Freitagsfrage

Der Freund meines Sohnes ist ein Idiot!

Schlechte Manieren und dumme Ideen: Unsere Erziehungsberaterin sagt, wie Eltern auf unsympathische Spielkameraden reagieren sollen.

Manchmal schwer zu glauben: Freundschaften basieren auf Win-win-Situationen. Illustration: Benjamin Hermann

Liebe Daniela, der beste Freund meines Sohnes (6) ist ein Idiot. Ich kann es leider nicht anders sagen. Er hat überhaupt keine Manieren: Er hält es nicht für nötig, zu grüssen, wenn er zu uns kommt, kommandiert meinen Kleinen ständig herum und bestimmt permanent, was gespielt wird. Meinen Sohn scheint das nicht zu stören, aber mich. Zu seiner Mutter habe ich einen guten Draht; ich kann ihr aber schlecht sagen, dass ihr Bub sich danebenbenimmt, oder? Marcella

Liebe Marcella

Herzlichen Dank für Ihre Frage. Sie beschreiben darin an zwei Beispielen das Verhalten des Buben: Einerseits das Nicht-Grüssen und andererseits das Spielverhalten zwischen den Kindern. Diese unterschiedlichen Themen möchte ich getrennt betrachten. Blicken wir zuerst auf das Spielverhalten: Im Alter Ihres Sohnes haben Kinder eine konkrete und eher instrumentelle Sicht auf «Freundschaft». Sie bezeichnen als «beste Freunde» Kinder, mit denen sie die meiste Zeit spielen und alles gemeinsam tun. Freunde werden anhand von Kosten und Nutzen eingeschätzt, wie es die beiden Verhaltensbiologen Gabriele Haug-Schnabel und Joachim Bensel beschreiben.

Oft werden Kinder zu Freunden, die sich ähneln, ähnliche Interessen und Vorlieben haben. Als solche kommunizieren und kämpfen sie häufiger miteinander und kooperieren besser als mit anderen Kindern. Dabei lernen sie ständig dazu. Haug-Schnabel und Bensel erläutern: «Wenn Kinder miteinander spielen oder gegeneinander antreten, erfahren sie alles Notwendige über das soziale Miteinander. Sie testen auf diese Weise, was Unterdrückung, Betrug, Hinterhältigkeit, Treue, Verlässlichkeit und Anständigkeit ist. Sie wollen erleben, wie sich Vertrauen anfühlt, wie Verrat, Rücksichtnahme und Rücksichtslosigkeit, wie Verächtlichkeit und Bewunderung, wie Rache und Vergebung.»

Haben Sie Vertrauen in Ihren Sohn und seine Freundeswahl.

Freundschaften bieten also Gelegenheit zur sozialen und kognitiven Entwicklung – auch in eher schwierigen Aspekten des Miteinanders. Das Verhalten seines Freundes stört Ihren Sohn offenbar nicht. Und falls er doch unter dieser Beziehung leiden würde, würden Sie das bestimmt spüren. Verhalten und Kommunikation in einer freundschaftlichen Beziehung entwickeln sich miteinander: Jemand, der kommandiert, hat ein Gegenüber, der dies zulässt. Offenbar besteht in der Beziehung zwischen Ihrem Sohn und dem Buben eine Dynamik, die für beide nützlich ist. Ihre Sichtweise hingegen lässt Ihren Sohn als einen Menschen erscheinen, der gegen seinen Willen herumkommandiert und über den bestimmt wird. Ist das wirklich so? Fragen Sie sich doch einmal, welchen Nutzen Ihr Sohn aus dieser Freundschaft zieht.

Die Psychologin Hedi Friedrich hat übrigens beobachtet, dass sich sicher gebundene Kinder ausreichend geborgen fühlen, um sich auf andere Peers einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. (Falls Sie nicht so genau wissen sollten, was eine «sichere Bindung» ist, können Sie das hier nachlesen.) Offenbar haben Sie als Eltern Ihrem Sohn bisher so viel Sicherheit geboten, dass er sich auf seinen Freund einlassen kann. Haben Sie Vertrauen in Ihren Sohn und seine Freundeswahl. Solange er sich darin gut fühlt, ist es wohl oder übel Ihre Aufgabe, sich weiterhin zurückzuhalten und mit Ihrer Einschätzung die Beziehung nicht zu beeinflussen. Sie werden merken, wenn sich Ihr Sohn nicht mehr wohlfühlt und Ihre Unterstützung braucht. Dann können Sie für ihn da sein.

Viele Kinder sind so auf etwas fokussiert, dass sie das Grüssen schlichtweg vergessen!

Nun zum zweiten Thema, das Sie ansprechen: Der Bub grüsst nicht! Sie sagen, er hält es nicht für nötig, und gehen offenbar davon aus, dass er es absichtlich macht? Ich verstehe, dass es so auf Sie wirken kann, möchte Sie aber dennoch dazu ermuntern, diese Einschätzung zu hinterfragen: Viele Kinder sind so auf etwas fokussiert, zum Beispiel, weil sie sich so sehr aufeinander und das gemeinsame Spiel freuen, dass sie das Grüssen schlichtweg vergessen! Und manche Kinder sind verunsichert und grüssen daher nicht.

Nichtsdestotrotz: Sprechen Sie den Buben auf Ihre Beobachtung an. Sie können das entweder auf eine strenge oder eine spielerische Art machen. In der strengen Variante weisen Sie auf das Fehlverhalten hin und geben eine Verhaltensanweisung durch. Die spielerische Art verzichtet auf Anschuldigungen und geht davon aus, dass das Kind grüssen wird, wenn es das kann. Erklären Sie dem Kind beispielsweise, dass es in Ihrem Haus eine Regel gibt: «Wer bei uns die Türschwelle überschreitet und in unsere Welt kommt, sagt Hallo.» Vielleicht führen Sie auch einen speziellen Gruss ein, der ihn daran erinnern kann, sich das nächste Mal an die Regel zu halten.

Falls es auf die eine oder andere Art nichts bewirken sollte, können Sie auf die Mutter des Buben zugehen und fragen, wie sie es sich erklärt, dass er nicht grüsst. Da Sie einen guten Draht zu ihr haben, wird es Ihnen bestimmt gelingen, dies in einer neugierigen und respektvollen Art anzusprechen – so, wie Sie sich das im umgekehrten Fall auch wünschen würden. Miteinander können Sie dann überlegen, wie man den Jungen darin unterstützen kann, Hallo zu sagen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Sohn alles Gute.
Daniela

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