Freitagsfrage

Eifersüchtig aufs Baby?

Für ein kleines Kind verändert die Geburt eines Geschwisterchens alles. Unsere Erziehungsberaterin sagt, wie Eltern es in dieser Phase begleiten können.

Plötzlich nicht mehr allein: Eine Eifersuchtsreaktion nach der Geburt eines Geschwisters kommt häufig vor. Illustration: Benjamin Hermann

Liebe Daniela, unser älteres Kind ist eifersüchtig auf sein neugeborenes Geschwisterchen. Es will jetzt auch wieder an die Brust und nicht mehr allein schlafen. Zudem habe ich manchmal ein mulmiges Gefühl dabei, die beiden kurz unbeaufsichtigt allein miteinander zu lassen, wenn ich beispielsweise duschen will. Wie sollen wir damit umgehen? Marie

Liebe Marie

Herzliche Gratulation zur Geburt Ihres zweiten Kindes! Ich kann mir gut vorstellen, dass die Situation aktuell für Sie sehr intensiv ist.

Bestimmt haben Sie auch schon davon gehört, dass eine Eifersuchtsreaktion bei der Geburt eines kleinen Geschwisters häufig vorkommt. Ausdruck, Stärke und Zeitpunkt ist individuell und hängt auch vom Temperament eines Kindes ab.

Für ein kleines Kind verändert die Geburt eines Geschwisterchens alles. Dass eine so grosse Veränderung starke Gefühle hervorrufen kann, ist verständlich. Eifersucht ist eine sogenannt soziale Emotion. Grundlage dafür bilden die «Basisemotionen» Wut, Trauer, Angst, Ekel und Überraschung. Freude gehört auch dazu, ist hier aber wahrscheinlich wenig relevant. Eifersucht ist auch dadurch charakterisiert, dass man sich selbst von anderen getrennt sieht, dass man etwas oder jemanden für sich haben und nicht teilen möchte – so beschreibt es der amerikanische Psychologe Michael Lewis. Die Gefühlsäusserungen Ihres Kindes geben Ihnen Informationen zu seiner Befindlichkeit und seinen Bedürfnissen.

Appelle wie «Du bist doch nun schon gross!» sind für ein Kind kontraproduktiv.

Um mit der Situation umgehen zu können, suchen Kinder bei der Geburt eines Geschwisterchens vielfach mehr Zuwendung der Eltern und versuchen, alte Verhaltensweisen wieder aufzunehmen. Die Psychoanalyse versteht ein solches Verhalten auch als Abwehrmechanismus. Wenn Ihr Kind nun wieder an die Brust und nicht mehr allein schlafen möchte, versucht es mit seinen Gefühlen umzugehen und seine Bedürfnisse zu befriedigen.

Diese kompetenten Versuche von Kindern können für die Eltern herausfordernd und anstrengend sein. Gut gemeinte Appelle wie «Du bist doch nun schon gross!» sind für ein Kind aber kontraproduktiv: Es fühlt sich dadurch wenig verstanden und zurückgewiesen.

Im Umgang mit der Eifersucht Ihres Kindes gibt es einige Ansatzmöglichkeiten. Nehmen Sie zuerst den «Gefühlsmix» auseinander: Welche Gefühle nehmen Sie in seinem Eifersuchtsverhalten wahr? Wenn Sie Wut sehen, dann werden Sie andere Massnahmen ergreifen, als wenn Ihr Kind Traurigkeit oder Angst zeigt.

Für Ihr Erstgeborenes ist es wichtig, dass Sie es in dieser schwierigen Zeit begleiten – auch bei anstrengenden und doch eher unerwünschten Gefühlsäusserungen. Damit geben Eltern dem Kind ein wichtiges Signal: Wir nehmen alle deine Verhaltensweisen wahr, akzeptieren diese und reagieren unmittelbar darauf – auch wenn sie für uns schwierig sind. Wir lassen dich nicht allein, nur weil du gerade ziemlich anstrengend bist. Das ist bedeutsam für das Selbstwertgefühl und das Selbstvertrauen eines Kindes.

Solange die Eifersuchtsreaktionen stark sind, ist es wohl tatsächlich besser, die Kinder nicht allein zu lassen.

Viele Eltern nehmen sich in einer solchen Situation besonders viel Zeit für das grössere Kind. Sie machen dabei die Erfahrung, dass, egal wie viel Zeit sie in gemeinsame Aktivitäten investieren, es nie genug zu sein scheint! Dabei zeigt sich, dass die Gefühlslage für das Kind komplexer ist als eine «Milchbüechlirechnung»: «Ich verbringe nun schön viel Zeit mit dir, damit du aufhörst, eifersüchtig zu sein», funktioniert so nicht. Kleine Kinder leben im Moment – es ist wichtig, dass sie diese Zeit mit den Eltern verbringen können. Denken Sie nicht, dass Sie es dadurch zu stark verwöhnen und sich unerwünschte Verhaltensweisen verstärken. Das wird nicht geschehen.

Solange die Eifersuchtsreaktionen Ihres älteren Kindes stark sind und es manchmal von seinen Gefühlen überwältigt wird, ist es wohl tatsächlich besser, die Kinder nicht zusammen allein zu lassen und auf Ihre «innere Stimme» zu hören. Es kann also sein, dass Sie in dieser Phase den Tagesablauf anpassen müssen. Die Begleitung Ihres Kindes durch diese Zeit kann sehr, sehr anstrengend werden. Als Mutter sind Sie durch die Geburt und das Neugeborene bereits enorm gefordert. Die Frage muss also auch sein, wie Sie sich selber, nicht einzig die Kinder, in dieser Zeit stärken können – und welche Rolle und Aufgaben Ihr Partner darin übernehmen kann. Was steht Ihnen zur eigenen Entlastung zur Verfügung?

Ich wünsche Ihnen alles Gute für diese intensive Zeit

Daniela

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