Alle lieben Babys

Unser Papablogger nutzt die Gunst der Stunde. Bevor das Kleinkind seine Niedlichkeit verliert.

Glockenhelle Stimmchen flöten von Weitem «Jööö» und Vati darf allerlei Fragen zum «kleinen Wurm» beantworten. Foto: Victoria Borodinova (Pexels)

1962 wurde in der Schweiz der Mutterschaftsurlaub eingeführt. Die Schweiz gehörte damit zu den ersten Ländern, die … haha, kleiner Scherz. Es war 2005. Und 15 Jahre später gibts einen süssen kleinen Vaterschaftsurlaub dazu. Wenn das so rasant weitergeht, verbieten wir etwa 2038 die körperliche Züchtigung von Kindern – in drei Kantonen und einem Halbkanton.

Immerhin wird die wenig kinderfreundliche Politik durch den hohen Stellenwert kompensiert, den Kinder in unserer Gesellschaft geniessen. Überall auf der Welt ist die Schweiz ein Symbol für ein Volk, das seine Kinder liebt.

Okay, okay, beim zweiten Mal ist es nicht mehr lustig. Natürlich sind wir keine Kinderfreunde. Und bevor das nun allzu sehr nach einer Abrechnung mit dem Vater- und Mutterlande klingt: Wir sind zum Glück auch keine Kinderhasser. In der Schweiz sind Kinder einfach geduldet. Es ginge ja auch schlimmer: In Deutschland ruft Frauke Krüger die Polizei oder keift durch den Hinterhof, wenn Krauses Zwillinge Sören-Torben und Leif-Malte um 20.01 Uhr noch Fussball … tschuldigung Fußball spielen.

Im schweizerischen Niederhinterstotzigen-Lieli spielen Lea-Marihuana und Liiliaa-Shanélle genauso wild, aber Hedi Zysset frisst ihren Ärger in sich rein, macht die Faust im Chuchischurz und dreht den «Donnschtig-Jass» lauter. Wut ist Privatsache.

«Das Kind redet aber laut»

Meine Theorie: Ab etwa zwei Jahren gelten Kinder im deutschen Sprachraum nicht mehr als unschuldige, selbstbestimmte Kreaturen, sondern als Produkt ihrer Eltern. Sie sind zu laut, zu leise, sagen die falschen Dinge, kauen mit offenem Mund und missachten fremdes Eigentum. Fast alle Erwachsenen haben eine Vorstellung davon, wie Kinder zu erziehen sind. Weicht ein Kind auch nur im Detail vom idealen Verhalten ab, fühlt man sich bestätigt: Die Eltern pflegen falsche Wertvorstellungen, aus dem Goof wird nichts. Und so entsteigt die Niedlichkeit dem Kindskörper wie die Seele beim Tode.

Die gute Nachricht: Alle lieben Babys – auch in der Schweiz. Schnalle ich mir Beebers vor den Wanst oder führe ihn in seiner Schiebelimousine spazieren, sehe ich nur fröhliche Gesichter. Glockenhelle Stimmchen flöten von Weitem «Jööö» und Vati darf allerlei Fragen zum «kleinen Wurm» beantworten.

Ein Baby kann man nicht verstecken

Kürzlich liess ich Beebers kurz auf dem Migros-Parkplatz stehen, um mit dem Gabelstapler zwei Paletten Windeln Grösse 2 (die mit Bisi-Indikatorstreifen) in den Kofferraum zu hieven. Als ich zurückkam, musste ich mich durch eine Traube entzückter Menschen kämpfen. Sie waren über Beebers hergefallen wie eine Horde Zombies über ein hübsch serviertes Hirn mit Peterli. Menschen können Babys riechen, Beebers war nämlich nicht zu sehen.

Haben Sie jemals eine Baby-Sitzschale in einen Einkaufswagen gestellt? Der ist voll. Ich baue über dem Baby jeweils mit zwei Fertigpizzen ein Zelt, das ich gegen die Kälte innen mit Brot isoliere. Darauf lege ich dann die restlichen Einkäufe. Durch das Kartonrohr der Haushaltspapierrolle kann ich notfalls Sichtkontakt aufnehmen. Aber ich schweife ab.

