurück. Freundinnen, Arbeitskolleginnen, Schwestern, Mütter und Grossmütter feierten danach gemeinsam und waren voller Hoffnung, ihre Anliegen würden bald umgesetzt.

Heute, ein Jahr später, ist die Euphorie vorbei. Der Corona-Lockdown riss viele der Frauen vorerst in ein anderes Leben, feministische Anliegen mussten hintenanstehen.

Elisabeth Fannin, Gewerkschaftssekretärin bei Syndicom und Vizepräsidentin des Zürcher Gewerkschaftsbundes, hat selbst zwei Kinder und war 2019 massgeblich an der Organisation des Frauenstreiktages in Zürich beteiligt. Am Frauenstreiktag 2019 hielt sie an der Abschlusskundgebung auf dem Zürcher Helvetiaplatz die Eröffnungsrede und macht zum Jahrestag Mut, trotz oder gerade wegen Corona weiter für Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit zu kämpfen.

Elisabeth Fannin, wie geht es Ihnen heute am Jahrestag des Frauenstreiktages?
Mir geht es hervorragend.

Sie scheinen optimistisch. Müssten die Frauen, die am 14. Juni 2019 auf die Strasse gingen, nicht Angst haben, dass wegen der Corona-Krise ihre Anliegen vergessen gehen?
Ich bin überzeugt, dass unsere Forderungen nach gerechter Entlöhnung, gerechter Aufteilung von Betreuungsarbeit und nach einem Ende von sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt nicht vergessen gehen. Es ist beeindruckend: Seither haben sich viele und sehr starke Frauen-Freundschaften und -Netzwerke gebildet, welche diejenigen, die nach 1991 entstanden sind, ergänzen. Vor allem auch in den sozialen Medien bleiben die Themen präsent und der Kontakt unter den Frauen bestehen.

«Die Wirkung des Frauenstreiks 2019 muss langfristig betrachtet werden»: Syndicom-Gewerkschaftssekretärin Elisabeth Fannin. Foto: PD

Das klingt schön und gut. Doch was ist konkret passiert seit dem Frauenstreiktag? Hat der Streik in der Politik etwas bewirkt?
Klar hat sich etwas bewegt. Zum Beispiel haben noch nie so viele Frauen wie 2019 für den Nationalrat kandidiert, und es sind auch noch nie so viele Frauen gewählt worden. Zusammen mit den Demos der Klimajugend hat der Frauenstreik es geschafft, unser Parlament jünger und weiblicher zu gestalten.

Das bewirkt Veränderung?
Ja, und zwar spürbar. Ein Beispiel: Vor dem Frauenstreik diskutierten wir über einen Vaterschaftsurlaub von 10 Tagen. Nach dem Frauenstreik war vielen klar, dass es mehr als das braucht. Auch wenn man auf die Zeit nach dem Frauenstreik von 1991 zurückblickt, sieht man, dass dieser sehr lange nachwirkte. In einer Zeit, die eigentlich von politischer Deregulation geprägt war, führte die Schweiz das Gleichstellungsgesetz und später eine Mutterschaftsversicherung ein. Die Wirkung des Frauenstreiks 2019 muss also langfristig betrachtet werden. Aber klar, ich hätte auch gerne sofort Resultate. Und dass alles so langsam vorangeht, das kostet mich viel Nerven!

Gewalt an Frauen war ein grosses Thema am Frauenstreiktag – gemäss Polizeiaussagen gab es nun während Corona nicht mehr familiäre Gewalt als sonst. Glauben Sie das?
Ich kann mir vorstellen, dass es schwieriger ist, sich Hilfe zu holen, wenn alle zusammen die ganze Zeit zu Hause sind. Da wir ja keinen totalen Lockdown wie in anderen Ländern hatten, war die Situation vermutlich auch weniger angespannt als befürchtet. Die Beratungsstellen halten es aber für verfrüht, eine verbindliche Aussage zu machen. Zumal wir aus anderen Ländern wie Spanien, Italien und China wissen, dass die Gewalt massiv zugenommen hat. Wichtig ist, dass die Frauenhäuser geöffnet sind und dieses wichtige Angebot aufrechterhalten bleibt. Es wird nicht einfacher – wenn in der Krise vermehrt Frauen entlassen werden und ökonomisch noch mehr von einem Mann abhängig sind, erschwert das die Trennung von einem Täter noch mehr.

Es wird nicht einfacher: Die Corona-Krise könnte die Lage der Frauen verschärfen. Foto: Getty Images

Hat Corona die Situation der Frauen in der Schweiz denn verschlechtert?
Ich glaube, der Lockdown machte vor allem sichtbar, dass Familie nicht einfach nur Privatsache ist. Familien und vor allem die Frauen sind sehr stark auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen.

