Corona-Tagebuch

Game, Set, Match für die Teenies

Unsere Autorin hatte einen bombensicheren Plan für die Wochen im Lockdown. Dann bekam sie es mit ihren Kindern zu tun.

Gute Ideen? Werden beispielsweise mit dem Rückzug unter den Kopfhörer gekontert. Illustration: Benjamin Hermann

Freitag, 3. April

Ich war so voller Ideen, am Anfang, als die Schulen geschlossen wurden. Ich sprühte vor Energie und beschloss sogleich, die Situation aktiv zu managen, entwarf einen ausgeklügelten Plan, wie diese Zeit mit meinen beiden Teenies zu bewältigen wäre: Frühstück um neun mit Lagebesprechung, um das Mittagessen zu organisieren, dann Homeschooling- und Lektürezeit für die Kinder. Schon witterte ich die Gelegenheit, meine Kinder ans Lesen heranzuführen, ich machte mir Gedanken zur richtigen Lektüre. Sollte es etwas aus Philosophie, Rhetorik, Wirtschaft sein? Oder doch lieber ein Roman? Oder war das zu hoch gegriffen, sollten wir einfach gemeinsam Zeitung lesen und es dann besprechen? Am Nachmittag wären dann Freizeit und Selbststudium auf dem Programm gestanden – vielleicht wäre das eine Gelegenheit für den Sohn, sein Französisch aufzubessern? Raffinierterweise besprach ich den Plan mit den Kindern und wir einigten uns gemeinsam darauf, den Lockdown so anzugehen. «Jaja», sagten sie. «Gute Idee!», sagten sie. Machen wir so.

Natürlich kam es anders. Bereits am ersten Tag schlief die Tochter gemütlich in den Morgen hinein, während der Kleine zunächst noch Einsatz zeigte und die ersten 50 Seiten aus dem Buch las, das wir noch schnell organisiert hatten: «Pompeji» von Robert Harris. Im weiteren Verlauf des Tages aber zersetzte sich mein Plan wie Milch, wenn sie sauer wird. Der Kleine zog sich unter den Kopfhörer zurück und wehrte meine weiteren Vorschläge ab wie ein Pingpong-Meister im Match seines Lebens. Französisch lernen? Ping! Einkaufen gehen? Pong. Zimmer aufräumen? Ping! Kompost leeren – Pong! Er brachte einfach alles zurück. Und ich produzierte neben meinen Hangout-Sitzungen, telefonieren, recherchieren, schreiben, einkaufen und haushalten nur noch «unforced errors». Game, Set, Match für den Sohn. 

Meine Kinder fragten irgendwann entnervt, was eigentlich mit mir los sei.

Ich tat, was Mütter in solchen Situationen immer tun: Ich schalt mich eine schlechte Mutter. Eine gute Mutter hätte ruhig, aber bestimmt auf die Einhaltung der Regeln gepocht, ihnen Hilfestellungen gegeben, sie sanft an die neuen Strukturen herangeführt, die bald zum Selbstläufer geworden wären. Verzagte innerlich ob meinem Unvermögen, die Regeln durchzusetzen. Und wurde sauer. Die Art von sauer, die sich ganz subtil äussert, wenn das Schublädli etwas zu hart geschlossen wird. Das Geschirr etwas gar laut in der Küche klappert. Bis meine Kinder irgendwann entnervt fragten, was eigentlich mit mir los sei.

Und dann geschah ein Wunder. Sie machten mit. Zwar nicht ganz so ausgeklügelt und strukturiert, wie ich das ursprünglich vorgesehen hatte. Aber doch mit erkennbarem Effort, denn mittlerweile folgen wir dem Plan im Grossen und Ganzen wie vorgesehen. Ausser das mit der Lektüre. Das heisst, der Sohn liest das Buch nun doch. Es gehört zu den Lektürevorgaben seiner Schule im Lockdown.

Corona-TagebuchDurch Homeschooling und Homeoffice sind sich Eltern und Kinder zurzeit so nahe wie nie. Im Mamablog berichten wir von Montag bis Freitag um 17 Uhr vom ganz normalen Wahnsinn aus dem Lockdown: von Kindern, Schule, Arbeit, Patchwork, Beziehungen, Social Distancing und kleinen Errungenschaften im neuen Alltag. Den nächsten Eintrag von Michèle Binswanger lesen Sie am kommenden Montag. Schönes Wochenende!