Was ich sagen will: Ich bin gerne mit dem Brecht unterwegs und habe keine Probleme, Kritik wegzustecken. Als eine ältere Person kürzlich im Bus meinte, mein Kind würde zu laut reden, lächelte ich sie milde an. Und trotzdem geniesse ich das kommende Jahr. Ich werde oft spazieren gehen und mich vom freudigen Entzücken wildfremder Menschen anstecken lassen. Ist schliesslich mein letztes Baby.

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34 Kommentare zu «Alle lieben Babys»

  • Hans Minder sagt:

    Die Bewältigung von Störungen im Umfeld wollen geübt sein. Der „Pannen-Wiederholungskurs“ schafft ein gutes Fundament für eine breit abgestellte Toleranz. Während meiner 15-jährigen Arbeitszeit in der Tschechei wurde öfter unangemeldet das Trinkwasser zwecks Rohrauswechlsung für mehrere Tage abgestellt, filmte ohne Vorwahrnung die Crew von „Hellboy“ vor meiner Haustüre, kam das Tram nicht, weil kein nüchterner Fahrer verfügbar war, wurde die Haupstrasse einen Tag lang (ohne Umleitung) gesperrt weil der Marathon stattfand, gab es im Mai nebst Kartoffeln nur Kraut und Zwiebelgemüse in der Kaufhaus-Gemüseabteilung, da alles Exotische in Hamburg sofort in die Hochlohninseln von Europa versandt wurde: bei einem schreienden Kind im Bus lächeln die Prager, sie sind sich viel Ärgeres gewöhnt

  • Carolina A sagt:

    Keine Ahnung wann ich das letzte Mal bei einem Artikel lesen laut loslachen musste!
    Herzlichen Dank, das lässt einem das Elternsein gleich nochmals lustiger erscheinen.

  • Auslandschweizerin sagt:

    Ein wunderbarer Beitrag von Herrn Tschannen, auch als altgediente Mutter von drei nunmehr großen Kindern lache ich laut und herzlich bei der Lektüre, vielen Dank, Herr Tschannen, Sie verschönern mein Leben, so einfach ist das! Und als Auslandschweizerin in Deutschland kann ich die Kritik an der schweizerischen Familienpolitik nur bestätigen.

  • Katja sagt:

    Lieber Herr Tschannen
    Wie immer köstlich geschrieben. Sie haben mir gerade die lange Bahnfahrt nach Hause versüsst.
    Tipp gegen Nachbarn, die wegen Kindern die Faust im Sack machen: zügeln Sie nach Bümpliz. Mir hat hier noch nie jemand gesagt, dass mein durchaus lebhaftes Kind zu laut wäre. Es wohnt sich sehr entspannt hier und nein, es sind nicht nur Ausländer, auch die vielen Schweizer scheinen mir entspannt…

  • Carolina sagt:

    Ich habe MTs Blog heute morgen gelesen und mich gefreut, dass mir mal wieder etwas Positives, gemischt mit typischer Tschannen-Ironie, zum Morgen-Espresso serviert wird. Naiverweise habe ich angenommen, dass ginge allen so. Ein paar Stunden später sind schon wieder die Bedenkenträger da, die Betupften, die das Gefühl haben, ihnen würde an den Karren gefahren. Bei diesem Thema?
    Meine Güte, ein neuer Vater, der auf humorvolle Weise seine Erfahrungen teilt, bei dem aus jedem Satz die Freude über und an seinen Kindern herausstrahlt, der sich aber auch die ‚Freiheit‘ nimmt, ein wenig Sand ins Getriebe zu streuen (was ja wohl auch realistisch ist) – und schon sind einige hier wieder bei Grundsätzlichem.
    Mir scheint, wir wissen gar nicht mehr, was Freude sein kann…….

