Die paradoxe Kindheit

Zwischen Dauerbespassung und Leistungsdruck: Ist diese Zuckerbrot-und-Peitsche-Kindheit tatsächlich gesund?

Grösser, bunter, lustiger: Ein gigantischer Kindergeburtstag jagt den anderen. Foto: iStock

Als meine Kinder vor einiger Zeit beim Anstehen vor der Autowaschanlage eine quietschgelbe Gummiente geschenkt bekamen, wurde ich nachdenklich. Nach dem Truubezückerli in der Apotheke und dem Wurstrügeli in der Metzgerei setzte nun auch die Autowaschstrasse auf «Direct Marketing». Die Idee ist nicht schlecht – meine Kinder wissen heute noch, wo sie damals das Entchen bekamen, und würden, wenn sie könnten, ebendiese Waschanlage anpeilen.

Was passiert mit unseren Kindern, wenn sie immer und überall zugreifen können, belohnt und beschenkt werden? Nach dem Kinderarztbesuch, nach dem Coiffeur, nach dem Zahnarzt – sogleich wird die Krimskrams-Tüte gezückt. Bitte einmal bedienen für die Tapferkeit! Einmal Belohnung für das halbstündige Ausharren auf dem Coiffeurstuhl, für das Öffnen des Mundes beim Zahni, obwohl keine fiese Spritze und kein böser Bohrer das Milchzahngebiss berührt haben. Früher wurde unsereins mit dem simplen, aber guten Gefühl belohnt, die Sitzung beim Zahnarzt überstanden zu haben – ganz ohne Chichi. Kein Fernseher, kein Lachgas.

In Watte gepackt und weich gespült

Ein Restaurant ohne Kinderecke? Eine Menükarte ohne Mickey-Maus-Teller und Schatztruhe-Nachtisch? Ein Einkaufscenter ohne kunterbunten Kinderhort? Schwer zu finden. Unvergessliche Kindergeburtstage für Prinzessinnen und Piraten unserer Generation gibt es überall zu feiern – im Spass-Bad, im Technorama, im Zoo, im McDonald’s sowieso. In Gärtnereien, Bowlinghallen und Schlössern. Für die Give-away-Sammlung beziehungsweise deren diskrete Entsorgung sorgt dann die Mutter. Zu meiner Zeit wurden Kindergeburtstage (wenn es denn welche gab!) selbstverständlich zu Hause gefeiert mit einer Handvoll Kinder am Küchentisch.

Unsere Kinder werden heute auf einen Sockel gestellt! Immer und überall werden sie bespasst und betütelt. In Watte gepackt und im Schonwaschgang weich gespült. Während wir noch auf Bäume kletterten, ohne Fahrradhelm lospedalten, mit kurzen, zeckenködernden Hosen durch den Wald strielten und die Ovo-Mütze die Ohren beim Skifahren wärmte, setzt man heute auf die Devise: Alles, was gefährlich sein könnte, wird verboten oder dreifach gesichert, und alles, was Spass macht, ist erlaubt und willkommen!

Und wir Eltern? Wir können uns diesem Zeitzeichen nur schlecht entziehen. In Bereichen wie Geschenke, elektronische Mediennutzung, Hobbys, Taschengeld (und dem Umgang mit Geld im Allgemeinen) haben wir sehr wohl Einfluss und auch eine Vorbildfunktion. Aber alles ist immer, überall und im Überfluss vorhanden. Wo führt es hin, wenn Kinder keine Träume und Sehnsüchte mehr haben? Wünsche sind wichtig – und gerade die sind wertvoll, die nie erfüllt wurden. Während man in meiner Kindheit den Kindern ausnahmsweise und bewusst, etwas kaufte, müssen wir Eltern heute unseren Kindern ausnahmsweise und bewusst einmal nichts kaufen und ihnen nicht jeden Wunsch erfüllen.

Kompetenzgeprüft vom Kindergarten an

Auf der anderen Seite – die Schule. Da werden unsere Primadonnen und Supermen ungefragt aus der Spasszone gerissen. Fertig luschtig! Ab jetzt heisst es 5 mal 4 Stunden morgens pauken, stillsitzen, Ohren spitzen, ruhig sein, keine Extrawürste mehr! Da hetzt das 1.-Klasse-Kind zwischen den Pausen von einem Klassenzimmer ins nächste. Von Frau Hugentobler zu Frau Krause und vom Schwimmlehrer in den Stütz-Unti, hin zum Mittagstisch.