Wie meinen Sie das?
Wer Homeoffice machen konnte, musste gleichzeitig Betreuungsarbeit leisten oder Kinder unterrichten, das geht auf Dauer unmöglich auf. Dazu braucht es Unterstützung durch Infrastruktur wie Kita und Hort. Ausserdem wurde das Thema Tieflöhne und Frauen noch akuter. In Zürich sind zwei Drittel derjenigen, die weniger als 4300 Franken pro Monat verdienen, Frauen. 45 Prozent der Arbeitnehmenden in diesen Tieflohnbranchen mussten während des Lockdown Kurzarbeitsentschädigung beziehen. Es gibt also eindeutig eine Geschlechterkomponente. Ein Mindestlohn könnte diese tiefen Löhne besser schützen.

Dazu arbeiten viele Frauen auch noch Teilzeit.
Wenn wir wirklich in eine wirtschaftliche Rezession schlittern, dann sind speziell diese Teilzeitjobs gefährdet. Und ja, mehrheitlich sind das Frauen, die Teilzeit arbeiten. Corona hat Auswirkungen. Aber die Ungleichheiten bestanden schon davor.

Hat die Krise denn nicht auch Positives an sich?
Klar hat die Krise auch Positives. Ich habe mir zum Beispiel beigebracht, glutenfreien Sauerteig zu backen. Und die Zeit mit der Familie hatte für viele auch etwas Schönes. Ich persönlich fand es interessant, von den vielen Familien zu hören, wie sie sich organisierten. Plötzlich wurde manch einem bewusst, wie wichtig bezahlte und unbezahlte Frauenarbeit ist.

«Wir alle, ob Frauen oder Männer, sollten darüber nachdenken, ob wir wirklich so viel arbeiten müssen.»

Das ist doch auch wertvoll, um eine Veränderung anzugehen, oder nicht?
Das war schon wichtig. Es konnten alle quasi live dabei zusehen, wie wichtig die Arbeit dieser Frauen ist. Das Problem ist einfach, dass ihre Berufe oftmals schlecht entlöhnt sind und dass die Arbeitsbedingungen teilweise noch schlechter werden. Wir müssen aufpassen, dass durch Corona nicht plötzlich Arbeitssituationen geschaffen werden, die später kaum mehr rückgängig zu machen sind.

Viele Frauen empfanden den Lockdown und die Mehrzeit mit den Kindern als bereichernd und entschleunigend. Mehrmals hörte ich, dass sich Frauen deshalb nun fragen, warum sie eigentlich überhaupt arbeiten.
Ich denke, wir alle, ob Frauen oder Männer, sollten darüber nachdenken, ob wir wirklich so viel arbeiten müssen. Die Digitalisierung der Arbeit liesse ja eine Arbeitszeitverkürzung durchaus zu. 35 Stunden finde ich genug. Damit würden wir unter anderem Zeit für unsere Kinder und auch die Pflege der alten Angehörigen schaffen.

Oder einfach das klassische Modell wählen, weil es sich einfach nicht lohnt, wenn die Frau arbeitet?
Ich höre häufig, dass Frauen mit besonders tiefen Löhnen sagen, sie würden dann ja nur für die Krippe arbeiten. Aber das stimmt nur zu einem Teil. Sie arbeiten ja auch dafür, dass sie eine Altersvorsorge haben. Wir müssten eher die ausserfamiliäre Kinderbetreuung erschwinglicher machen und dafür sorgen, dass es auch in ländlichen Gebieten möglich ist, die Kinder professionell zu fördern und zu betreuen.

Die ausserfamiliäre Kinderbetreuung müsste erschwinglicher gemacht werden: Ein Mädchen demonstriert am Frauenstreiktag 2019 in Bellinzona. Foto: Samuel Golay (Keystone)

Es gibt also noch viel zu tun. In dem Fall war das nicht einfach nur eine tolle lila Party und nur heisse Luft am 14. Juni 2019?
Sicherlich nicht!

Die Situation mit Corona ist ja weiterhin heikel und Demonstrationen mit über 300 Menschen verboten. Ist heute trotzdem was los?
Wir von den Gewerkschaften haben die Violette Woche geplant. Verschiedene betriebliche Aktionen und Betriebsbesuche werden durchgeführt, immer unter Einhaltung der Hygienemassnahmen. Ausserdem organisieren diverse Gewerkschaften, unter anderem die Syndicom, anregende Videodiskussionen.

Ist dafür nächstes Jahr ein neuer Frauenstreik geplant?
Wir sind am Diskutieren!

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