  • Silvia sagt:

    „1962 wurde in der Schweiz der Mutterschaftsurlaub eingeführt“. Ja, aber er musste nicht unbedingt bezahlt werden von der Firma. Die 2 Monate konnte die Mutter frei nehmen aber (in einer grossen amerikanischen Firma hier in der Schweiz in der 80’ger Jahren) er wurde nicht bezahlt, man war der Auffassung, wie in den USA dass Kinder privatsache sind. Als endlich sicher wahr dass diese 8 Wochen auch bezahlt sein müssten, war dies schon ein grosser Erfolg. Aber heute möchte man gerne dasselbe für den Vater…

  • Feldman irene sagt:

    Hhhhhhhhhhh so koestlich …..hammer-lustiger artikel!!!

  • Netti Nati sagt:

    Alle lieben… Tschannen. Oder zumindest einige. Ich gehör definitiv dazu. Noch nie habe ich einen Online-Kommentar erfasst – bis heute. Weil ich mich jedes Mal so fest freue, wenn ein neuer Blog-Eintrag von Ihnen online ist – und ich das jetzt einfach mal loswerden wollte. Ein für alle Mal.

  • Mike sagt:

    Richtig, Eltern sind für das Verhalten ihrer Kinder verantwortlich. Oder wie würden Sie reagieren, wenn man ihr Kind anschnauzt statt sie, wenn es sich danebenbenimmt?

    Im Übrigen kann ich mich auch für fremde Babys nicht besonders erwärmen, von daher müssen Sie zumindest nicht damit rechnen, dass Sie von mir vollgequatscht und ausgefragt werden, wenn Sie Ihren Nachwuchs beim Einkaufen dabeihaben.

    • Klar, Eltern sind grundsätzlich für ihre Kinder verantwortlich, aber darum geht es ja gar nicht. Das ist nämlich auch in Ländern so, wo man Kinder aller Altersstufen vergöttert.

      Dass man als Eltern das Verhalten seiner Kinder jederzeit kontrollieren kann, ist aber doch eher eine Märchengeschichte.

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        @ Mike

        Dann möchte ich Sie sehen, wie Sie ein Baby oder Kleinkind daran hindern wollen zu schreien. Und anschnauzen hätten Sie meine Kinder nie müssen.

        Ich glaube, ich muss meinen Kommentar korrigieren: Griesgrame scheint es doch mehr zu geben als gedacht.

  • Tamar von Siebenthal sagt:

    Aufgrund des Titels habe ich mich auf einen fröhlichen Beitrag gefreut. Stattdessen kommt zuerst wieder einmal die obligate Tirade über die schweizerische Kinderfeindlichkeit.

    Wo wohnen Sie denn Herr Tschannen, daas Ihnen die Mehrheit der Menschen derart negativ begegnen, kaum sind Ihre Kinder Konfektionsgrösse 68 entwachsen?

    Ich hatte bei meinen Kindern auch einige negative Erfahrungen, bei denen ich Leuten raten musste, auf den friedlichen Friedhof zu ziehen, aber die positiven Erfahrungen überwiegen doch, oder nicht?

    Ist in etwa dasselbe wie mit rücksichtslosen Velofahrer: nur weil ich alle zwei Jahre einem Rüpel begegne, sind Velofahrer doch nicht pauschal rücksichtslose A….

    • Aber nun bleiben Sie doch auch nicht zwanghaft beim allenfalls kritischen Teil eines Beitrags hängen.

      Ich schrieb explizit, dass wir in der Schweiz keine Kinderhasser sind. Ich mache durchau selten negative Erfahrungen. Es herrscht eher eine (im Unterton manchmal wohlwollende, manchmal genervte) Gleichgültigkeit. Mir persönlich ist das recht, ich bin auch eher der nordisch kühle, emotionslose Typ und froh, wenn man mich in Ruhe lässt. Vielleicht habe ich es gerade deshalb nötig, ab und zu dank Baby zu Sozialkontakten zu kommen.

