Und täglich ruft der Staubsauger

Das Homeoffice mag schön sein, um als Familie zusammenzuwachsen. Doch für manche arbeitstätige Mütter ist die Situation ein gewaltiger Rückschritt.

Mama’s To-do-Liste: Mütter müssen gerade einiges unter einen Hut bringen – und haben viel zu verlieren. Foto: iStock

Während ich diesen Text schreibe, wandert mein Blick in eine Ecke, in der sich Staub gesammelt hat, und ich bemerke, dass die Zimmerpflanze am Verdursten ist. Eine kurze Pause also, um zu saugen und zu giessen. In der Küche, wo ich die Giesskanne mit Wasser fülle, steht ein Turm aus Pfannen, obwohl die Geschirrspülmaschine praktisch 24 Stunden im Einsatz ist. Also kurz ein- und ausräumen. Danach ist es höchste Zeit für einen Cappuccino. Geht nicht, keine Milch mehr da. Also einen Postizettel schreiben. Wieder am «Arbeitsplatz», kommt das Kleinkind und will, dass ich zwei Legosteine auseinandernehme, obwohl eigentlich klar ist, dass ich heute arbeite und mein Freund zur Tochter schaut. Willkommen im Corona-Homeoffice.

Homeoffice und die Rückschrittsfalle

Homeoffice: Ein Witz für all jene, die Familie haben. In einer Wohnung mit offenem Grundriss, wo man sich nie wirklich distanzieren kann, erst recht. Denn sobald sich zu Hause Kinder (insbesondere Kleine mit einer Konzentrationsspanne von 10 Minuten) aufhalten, wird das Home nie zum Office werden, auch wenn – wie bei uns – der Mann einen grossen Teil der Kinderbetreuung übernimmt. Durch die Rund-um-die-Uhr-Kinderbetreuung wird nicht nur die Bewältigung der Büroarbeit zum täglichen Kraftakt. Dazu kommt noch der ganze Haushalt. Mütter, die diese Aufgaben bisher ausgelagert und nicht in den eigenen vier Wänden gearbeitet haben, müssen plötzlich alles möglichst gleichzeitig stemmen. Ein Rückschritt, wie ich finde.

Und es scheint nicht nur mir so zu gehen: Viele Mütter dürften in dieser Situation längerfristig am kürzeren Strang ziehen. Weil sie bekanntlich den grössten Teil der unbezahlten Carearbeit leisten, selbst wenn sie Hauptverdienerinnen sind. 29 Stunden sind es laut Statistik pro Woche, bei Männern 14 Stunden. Weil sie sich in der Tendenz schneller nerven, wenn mit Schoggi verklebte Legosteine auf dem Boden liegen. Weil sie sich auch – dies zumindest das Resultat einer kleinen Umfrage aus meinem Umfeld – mehrheitlich um das Thema Homeschooling kümmern; selbst wenn sie im Homeoffice gleich viel arbeiten müssen wie ihr Mann. Und dann ist da noch dieser Mental Load, die Last des ständigen Denkens an To-do-Listen, die häufig die Mütter zu tragen haben.

Und die Väter?

In meinem Umfeld scheint die Sache für viele Väter eine andere Sache zu sein: Einige, die zum Homeoffice verknurrt wurden, sind erstmals in ihrem Leben auch unter der Woche tagsüber zu Hause. Viele länger als nach der Geburt, denn bekanntlich gibt es in der Schweiz keine Elternzeit. Diese Väter haben jetzt vielleicht das Kochen am Mittag entdeckt und geniessen es, ihre Kinder länger als eine Stunde vor dem Ins-Bett-Gehen zu sehen. Das kann für viele eine Chance sein. Beim häufigsten Schweizer Modell allerdings, bei dem die Frau in einem tiefprozentigen Teilzeitpensum arbeitet und der Mann Vollzeit, dürfte sich die Situation zuspitzen. Dann nämlich, wenn sie ihren 30-Prozent-Job als Kosmetikerin wegen der Corona-Krise verliert und so zur Vollzeit-Hausfrau wird, während er mehr arbeitet denn je. Fair enough, wenn das für beide so stimmt.

Trotzdem bleibt zu hoffen, dass wir alle – ob Hausmann, Hausfrau oder Home-Office-Bürogummi – in dieser Situation, wo es kaum Rückzugsmöglichkeiten gibt, neue Wege finden, um alleine und fernab vom Haushalt Energie zu tanken.

Ich habe mir zumindest schon mal Offerten von Hotels im Quartier zukommen lassen, die Arbeitszimmer vermieten.

Weitere interessante Postings: