Auf in den Kampf, liebe Väter!

Ohne Elternzeit oder Vaterschaftsurlaub wird die Ungleichheit von Anfang an begünstigt.

Unsere Autorin geniesst es, dass sie die oft zitierte «Mental Load» gemeinsam mit ihrem Mann stemmen kann. Symbolbild: Keystone

«Vaterschaftsurlaub? Ja, da war doch neulich was», murmelte meine Freundin vor einigen Wochen, während sie an ihrem Hafermilch-Cappuccino nippte. Wir sassen im Café gleich neben dem Markt, an dem wir zuvor saisonal und regional produziertes Rüben- und Kohlgemüse eingekauft hatten, das eigentlich niemand von uns so richtig mag, jedoch alle essen, weil es ja schliesslich unseren Prinzipien einer «gesunden und nachhaltigen Ernährung» entspricht.

«Ja, da war tatsächlich was. Und was für ein Krimi! Ich dachte, du wüsstest darüber Bescheid», entgegnete ich ihr fast schon ein wenig vorwurfsvoll und begann auszuholen. «Die Vaterschaftsurlaub-Initianten hätten nun theoretisch die Option, die vier ursprünglich geforderten Wochen Papi-Zeit doch noch an die Urne zu bringen. Ob sie dies tun, ist jedoch fraglich», referierte ich.

Zudem hätten sie offenbar ohnehin vor, noch einen Schritt weiter zu gehen und eine Diskussion über eine bezahlte Elternzeit mit Job-Garantie zu lancieren. «Diese soll grosszügiger ausfallen und wurde bereits in der Parlamentsdebatte von einigen Parteien erwähnt. Denn laut einiger Stimmen würde eine zweiwöchige Auszeit im Gegensatz zur Elternzeit lediglich alte Rollenbilder bestätigen», schloss ich meine Zusammenfassung.

So steht es um den Vaterschaftsurlaub

Nach einer intensiven Debatte hatte der Nationalrat im September über die Volksinitiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub, zum Nutzen der ganzen Familie» und den indirekten Gegenentwurf entschieden. Er lehnte die Initiative, die vier Wochen Vaterschaftsurlaub forderte, zwar ab, hiess den Gegenvorschlag mit zwei Wochen jedoch gut.

Nachdem auch die Schlussabstimmung des Parlaments zum indirekten Gegenvorschlag positiv ausgefallen war, schienen die zwei Wochen Vaterschaftsurlaub zum Greifen nah. Das Initiativkomitee zog Anfang Oktober das Volksbegehren bedingt zurück – doch daraufhin wurde von einer überparteilichen Allianz namens «Immer mehr Lohnabzüge von allen für Gratisferien von wenigen» prompt das Referendum ergriffen. Ob die benötigten Unterschriften wirklich zustande kommen, ist unsicher. Mehrere Wochen der gut dreimonatigen Sammelfrist waren schon verstrichen, als sich Anfang November das Komitee formierte und mit der Unterschriftensammlung anfing.

Auch mein Mann und ich haben uns einige Jahre lang in traditionellen Sphären bewegt: Ich arbeitete Teil-, er Vollzeit. Was dazu führte, dass während meiner freien Tage die Hausarbeit sowie die Kinderbetreuung hauptsächlich an mir lagen. Ich war «Baby-Boss» – in den Augen von Thomas Sevcik aber wohl eher eine «teilzeitarbeitende Konservativteilzeitmutter» (Anm. d. Red.: Bezieht sich auf seinen Artikel im «NZZ am Sonntag Magazin»).

Ich war es, die morgens in aller Früh jeweils saubere Ninjago-Socken aus dem Wäschekorb rauswühlte, weil nur ich wusste, wo sie zu finden waren. Ich war die Fee, die für jeden verlorenen Zahn jeweils einen Fünfliber unters Kopfkissen legte, und meistens fiel es mir in letzter Minute ein, dem Sohnemann vor dem Waldtag im Supermarkt um die Ecke Schlagenbrot-Teig zu kaufen, den er dann später aussen knusprig und innen roh verspeisen würde.

Bis wir alles über den Haufen warfen. Ich stockte mein Pensum auf, mein Mann reduzierte dafür seine Stellenprozente – und dies wohlgemerkt in einer Branche, von der es heisst, dass eine Kaderposition in Teilzeit nicht möglich sei. Seither arbeiten wir an gleich vielen Tagen, während gewisser Wochen ich sogar mehr als er. Die Kinder besuchen wie bis anhin zwei Tage in der Woche die Kita und den Hort. Wer was und wann im Haushalt und in der Kinderbetreuung übernimmt, wurde ergo nochmals neu – und ganz nach den Vorlieben und Stärken von ihm und mir – zu gleichen Teilen aufgesplittet.

Mein Mann rockt den Haushalt viel besser

So wie Firmen – denn ein Haushalt mit drei Kindern bedingt schliesslich ebenfalls ein gewisses Management –, die von steilen Hierarchien auf flache umsatteln, brauchten auch wir eine Eingewöhnungszeit. Es gab Missverständnisse, als wir beispielsweise beide davon ausgingen, dass der andere den Termin für die Jahreskontrolle wahrnimmt und umgekehrt. Und am Ende keiner von beiden mit Kind auf dem Schoss im Wartezimmer unseres Kinderarztes sass.

Die Anfangsphase unserer «familieninternen Umstrukturierung» trug aber auch Erfreuliches zutage wie etwa den Fakt, dass mein Mann den Haushalt im Grunde besser und effizienter rockt als ich. Dass er viel gewissenhafter um die Verabreichung von Vitamin-D-Tröpfchen und Anti-Warzenmittel besorgt ist, als ich es jemals war. Hoppla. Oder dass ich merkte, dass mir Loslassen überhaupt nicht schwerfiel. Im Gegenteil: Ich genoss es, dass wir die von Müttern so oft zitierte «Mental Load» nun gemeinsam stemmen konnten.

Wir wunderten uns allerdings über die Stimmen, die ihm zu seinem Mut und Engagement zu mehr als nur dem einem «Papi-Tag» gratulierten, sobald das Thema aber auf meine Stellenprozente umschwenkte, fanden, das sei also «schon noch viel, so mit drei Kindern». Letztlich freuten wir uns aber beide über unsere neuste Errungenschaft: Zeit.

«Hinter jeder Mutter, die arbeitet, steht ein starker Vater»

Vielleicht fragen Sie sich, liebe Leserin, lieber Leser, weshalb ich Ihnen das alles erzähle. Vielleicht möchten Sie mir an dieser Stelle entgegnen, dass meine Ausführung ein alter Zopf und unser Modell keine Ausnahmeerscheinung (mehr) ist. Und ja, ich kenne tatsächlich etliche Paare mit Kindern, die bereits seit Jahren eine 50/50 Aufteilung leben. Dass ich auf den Strassen unserer Siedlung am Morgen jeweils zahlreichen Vätern mit angeschnalltem Tragetuch oder Kinderwagen auf dem Weg in die Kita oder zum Spielplatz begegne, während ihre Partnerin bereits im Tram zur Arbeit sitzt, macht Mut und verleitet mich dazu, ein altbekanntes Sprichwort in folgende Worte umzuformulieren: «Hinter jeder Mutter, die arbeiten geht, steht ein starker Vater, der ihr dabei den Rücken freihält.»

Dass es ausserhalb unserer Bubble aber noch ein weiter Weg zur allgemeinen Selbstverständlichkeit einer solchen Rollenaufteilung ist, zeigen Zahlen einer aktuellen Erhebung des Bundesamts für Statistik. Gemäss dieser übernehmen noch immer in gut zwei Dritteln der Haushalte mit Kindern Frauen den Hauptteil der Hausarbeit. Vier von fünf erwerbstätigen Müttern leisten Teilzeitarbeit. Zum Vergleich: Nur einer von neun erwerbstätigen Vätern (11,4 Prozent) arbeitet nicht Vollzeit.

Unser Modell mag nicht für jeden umsetzbar oder erstrebenswert sein. Vor allem Stimmen aus der Wirtschaft bezeichnen Teilzeitarbeit oft als «ineffizienten Nonsens». Und mit dem Einbinden der Väter in Erziehungs- und Hausarbeit entstehen für diese Fragen, denen sie sich bis anhin nicht stellen mussten: Ja, Väter haben es heute schwerer. Sie müssen Kind und Karriere unter einen Hut bringen.

Die gleiche Herausforderung für beide

Aber das ist nur gerecht, schliesslich stehen Mütter vor der gleichen Herausforderung. «Das Leben kann dadurch aber reicher werden, vielseitiger, weniger eindimensional», antwortet etwa Philosoph Yves Bossart in einem Interview in Barbara Weber-Rupplis Buch «Vatersein». Die Politik mache es derzeit jedoch weder für Männer noch für Frauen leicht, Kind und Karriere zu verbinden. «Ich hoffe, unsere eigenen Kinder werden in Zukunft bessere Voraussetzungen haben», so Bossart.

Dazu sage ich nur: Auf in den Kampf, liebe Väter, und all jene, die es werden wollen! Denn die inexistente Elternzeit – beziehungsweise der nicht vorhandene Vaterschaftsurlaub – begünstigt von den ersten Wochen des Familienlebens an eine ungleiche Arbeitsteilung. Dies gilt es zu ändern, damit ihr auch in der Zeit danach jene Rolle in der Familie, die euch als richtig und wichtig erscheint, einnehmen könnt.

Das bedingt aber, dass ihr euch nicht länger hinter der Ich-würde-ja-schon-weniger-arbeiten-nur-geht-das-in-meinem-Job-nicht-Floskel versteckt und wir Frauen im Gegenzug bereit sind, die Familie finanziell zu entlasten. Zudem steht die oftmals von Müttern genannte Begründung, man arbeite nicht Vollzeit, weil man die Kleinen schliesslich beim Aufwachsen begleiten möchte, genauso allen Vätern zu.

Und jetzt bin ich gespannt: Welches Familienmodell leben Sie zu Hause – und weshalb?