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        Der Titel heisst: alle lieben Babys. Danach handelt der gefühlte halbe Beitrag von der kinderunfreundlichen Schweiz. Schade

      • Warum erfreuen Sie sich denn nicht an der positiven Hälfte de Beitrags? Das kommt mir jetzt auch etwas griesgrämig rüber.

      • Tamar von Siebenthal sagt:

        Warum können Sie nicht einfach positiv schreiben? Das kommt mir jetzt auch etwas griesgrämig rüber

      • Hab ich doch. Ich versteh nur grad nicht, warum Sie den kritischen Teil des Textes (der jetzt auch nicht einfach nur negativ war) rauspicken und sich drüber ärgern. Aber wir können uns ja vielleicht drauf einigen, dass wir uns heute beide griesgrämig vorkommen.

  • Maike sagt:

    Lieber Herr Tschannen,
    ich würde doch zugerne mal wissen, wie Sie zu der Auffassung kommen, das Kinder in der Schweiz besser aufwachsen als in Deutschland !
    Und was haben Sie gegen die Namen Sören-Torben oder Leif-Malte. Ich finde, jemand der seine Kinder Brecht und Beebers nennt, sollte da den Ball mal ziemlich flach halten.

    • Liebe Maike, da unterstellen Sie mir aber einen ganzen Haufen. Ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass Kinder in der Schweiz besser aufwachsen als in Deutschland. Und gegen die Namen Sören-Torben oder Leif-Malte habe ich gar nichts.

  • Esther sagt:

    Darum seien auch Kätzchen und eigentlich alle Jungtiere so herzig : damit man mit ihnen erbarmen hat und sie behaltet. Es gibt ja nichts aber gar nichts niedlichere als ein junges kätzchen. Und …. das Bébé von Markus ! Ja eben, man möchte es halt sehen !

  • Roxy sagt:

    Gute Texte ernten oft wenig Kommentare.

    Gut beobachtet Herr Tsch.

  • Lina Peeterbach sagt:

    Geniessen Sie es, Herr Tschannen! Bin ein wenig neidisch… 😉
    Was Sie aber vergessen haben zu erwähnen: sobald das Baby sich erdreistet einmal eine 10-minütige Bussfahrt zu Feierabendzeit durchzuweinen, oder an einem öffentlichen Ort eine Mahlzeit einnehmen möchte, schwellen die Fäuste in den Hosensäcken bereits gefährlich an. Zum Glück bleiben sie aber meist dort, und man kann sie einfach ignorieren 🙂

    • Wahrscheinlich die Fäuste derer, die selber keine Kinder haben. Ich könnte mich stundenlang an weinenden Babys im Bus erfreuen. Insbesondere daran, dass für einmal nicht meins weint.

  • Rabenmutter sagt:

    Lieber Herr Tschannen, sie schreiben einfach sensationell gut und witzig. Als Mutter einer einjährigen warte ich bereits darauf, dass „die Niedlichkeit dem Kindskörper entsteigt, wie die Seele beim Tode“. Momentan geniesse ich aber noch die Aufmerksamkeit der (meist älteren) Frauen und auch Männer denen das kleine, putzige Kind noch den Tag versüsst – win-win also.:-)

    • Mama of 2 sagt:

      Kennt ihr das? Mir tut es immer etwas weh, wenn wildfremde Leute beim Anblick des Babys in Entzückensgeheul ausbrechen, den 2jährigen direkt daneben aber geflissentlich ignorieren. Da lass ich die Omas dann meistens auch einfach kommentarlos stehen und schenke dem Grossen eine Extraportion Aufmerksamkeit.

    • Vielen Dank für den riesigen Blumenstrauss, Rabenmutter. Ja, geniessen Sie es. Als der Brecht noch klein war, dachte ich, dieses Entzücken wildfremder Menschen würde die ganze Kindheit anhalten. So mit zwei Jahren hört es aber tatsächlich auf. Mit einer niedlichen Frisur können Sie es eventuell noch etwas rauszögern. Obwohl ganz vollständig verschwindet es zum Glück auch nicht: Es gibt immer mal wieder ältere Menschen, die sich auch an einem etwas grösseren Kind erfreuen.

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