Was bedeutet Rassist, Mama?

Gestern haben wir an dieser Stelle darüber berichtet, weshalb es wichtig ist, das Thema Rassismus bereits bei kleinen Kindern zu thematisieren. Heute erzählt Mamabloggerin Jeanette Kuster, wie sie mit ihren Kindern über den Tod des Afroamerikaners George Floyd spricht.

Wie erklärt man etwas, das man selbst nicht begreifen kann? Ein Mädchen mit seiner Mama. Foto: Getty Images

Wenn sich eine Nachricht auf der ganzen Welt verbreitet, erreicht sie irgendwann auch die Kinder. So geschehen mit der Schreckensnachricht über George Floyd, der bei einer polizeilichen Festnahme in Minneapolis minutenlang zu Boden gedrückt worden war und danach seinen Verletzungen erlag.

Meine Kinder hörten die News über seinen grausamen Tod und die darauffolgenden Demonstrationen und Ausschreitungen am Radio. Was denn genau passiert sei, wollten sie sofort wissen. Ich erzählte ihnen die Geschichte von der Festnahme und dem Verhalten des Polizisten, was sie natürlich gleich zur nächsten Frage brachte: «Ein Polizist? Wieso macht ein Polizist so etwas?» Und schon waren wir mitten in einem Gespräch über Rassismus. 

Reden Sie mit Kindern über Rassismus

Als ich versuchte, die Tat, die ich selbst nicht begreifen kann, irgendwie zu erklären, wurde mir bewusst, dass meine Kinder mit dem Begriff Rassismus noch gar nichts anfangen konnten. In ihrem bisherigen Leben war das schlicht noch nie ein Thema gewesen, was mich einerseits freute. Andererseits fragte ich mich, wie es wohl bei ihren dunkelhäutigen Klassenkameraden aussieht. Ob die bei dem Thema noch genauso ahnungslos wären? Ich befürchte eher nicht.

«Ein Polizist? Wieso macht ein Polizist so etwas?»: Rassismus-Demo in Vancouver, Kanada. Foto: Keystone

Also begann ich zu erklären, dass das Wort Rassismus von Rasse kommt und es Leute gibt, die die Menschen in verschiedene Rassen einteilen – obwohl das eigentlich Blödsinn ist, weil wir alle zur ein und derselben Art gehören. Und dass sie dies stets mit dem Hintergedanken tun, dass ihre eigene Rasse besser sei als andere. Ich erzählte ihnen auch, dass Rassismus sich auch keineswegs nur auf die Hautfarbe beschränke. So wurde vor ein paar Jahren bekannt, dass Mitarbeiter mit ausländischen Namen in einem hiesigen Callcenter angehalten wurden, einen schweizerischen Decknamen zu benutzen. Und in Studien wurde belegt, dass auch hierzulande ein ausländisch klingender Name bei der Lehrstellensuche hinderlich sein kann.

Ja, warum nur…

Meine Kinder schwankten zwischen Empörung und Entsetzen ob so viel Ungerechtigkeit. Sie gehen beide in bunt gemischte Schulklassen mit Kindern aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Religionen und verschiedenen Hautfarben. Dass nun einige ihrer Klassengspäändli aufgrund solch nebensächlicher Attribute anders behandelt werden könnten als sie, wollte einfach nicht in ihren Kopf.

«Aber warum?», fragten sie immer wieder. Ja, warum nur, fragte auch ich mich. Und wann im Leben passiert es, dass ein Mensch so zu denken beginnt? Schon in der Kindheit, beeinflusst von den Eltern, oder erst später?

Fremdenfeindliche Fünfjährige?

Eine Auswertung von 113 Studien hat gezeigt, dass sich tatsächlich oft schon in der frühen Kindheit entscheidet, ob jemand später fremdenfeindlich wird. Im Alter von fünf bis sieben Jahren seien Kinder besonders anfällig für solches Gedankengut. In dieser Phase nehmen sie Unterschiede jeglicher Art sehr bewusst wahr und vergleichen sich mit anderen Kindern. Fehlen ihnen die persönlichen Erfahrungen mit anderen Ethnien, kann es passieren, dass sich negative Vorurteile festsetzen. Werden diese vom Elternhaus noch zementiert, bringt man sie wohl kaum mehr ganz weg.

Wir als Eltern können also durchaus etwas dafür tun, das Rassismusproblem in der kommenden Generation zu mindern. Indem wir unsere Kinder schon von klein auf auch mit Kindern anderer Nationalität spielen lassen. Indem wir vielfältig zusammengesetzte Schulklassen als Chance sehen, nicht als Nachteil. Und nicht zuletzt auch durch unser eigenes Verhalten, wie es mein Kollege Markus Tschannen gestern bereits sagte. Wenn wir dem Nachwuchs vorleben, dass Hautfarbe oder Herkunft keinerlei Einfluss darauf haben, ob man jemanden mag oder nicht, dann übernehmen die Kinder das. Denn wie sagte Nelson Mandela so passend? «Niemand kommt auf die Welt mit einem Gefühl des Hasses gegenüber anderen Menschen aufgrund derer Hautfarbe, Herkunft oder Religion. Die Menschen müssen den Hass erst lernen. Und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann man ihnen auch beibringen zu lieben.»

Sie wollen mit Ihren Kindern über das Thema sprechen?

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