Bereits im Kindergarten beginnt das «Sieben»: Prima kann das Kind den Purzelbaum, 57-mal auf einem Bein hüpfen, selbstständig die Schuhe binden – aber, oh weh … es kann den Hampelmann noch nicht – ab in die Psychomotorik! Spricht das Kind in ganzen Sätzen, hat einen Wortschatz von Apfelsinenkernen bis Zirkusdompteur, aber das «R» rollt noch nicht richtig aus dem Mund – ab in die Logopädie! 72 Kompetenzen (!) werden im Kindergarten abgecheckt.

Aufgabenhefte werden wie Agenden geführt, Wochenpläne wie von Mini-Erwachsenen «gemänätscht». Selbstständigkeit ist gefragt. Alles wird bewertet, beurteilt, analysiert, unter die Lupe genommen. Jede Abweichung von der Norm wird mit Stirnrunzeln erkannt. Dann wird therapiert und geschraubt … nicht zu viel, nicht zu wenig – Feintuning eben!

Schwäche? Abklären!

Und wie war das damals? Ich weiss es noch. Ein Schulzimmer, ein Lehrer, immer dieselbe Klassenkonstellation. Es gab schwächere Schüler und Superstars – aber letztlich waren alle ein einig Volk von Schülern. Konnte Peterli partout die «Mutter» nicht von der «Butter» unterscheiden beim Lesen und konnte Sabinchen nicht verstehen, dass man bei 7+…=10 Minusrechnen sollte, hatte der Lehrer ein Schulterzucken dafür übrig. Mehr passierte nicht.

Aus Peterli und Sabinchen wurden – erstaunlich – «gschaffigi», selbstständige Erwachsene mit Durchhaltevermögen und Eigenverantwortung. Sabine wurde selbst Mutter, und manchmal versteht sie die Welt nicht mehr. Da versucht unsere Wohlstandsgesellschaft, aus unseren auf Händen getragenen, aufgerüschten Alles-haben-wollen-Kindern Eliteschüler heranzuzüchten mit einem Anforderungsprofil, das es in sich hat.

Sabine kann inzwischen gut rechnen, aber diese Rechnung geht bei ihr nicht auf! Sie fühlt sich durch ihre Töchter schulisch mehr gefordert als in ihrer eigenen Schulzeit. Aus Zeithaben wurde ein permanentes Hopp-Hopp. Wurde früher bei «Schwächen» kein Büro aufgemacht, werden heute ganze Wartezimmer von Kinderärzten und Psychologen gefüllt mit dem Wunsch nach Abklärung. Aber mal ehrlich: Müsste nicht vielleicht unsere Leistungsgesellschaft krankgeschrieben werden? Ist die Zuckerbrot-und-Peitsche-Kindheit tatsächlich gesund oder nicht einfach nur ein Widerspruch in sich?

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37 Kommentare zu «Die paradoxe Kindheit»

  • M.B. sagt:

    Unlängst habe ich meine Primar Lehrerin gerühmt. Sie hatte 36 Schüler während vier Jahren alleine unterrichtet und begleitet. Sie hatte immer einen freundlichen, geduldigen aber auch bestimmten Umgang mit uns. Trotz der Anzahl Schüler waren wir tatsächlich eine Einheit und denken immer gerne an unsere Schulzeit zurück, was sich an den Klassen Zusammenkünften, wieder spiegelt.

    An dieser Stelle, ein grosses Dankeschön an Dich Yvonne M.

  • cyan jaeger sagt:

    Interessanter Artikel – gut geschrieben und regt zum Nachdenken an. In unserer Schulzeit war nicht alles wirklich besser und es gab echt schräge Dinge – so wie heute auch.
    Was mich aber ob des Lehrplan 21 beschäftigt – ich habe das Gefühl es gibt heute viel mehr Lehrpersonen, die kaum fundierte Kenntnisse von ihren zu unterrichtenden Fächern haben. Wie kann sich jemand Spezialist nennen, wenn 6 Fächer unterrichtet werden müssen. Wie kann eine Lehrperson eine Sprache guten Gewissens unterrichten, wenn er/sie selber keinen Satz in dieser Fremdsprache korrekt artikulieren können. Sind unsere Kinder so gestresst, weil es die Lehrpersonen sind, die ihre Fächer nicht mehr beherrschen oder nicht mehr wissen wie sie mit herausfordernden Schülern umzugehen haben?

  • Alfred Zweibier sagt:

    Wenn das Lebensziel ist, hauptberuflich Mutter zu sein, dann braucht es den ganzen Zinnober tatsächlich nicht. Es braucht nur jemanden, der sich zur Vaterschaft bekennt und die Dame plus Kinder finanziert. Sind wir wirklich im Jahre 2019? In einer Zeit, in der Gleichberechtigung rückwärts und vorwärts diskutiert werden? Auch dem unbedarftesten „Hausweibchen“ sollte doch klar sein, dass gleiche Rechte auch gleiche Pflichten impliziert.

  • Lisa sagt:

    Wenn wir uns als Kinder von einem Lehrer ungerecht behandelt gefühlt hatten, hiess es zuhause: „Es hat wohl schon einen Grund gegeben“ = Kind war schuld. Das war in den Siebzigern. Als Lehrer den Vielschwätzern auch noch Wäscheklammern auf die Nase setzten oder Zappelphilippe an den Stuhl angebunden haben. Beim Zahnarzt gab es damals übrigens auch schon eine Belohnung, man durfte sich aus dem Korb was nehmen – nein, kein Spielzeug… sondern Zeltli!!! Im Schwimmunterricht wurde man vom Lehrer einfach vom 3-Meter-Brett gestossen, wenn man zulange gezaudert hat. Ja, ich hatte tatsächlich eine sehr schöne Kindheit – aber ich verkläre sie nicht. Und vor allem vergleiche ich sie nicht. Manches an der heutigen Kindheit finde ich zwar auch schräg… aber an meiner eigenen auch… siehe oben…

  • New Mum sagt:

    Mit dem Punkt zum Leistungsdruck gehe ich mehrheitlich einig. Zum Thema Dauerbespassung und Beschenken sind aber schon vor allem wir Eltern in der Pflicht. Man muss nicht jedes Give Away annehmen und jede Mania mitmachen. Man muss manchmal einfach auch den Verzicht aushalten können.

    • Sabine Dermon sagt:

      Liebe new mom… da bin ich ganz ihrer meinung – man muss nicht jeden hype mitmachen! Ich wollte lediglich aufzeigen, dass es diese bespassung maschinerie gibt und dass sie im widerspruch steht zum durchgetakerten schulalltag.

  • Reincarnation of XY sagt:

    Wir Menschen neigen dazu, das Leid und alles was nicht stimmt von heute immer grösser zu gewichten, als das Leid und das, was nicht stimmte, von früher.
    Das ist logisch, denn die Schmerzen von heute tun mir weh, die von gestern habe ich vergessen oder verdrängt.

    Wie es Lehrperson richtig schreibt: noch in den 80ern wurden Kinder in der Schule von Lehrern geschlagen und davor erst recht.
    Ich kann mich auch daran erinnern. Ich kann mich auch erinnern, dass es völlig normal war, dass Schüler die einen 3er schrieben von Lehrern öffentlich gedemütigt wurden.
    Diese Gedemütigten wurden nicht selten später gewalttätig, drogensüchtig, etc.
    Wir sollten endlich aufhören so zu tun, als gäbe es nur heute Probleme. Sehr vieles machen wir auch besser als früher.

  • Maura Hanley sagt:

    Ein sehr ‚nach-denklicher‘ Blog, super geschrieben! Mittlerweile Grossmutter erlebe ich das ‚Hopp Hopp‘ hautnah, nur, dass ich das ‚Hopp Hopp‘ nach schwerem Unfall nicht mehr mitmachen kann noch will. Bin so froh, die Grosskinder haben Eltern, die sich auf den Menschenverstand besinnen. Zuckerbrot und Peitsche bringt niemandem etwas. Vieles in der Kinderwelt ist fürchterlich überdreht und dient der Gesundheits-Spiel-Geburtstags-Industrie. Wie echt wohltuend, wie einfach das Leben mit Kindern sein kann! Tolle Diskussionen zwischen Alt, Jung und Ganz Jung. Bis jetzt läufts gut, auch ohne hopp hopp, ohne Zuckerbrot, ohne hysterische Gymi-Vorbereitung, ohne Vergangenheitsverklärung-allerdings wichtig, nicht alles aus der Vergangenheit ausblenden!

  • Efes sagt:

    Super geschrieben! Ganz Ihrer Meinung Musste mehrmals lachen. Und an die Herren: das Schlagen in der Schule usw. ist einiges länger her, als die Zeit, in der Sabinchen das Minusrechnen nicht verstand. Es geht doch hier nicht um die Verherrlichung der Vergangenheit. Natürlich hat die Gegenwart auch ihr Gutes! Natürlich hat alles gute und schlechte Seiten! Aber die Tendenz geht sehr wohl in die Richtung wie im Blog beschrieben.

    • Lehrperson sagt:

      Schlagen in der Schule durch den Lehrer habe ich in den 80er des letzten Jahrhunderts noch selber erlebt. Das in einer durchschnittlichen Vorstadtgemeinde in der Schweiz.

    • Sabine Dermon sagt:

      Herzlichen dank efes! Sie haben den text verstanden !

  • Karin Schneider sagt:

    Danke für den Artikel. Kinder in der Schule stehen früh unter Leistungsdruck und sogenannte Schwächen werden sofort therapiert. Der perfekte Mensch soll geformt werden. Leider wird so Innovation/Erfindergeist erstickt und wir züchten kleine Roboter heran. Viele Kinder werden zusätzlich durch ihre Eltern getrimmt mit diversen Hobbys und zusätzlich in der Freizeit total verplant. Persönlichkeitsfindung? -Fehlanzeige! Selbständiges Spielen? -Fehlanzeige! Die jüngeren Kinder sind nicht einmal mehr fähig sich gemeinsam alleine zu beschäftigen. Die älteren Kinder hacken auf dem Händy, IPad oder PC rum. Die Gefahren des Internets, z.B. Influencer (können das Essverhalten und das Einkaufsverhalten beeinflussen), die App wie Tik Tok mit Freigabe 13, kann Pädophile anlocken. Ahnungslose Eltern?

  • Bettina Jecklin sagt:

    Dann lässt folglich jede berufstätige Mutter ihre Kinder verhungern und verwahrlosen? (!)

    • Brunhild Steiner sagt:

      😉
      es scheint ein Wettbewerb zu bestehen die Vorstellung der Schreibenden möglichst kreativ hinzubekommen, nicht immer sehr geglückt…

    • Brigit sagt:

      Steht das im Text?! „Berufstätig“ impliziert doch wohl auch ein Salär am Ende des Monats; da verhungern vermutlich keine Kinder dabei. Ein Buch schreiben hingegen ist in den allermeisten Fällen intensive, zeitraubende Arbeit ohne irgendein finanzielles Plus auf dem Konto.

      • Sabine Dermon sagt:

        Genau brigit! Wenn man beschliesst ein buch zu schreiben, ist man voll und ganz auf das schreiben fokussiert und hat den kopf bei der geschichte. Natürlich prangere ich keineswegs berufstätige mütter an.

  • Jan Holler sagt:

    Verklärung der Vergangenheit und Wut und Verzweiflung auf die Gegenwart: das fasst gut diesen sehr seltsamen Artikel zusammen. Martin Frey hat es schon gut geschrieben. Ich bin auch von früher: Viel zu kleine Schulzimmer, keine Turnhalle, nur 4 von 25 Schülern kamen in die Sekundarschule, Lehrer „durften“ noch schlagen, Pauschalstrafen waren an der Tagesordnung, 2 Mal in der Woche musst man mit der Klasse in die Kirche, Sonntags sowieso. Der Pfarrer war streng, der Lehrer war streng. Hilfe für schwächere Schüler gab es nicht. Freizeitangebot, Beschäftigung für Jugendliche: nahe Null.
    Die Widersprüche stecken im Artikel nicht in der heutigen Zeit. Ist mir zu viel Wutbürger, zu wenig Reflexion.

    • Lehrperson sagt:

      Ich sah mal ein Klassenphoto aus den 50er, dann stand einer auf der Seite mit Eselsohren auf dem Kopf! Was für eine Demütigung – da kommen mir heute noch fast die Tränen, obwohl mir die Person völlig unbekannt ist.
      Schon ok wie es heute läuft mit der Unterstützung schwächerer Schüler. Heute können Legastheniker die Matura machen, noch vor 30 Jahren wären sie – unabhängig von der Intelligenz – in der Realschule gelandet.
      Was ist schlecht daran, Sprachfehler früh zu behandeln? Besser als später dadurch zum Klassentrottel gemacht werden. Ein Kollege der lispelte wurde noch in den 80ern vom Englischlehrer fertig gemacht, weil der das th nicht korrekt aussprechen konnte. Der wäre um etwas Frühförderung froh gewesen.
      Bildungsmässig leben wir in den besten Zeiten seit jeher!

