«Mein Körper darf alles!»

Unser Autor erklärt dem Kind, dass es nicht alles darf. Ist das nun also diese «Erziehung», von der alle reden?

Einem Kind ein gutes Gleichgewicht zwischen Selbstbestimmung und Empathie zu vermitteln, ist harte Arbeit. Foto: iStock

Unschöne Szenen spielten sich letzten Samstag frühmorgens im Hause Tschannen ab. Am Ende hielt ich dem Brecht erzürnt einen Vortrag, nachdem ich ihn gegen seinen Willen ins Vestibül des Ostflügels getragen hatte. (Ich werde hier pro Doppelnamen bezahlt und lebe daher nicht schlecht.)

Was war geschehen? Brecht-Maria – an Schultagen kaum weckbar – wollte um 6 Uhr aufstehen. Darf er natürlich. Eine halbe Stunde spielte er zufrieden unten im Wohnzimmer. Dann kam er wieder hoch in den Schlaftrakt und befahl mir, ebenfalls runterzukommen. Ihn habe die Langeweile ereilt. Nun bin ich normalerweise ebenfalls ein Frühaufsteher. Normalerweise. Denn aktuell wohnt hier ein kleines Baby, das immer genau dann essen oder kacken muss, wenn ich in eine erholsame Schlafphase eintrete.

Ich gedachte diesen Samstagmorgen also noch ein Weilchen zu ruhen. Brecht-Josef jammerte voller Selbstmitleid, worauf ich ihm seine drei Möglichkeiten erklärte: Er könne sich zu mir ins Bett legen und noch etwas dösen, oben einer ruhigen Tätigkeit nachgehen oder unten spielen, was auch immer er wolle. Die Vorschläge behagten ihm nicht. Eine Diskussion begann.

Wenn familiäre Situationen behutsam eskalieren

Sie kennen mich, ich diskutiere gern mit Brecht-Ferdinand. Aber neben mir grochste das Baby im Halbschlaf. Ich hatte es erst kurz zuvor nach seiner frühmorgendlichen Milchpause wieder zum Einschlafen gebracht. Ein zorniger Beebers, das will niemand. Hinzu kam, dass im Zimmer nebenan die Brechtsmutter schlief und im Gästezimmer Freunde, die bei uns zu Besuch waren – nennen wir sie Hildrun-Gabi und Horst-Giselmund.

Also schhhte ich Brecht-Klaus an, doch der wollte sich das Maul nicht verbieten lassen. «Ich bestimme über meinen Körper, und ich will hier laut sein.» Aha, da hatten wir dieses Argument wieder. Wie schon einen Tag zuvor, als er sich weigerte, seine Spielsachen von der Treppe wegzuräumen. Mit dem in seinen Ohren überzeugenden Argument: «Nein heisst nein!»

Einmal mehr erklärte ich, dass hier selbstverständlich alle über ihren eigenen Körper bestimmen und Nein sagen dürfen. Dass das aber nicht ein Freipass für rücksichtsloses Verhalten sei wie ein Diplomatenkennzeichen im Strassenverkehr. Doch der Brecht war auf Sendung, nicht auf Empfang. Und als das Baby seine dünnen Augenbrauen zu einem bedrohlichen V formte, tat ich, worauf ich rückblickend nicht stolz bin. Ich trug Brecht-Bernfried – wohlgemerkt nach vielen Vorwarnungen – hinfort. In die andere Ecke des Hauses, wo ich ihn mit dem verbalen Kantholz bearbeitete. Sie wissen schon: «Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des anderen trari-trara …»

Das ist nun also dieses «Erziehung», von dem alle reden

Brecht-Immanuel lauschte unerwartet interessiert. Irgendwo in der Ferne schrie ein Baby, und im Gästebad betätigte jemand die Toilettenspülung.

Nun könnte man uns vorwerfen, dass wir es mit unserer linksgrünversifften Ideologie übertrieben hätten. Ich würde widersprechen. Meine Erkenntnis aus dieser Geschichte ist eine andere: Einem Kind ein gutes Gleichgewicht zwischen Selbstbestimmung und Empathie zu vermitteln, ist harte Arbeit. An manchen Tagen gelingt das, an anderen nicht. Ich denke, dass es den Eltern von Maximilian-Jason, Lea-Marihuana, Sören-Torben, Liiliaa-Shanélle und Leif-Malte ähnlich ergeht. (Bitte entschuldigen Sie, aber schalldichte Türen sind nicht günstig, und ich brauche ganz dringend 17 Stück.)

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