Ein Hoch auf das Nestmodell

Nach der Trennung lebten unsere Autorin und der Vater ihrer Kinder als WG zusammen – bis das Projekt scheiterte.

Unser Daheim, unser Glück: Beim Nestmodell bleiben Scheidungskinder in gewohnter Umgebung. Foto: iStock

Zwar bin ich kurz vor dem Ende des alten Jahres damit gescheitert, und dennoch – oder gerade deswegen – möchte ich für das Nestmodell eine Lanze brechen. Getrennt haben der Vater meiner Kinder und ich uns im letzten Frühjahr, die Krise dauerte schon viel länger. Wir haben es versucht, uns aufgerafft, zusammengerissen, Therapie gemacht – aber es hat nicht gereicht.

Die Kinder sind heute vier und sechs Jahre alt, eingeschult, und wir sind im Quartier verbandelt und verbunden. Ein Ortswechsel kam deshalb nicht infrage. Wir sind beide berufstätig zu etwa gleich viel Prozent bei etwa gleich viel Lohn und haben je einen «Kindertag». Ich versuche das Wort «Papatag» tunlichst zu vermeiden, gibt es auch den «Mamatag»? Nein, die ist ja im Idealfall immer für die Kinder zuständig, nicht wahr, Herr Largo? Dazu später.

50/50

Da wir in Zürich wohnen, konnten wir auf die Schnelle nicht zwei Wohnungen auftreiben. Aus pragmatischen Gründen, aber nicht nur, schlug ich bei einem klärenden Gespräch mit einem befreundeten Mediator vor, dass wir zuerst als WG weiterleben, später dann das Nestmodell leben, bei dem die Kinder in ihrer gewohnten Umgebung bleiben und wir Eltern einfliegen, wenn wir die Betreuungsaufgaben übernehmen. Die Betreuung und der finanzielle Unterhalt seien gleichwertig zu leisten. Wir leben also «50/50», darauf haben wir uns geeinigt. Das Nest sollte es «bis auf Weiteres» sein.

Denn, was spricht dagegen, dass die Eltern, welche die ganze Sache zum Scheitern gebracht haben, die Konsequenzen tragen müssen, aus der Reisetasche leben, meinetwegen auf Sofas von Freunden schlafen und die Kinder weiterhin in ihrem gewohnten Umfeld wohnen, spielen – ohne dass die Lieblingspuppe am anderen Ort vergessen oder die Regenhose für den Waldtag leider doch nicht hier ist – und aufwachsen dürfen? Scheinbar vieles.

Vorurteile gegen das Nestmodell

Das Nestmodell funktioniert leider nur, wenn beide Seiten es wollen. Nach nur zehn Monaten im Nest und gegen meinen Willen hat mein Ex-Partner nun eine Wohnung, in der die Kinder zur Hälfte auch leben sollen. Was mich dabei nachhaltig traurig stimmt, nein ärgert, ist, dass weder er, die Gesellschaft noch die verfügbaren Ratgeber dem Nestmodell je eine Chance gegeben haben oder ihm eine Chance geben. Die Vorurteile sind grösser als die Anzahl Familien, die so leben. Immer wieder höre ich, das Modell sei teurer. Ist es in unserem Fall nicht: Zwei Wohnungen mit angemessenem Platz für die Kinder sind teurer als eine Familienwohnung, ein WG-Zimmer und ein kostenloser Platz auf dem Sofa von Freunden oder in der Wohnung meines neuen Partners.

Bei Herrn Largo lese ich in «Glückliche Scheidungskinder – Was Kinder nach der Trennung brauchen», dass Kinder Stabilität brauchen, dass beim Wechselmodell (das Kind pendelt zwischen den Eltern) vielleicht doch einfach das Wohlergehen der Eltern im Vordergrund stehe (sie wollen mehr Freizeit, unerhört!) und dass das Residenzmodell, bei dem die Kinder mehrheitlich bei der Mutter leben (sic!), die Ideallösung sei. Es schockiert mich, dies in einer vor zwei Jahren überarbeiteten Auflage des Ratgebers eines angesehenen Kinder- und Familienexperten (aber sind wir Eltern das nicht alle selbst?) zu lesen. Blättere ich weiter, wird in einem klitzekleinen Abschnitt dann das Nestmodell als zu wenig konstant für die Kinder angesehen. «Sie (die Kinder) wissen nicht mehr, wer hier eigentlich die Verantwortung trägt.» Und Kontinuität in der Betreuung sei eine Grundvoraussetzung für das Wohlergehen eines Kindes.

Beim Nestmodell haben die Kinder einen Wohnsitz. Und regelmässige Tage mit der Mutter oder dem Vater. Mehr Kontinuität geht nicht. Natürlich setzt das Nestmodell voraus, dass man sich gut versteht, noch miteinander kommuniziert nach einer Trennung, und zwar gut. Aber davon gehe ich aus, insbesondere wenn Kinder involviert sind.

Gebt dem Nest eine Chance!

Ich habe keine 30 Jahre Wachstum und Entwicklung von Kindern erforscht, aber ich habe seit der Geburt meines Sohnes gelernt, auf meinen Bauch zu hören. Und mein Bauchgefühl sagt mir, dass das Pendeln für die Kinder der grössere Stress ist als für uns Erwachsene. Mich dünkt es sehr egoistisch und kurzsichtig, das Nestmodell als «schwierig», «anstrengend» und «teurer» abzustempeln. Gebt dem Nest eine Chance! Ich wünschte mir, andere getrennt lebende Eltern, welche die Betreuung und die finanzielle Sorge für die Kinder gleichberechtigt aufteilen, versuchen es mit dem Nestmodell, sind erfolgreich damit und ziehen so glückliche Kinder auf, denen es an nichts mangelt und nichts fehlt – seien es Regenhosen oder Vater und Mutter zu gleichen Teilen.

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