    • Dobi sagt:

      natürlich war früher nicht alles besser, jedoch schliesst das nicht automatisch eine Reflexion aus ob heute auch wirklich alles super oder so viel besser läuft. Das in einer ersten Klasse heute mind. die Hälfte Kinder Schulpsychologisch abgeklärt werden oder es den Eltern nahegelegt wird ,find ich schon ganz doll übertrieben. Bei meiner Tochter in der Schule wird weder Theater gespielt noch sonst irgendwas, der Schulalltag besteht aus Arbeitsblätter und Lehrer legen einem nahe, dass eine Schulpsychologische Abklärung für sie wie eine DNA Analyse ist, sonst verstehen sie die heutigen Kinder ja nicht mehr.. ich find das schon eine Diskussion wert

    • Manuel Rauber sagt:

      Nun, wenn ich das Profilbild der Autorin betrachte, gehe ich davon aus, dass sie die Schule irgendwann in den 90er besucht hat. Diese Kohorte wurde nicht mehr in der Schule geschlagen, die Erosion der Rolle der Kirche war bereits fortgeschritten und es gab zahlreiche private und öffentliche Freizeitangebote für Jugendliche.
      Die Heere an Spezialisten zur Ausmerzung von Fehlern der Kinder gab es aber noch nicht, der Lehrer konnte noch streng sein und Sanktionen aussprechen und Frontalunterricht war noch das Mass der Dinge.

    • Martin Frey sagt:

      @Holler
      „Die Widersprüche stecken im Artikel nicht in der heutigen Zeit. Ist mir zu viel Wutbürger, zu wenig Reflexion.“
      Das ist perfekt auf den Punkt gebracht. Ich verstehe gerade nicht, wie eine Person, die notabene noch als Klassenassistenz tätig ist, sich daran stören kann, dass Sprachfehler korrigiert, und irgendwie auffällige Kinder nicht gleich in Sonderklassen oder Oberschulen aussortiert werden. Natürlich schlägt das Pendel mal in die eine, dann in die andere Richtung. Aber unter dem Strich dominiert nebst offensichtlichen Vorbehalten gegenüber Fortschritten und Realitäten des heutigen Lebens (der sie ua ihre Anstellung und damit ihren Brötchenerwerb verdankt aber dies nur nebenbei) und der bereits beschriebenen Verklärung früherer Zeiten eine hohe Widersprüchlichkeit.

    • maia sagt:

      „…..das «R» rollt noch nicht richtig aus dem Mund – ab in die Logopädie“ – als ich zur Schule ging hagelte es dafür Kopfnüsse und Tatzen! Ich bin mir nicht sicher was besser ist. Ich selber war aber schon etwas eifersüchtig auf meinen 10 Jahre jüngeren Brunder der 2 x in die Logopädie durfte und das „Problem“ gelöst war.

      • Sportpapi sagt:

        Ich glaube, ich war schon vor fast 40 Jahren in der Logo. Den Geschmack der rohen Teigwaren, die ich um Mund rollen musste, habe ich jedenfalls noch in Erinnerung…

  • Markus Schwarz sagt:

    Auch wenn nicht die Thematik, ist es einfach unsinnig, immer und überall Konsumgüter, Materialien an die Kinder (und Erwachsenen) als Marketing verschenken. Von Migros bis McDo… Billige, teils durchaus giftige (Weichmacher etc.) Materialien, welche in ihrer Masse eine riesige, unnötige Umweltbelastung darstellen. Und die Dinger landen grössteils nicht viel später im Müll. Auf dass die nächste Charge an Entli, Plastikfiguren etc. kommen kann. Man könnte meinen, wir sind wissenstechnisch im 1919… Umwelt? Who cares, Vollgas verbrauchen soviel geht.
    Ich habe beim Metzger auch Wurstruggeli bekommen, heute bereue ich es sehr, denn Auseinandersetzung mit was für das Ruggeli lebte, litt und getötet wurde, wird so von Kindsbeinen an verdrängt. Ganz was der Metzger und die Fleischlobby will.

