Corona-Ärger unter Nachbarn

Regiert die Angst, geht die Vernunft verloren – und liebe Nachbarn werden zu misstrauischen Herdenhunden. Bericht von der Frontlinie.

Jeder ein Corona-Polizist? Viele fühlen sich derzeit berufen, die Verfehlungen anderer aufzudecken. Fotos: iStock

«Hallo!? Kannst du bitte Emma* reinrufen?» Die Stimme am anderen Ende des Telefons gehörte meiner Nachbarin von gegenüber. Sie klang wütend und zittrig. Ihre Tochter stehe am Fenster und höre nicht auf zu weinen, schob sie nach. Es dauerte einen Moment, bis ich die Botschaft verstanden hatte. Wir schrieben Tag acht des Lockdown, und meine Tochter flitzte gerade mit ihrem Bruder und anderen Nachbarskindern durch den weitläufigen Innenhof unserer Berner Vorstadtsiedlung.

Das neue Normal ist für Kinder ohnehin schon verstörend genug.

Ich hätte sagen wollen: «Hey, es sind doch Kinder! Hast du denn nicht gehört, dass von ihnen kaum Gefahr ausgeht und dass sie auch selber nicht gefährdet sind? Das sollte uns verdammt glücklich machen! Stell dir doch mal den Horror vor, wenn es anders wäre? Und wenn wir darauf achten, dass die Kinder in fixen Gruppen spielen und keinen Kontakt zu ihren Grosseltern und anderen Risikopersonen haben, tun wir nichts Verkehrtes.» Ich liess es bleiben, hatte einfach keine Kraft mehr, mich auf eine Diskussion einzulassen. Und vor allem wollte ich eines: Dass die Tränen von Carla, der Freundin meiner Tochter, versiegten. Also rief ich mein Mädchen rein. Aber ich schwor mir; es war das letzte Mal, dass ich gegen meine Überzeugung handeln würde.

Das neue Normal und Bruchstücke von Freiheit

Mein Mann und ich hatten uns früh und bewusst dafür entschieden, unseren Kindern dieses Bruchstück von Freiheit zu «gönnen». Sie nicht hinter Türen, Fensterscheiben und Balkongittern zu verschanzen. Sondern sie weiterhin spielen zu lassen im Innenhof, im Sandkasten, auf dem Trampolin. Denn das neue Normal war für sie ohnehin schon verstörend genug. Mit Eltern, die nun ständig zu Hause rumhingen, mit Headsets und Laptops bewaffnet nervös durch die Wohnung tigerten auf der permanenten Suche nach einem möglichst ruhigen, ungestörten Plätzchen. Mit Lehrern, die sich täglich per Livechats in unser Wohnzimmer beamten, mit Lernplattformen, die es zu verstehen, und digitalen Wochenplänen, die es zu erfüllen galt.

Und mit einer Oma, die sie unterdessen seit neun Wochen nicht mehr gesehen hatten, obwohl sie normalerweise einen Tag die Woche bei uns und mit den zwei Kindern verbrachte. Denn nein, wir sind durchaus keine verantwortungslosen Ignoranten, die das Coronavirus verharmlosen oder irgendwelchen Verschwörungstheorien auf den Leim gegangen sind. Im Gegenteil, wir sind Realisten, vertrauen auf wissenschaftliche Fakten und hören auf den Rat von Experten. Deshalb hatten wir den Grosseltern bereits Wochen vor dem eigentlichen Lockdown verboten, ihre Enkelkinder zu besuchen – in vorauseilendem Gehorsam sozusagen.

Grund zur Freude: Kinder seien vom Coronavirus kaum betroffen oder gefährdet.

Aber ja, es liegt uns eben auch viel an unseren Kindern, wir sorgen uns nicht nur um ihr physisches Wohlbefinden, sondern insbesondere auch um ihre mentale, psychische Gesundheit. Und wir waren überzeugt, dass wir mit Wegsperren diesbezüglich weniger gewinnen als riskieren würden – durchaus auch mit Blick auf die Allgemeinheit.

Verbarrikadierer vs. selbstbestimmte Infektionsgrüppler

Zum Glück sollten wir mit unserer Sichtweise nicht allein bleiben. Die Wohnüberbauung spaltet sich seit nunmehr sieben Wochen vereinfacht gesagt in zwei Lager: in die Zone der Verbarrikadierten, die sich hinter ihren Fenstern als die einzig wirklich vernünftigen Bürger verstehen, weil sie ihre Kinder vor der grossen Gefahr da draussen schützen. (Was sie uns und die ganze Welt auch unermüdlich unter #familyfirst und #stayathome wissen lassen). Und ins Lager der Halbgefangenen und selbstbestimmten Infektionsgrüppler – zu denen auch wir gehören. Zu den Bürgerinnen und Bürgern also, die es manchmal sogar wagen, sich mit einer Nachbarin auf eine Bank zu setzen und ein Bier zu trinken. Wohlverstanden im gebührenden Zwei-Meter-Abstand.

Denn nein, ich mag es nicht, wenn die Angst regiert. Und schon gar nicht, wenn sie sich im Kinderzimmer einnistet. Was nicht heissen will, dass ich meine Kinder in Watte packe und ihnen eine Normalität vorgaukle, die es nicht gibt. Und tatsächlich noch nie gegeben hat. Eine «Normalität», in deren Glaube wir Eltern aufgewachsen sind und die uns auf Lebzeit hätte Sicherheit und Wohlstand garantieren sollen, wenn wir uns denn nur genug anstrengen und immer schön fleissig sind. Sicherheit und Wohlstand, verbrieft und versiegelt? Die gibt es nirgendwo auf der Welt. Wie kommen wir dazu, dass sie gerade uns zustehen sollte, auf immer und ewig?

Was ich aber wohl am wenigsten mag, sind Menschen, die ihren Kopf ausschalten und sich von der Angst getrieben wie blökende Schafe verhalten. Oder noch schlimmer: wie Herdenwachhunde. Denn wehe, eines der Schafe schert aus, dann wird gezetert, gebrüllt und gewettert. Gezeigt hat sich dies am Osterwochenende, als Hunderte von besorgten Bürgerinnen und Bürgern bei den Polizeistationen anriefen, um vermeintliche Verstösse gegen das Versammlungsverbot zu melden. Wie viele wohl zum Hörer gegriffen hätten, wenn Geldprämien fürs Verpfeifen von Nachbarn ausgesetzt worden wären, wie es die chinesische Regierung getan hat, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Da sind mir direkte Anrufe von der Nachbarin gegenüber um einiges lieber.

*Alle Namen wurden geändert. Aus Rücksicht auf ihre Tochter und deren Freundin schreibt die Autorin diesen Beitrag anonym. 

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