  • Martin Frey sagt:

    Jaja, die gute alte Zeit. War damals alles schön, so aus der Distanz gesehen!
    Und die, die es nicht geschafft haben, über die reden wir nicht. Es gab nämlich auch mehr Unfälle, Verkehrstote, Suizide, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Prügelstrafen und Drogenkonsum. Leute wurden weggesperrt wenn sie sich nicht konform verhielten, und Kinder den Eltern weggenommen. Es gab Verdingkinder, und auch sonst wurde bei Missbrauch nicht hin-sondern weggesehen. Eine schöne alte Zeit, fürwahr!
    Wenn man die Vergangenheit derart verklärt, sei es die eigene Jugend, das Militär, oder die Schule, ist das nur ein untrügliches Zeichen dass man älter wird. Und ganz ehrlich: Zwischen Dauerbespassung und Leistungsdruck? Sieht unser Erwachsenenleben heutzutage nicht ebenfalls genau so aus?

    • Markus Schwarz sagt:

      Mit Verdingkindern schweifen Sie da aber auch ein bisschen ab.
      Aber ja, war auch exakt mein Gedanke, dass die Eltern welches ihr Kind bspw. durch Unfälle etc. weil man halt einfach „leichtsinniger“ war, verloren, kommen bei dieser Ansicht natürlich nie zu Wort. Das lässt sich auf viele Bereiche ausdehnen, wenn man meint, dass früher alles so viel lockerer und spassiger für alle war und darum auch besser. Ich denke aber auch, dass heute eine gewisse Überbehütung stattfindet. Ich kann es einerseits nachvollziehen, man tut dem Kind aber ganz sicher keinen Gefallen, wenn man es einen zumutbaren Schulweg nicht selbstständig gehen lässt bpsw. Früher wars nicht besser, es war anders. Teils mit Vorteilen, durchaus auch mit Nachteilen.

      • Lisa sagt:

        Verdingkinder gab es bis in die siebziger Jahre, also noch nicht so lange her als dass man es nicht immer mal wieder erwähnen sollte. Die letzte Generation der Verdingkinder dürfte heute so um die 55 sein. Also so alt wie manche Kommentatoren hier.

    • Muttis Liebling sagt:

      ‚Sieht unser Erwachsenenleben heutzutage nicht ebenfalls genau so aus?‘

      Sie sagen es. Das Hauptwort des 21. Jahrhunderts ist ‚Zu viel‘. Von allem gibt es viel zu viel. 40% aller in CH erbrachten medizinischen Leistungen sind unnötig. Es wird jeden Tag zu viel Brot gebacken, zu viel Gemüse in die Supermärkte geschafft. Zu viele Bücher und zu viele Pläne geschrieben. Es gibt zu viele Politiker, am meisten zu viele Ökonomen und auch zu viele Lehrer.

      Ich kann nicht erkennen, was an Frontalunterricht durch einen Lehrer mit der Methode Drill falsch sein soll. Ich kann nicht erkennen, was daran falsch sein soll, Versagen zuzulassen.

      Nicht das Alte generell, aber das meiste war schon mal optimal und wurde danach verschlechtert. Bildung und Medizin gehören dazu.

      • Muttis Liebling sagt:

        Die Annahme, man könne alles immer noch besser machen, ist falsch. Richtig ist, alles erreicht einmal ein örtlich- zeitliches Optimum und muss ab da auf diesem konserviert werden. Man darf Politiker und Fachleute nicht ermutigen, zu reformieren, sondern auf konservativ einschwören. Veränderung nur, wenn es absolut sicher unvermeidlich ist.

        Die Schule und die Universitäten waren bis 1933 optimal, seitdem geht es bachab.

      • Peter S. Grat sagt:

        Falsch!! Die 70er und 80er des letzten Jahrhunderts waren die besten aller Zeiten – als ich nämlich jung war!! Seither geht es nicht mehr besser!

        Jeder verklärt doch die Zeit, in der er jung war oder studiert hat, nicht?

      • Muttis Liebling sagt:

        ‚Jeder verklärt doch die Zeit, in der er jung war oder studiert hat, nicht?‘

        Das sagt man so in der Küchentischpsycholgie. Ich hatte leider nicht die Gelegenheit, vor 1933 zu studieren und kann nur indirekt, über den Vergleich der Resultate, die Qualität des Bildungswesens davor und danach bestimmen.

        In den letzten 16 Monaten gabe ich hunderte Aufsätze, Monografien, Bücher und Biografien von Medizinern, Physikern und Philosophen gelesen, die in diesen beiden Zeiten ausgebildet wurden. Das Urteil ist eindeutig. Seit dem WK II gibt es eine andere Bildungs- Kultur, weniger nachhaltig, wenig vorausschauend, auf kurzfristige Verwertung optimiert.

        CG Jung hat das in vielen seiner Werke, ‚Das göttliche Kind‘ sei nur beispielhaft genannt, ausgeführt.

      • Peter S. Grat sagt:

        Das ist weder Psychologie noch Küchenpsychologie, sondern empirische Beobachtung. Sie selber sind ja ein gutes Beispiel. In den 30er des letzten Jahrhunderts konnte man noch keine gescheite Narkose machen, es gab keine Breitbandantibiotika – erst Penicillin, keine Polio-, Meningokokken-, MMR oder Haemophilusimpfungen, Leukämie war ein Todesurteil, Tuberkulose und Polytrauma auch und trotzdem bezeichnen sie dies als „beste Medizin“ aller Zeiten. Ihr Selbstudium hat zudem einen gewaltigen Bias: nur im Kontext der Zeit und im Vergleich zu heutigen Medizinern, Physiker und Philosophen können Ihre Vorbilder bewertet werden. Freud’s Theorien sind abstrus und überholt aus heutiger Sicht, damals war es revolutionär.
        Aber glorifizieren Sie weiterhin die Vergangenheit.

      • Muttis Liebling sagt:

        Ich sprach von Bildungskultur, nicht von den Inhalten der Bildung, oder gar der Medizin der Zeit. Da habe ich mich allerdings falsch ausgedrückt, nicht die Medizin, sondern die gesellschaftliche Organisation der Medizin war besser. Das Bildungs- und das Gesundheitswesen in den westlichen Ländern sind im 21. Jhd. in einem schlechteren Zustand als zwischen 1870- 1933, z.T. bis 1990.

        Empirische Psychologie ist nur ein anderes Wort für Küchentischpsychologie. Empirie ist bezogen auf Mensch keine Wissenschaft, sondern Esoterik. Psychoanalyse hingegen ist eine Wissenschaft, nur bezieht die nicht auf Mensch, sondern auf Kultur, Gesellschaft. Am meisten wird sie in der Philosophie als Methode eingesetzt, der medizinische Wert ist zwar gegeben, aber eher übersichtlich.

      • Peter S. Grat sagt:

        Sehe ich umgekehrt. Es gibt keine gute Evidenz für Psychoanalyse, da sind sich selbst die Praktizierenden einig. Ich würde sie zwar nicht gerade als Esoterik bezeichnen, aber mehr als eminenzbasiert ist sie nicht.

        Empirie oder empirische Forschung ist eine anerkannte wissenschaftliche Methodik, auf der alle empirischen Wissenschaften basieren – das sind alle ausser die exakten Wissenschaften. Klar, jetzt können sie diese alle als unwissenschaftlich bezeichnen – dann stehen sie aber alleine da, insbesondere wenn für Sie umgekehrt ausgerechnet die Psychoanalyse als wissenschaftlich gilt.

        Das die Bildungskultur damals am besten war bezweifle ich stark, konnte sie doch den ganzen Antisemitismus und den menschenverachtenden Kommunismus und Faschismus nicht verhindern, im Gegenteil.

      • Aquila Chrysaetos sagt:

        „….und das Gesundheitswesen in den westlichen Ländern sind im 21. Jhd. in einem schlechteren Zustand als zwischen 1870- 1933, z.T. bis 1990.“

        Ach kommen Sie. Schon klar, dass es Ihre Rolle hier im Blog ist immer etwas verquere, vermeintlich originelle Statements abzugeben.
        Aber das Gesundheitswesen im 19. Jahrhundert als besser wie heute zu erklären ist einfach lächerlich. Wer kein Geld hatte konnte sich gar keinen Arzt leisten, Kinder starben wie die Fliegen an heute harmlosen Krankheiten, Semmelweiss hatte gerade mal die Hygiene entdeckt, die Chirurgie bestand mehr oder weniger aus Abszessspaltung und Amputationen (ohne Anästhesie) etcetc.
        Ich glaube wirklich, dass Sie den Fehler begehen aus Nostalgie den alten Zeiten nachzutrauern und den objektiven Blick verloren haben.

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