«Ein Kind ist doch kein Accessoire!» 

Warum unsere Autorin ihr Baby mit auf die Bühne nahm – und was sie dabei über Erziehung lernte.

Geht doch! Unsere Autorin samt Tochter an der Podiumsdiskussion zum  «Mythos Vereinbarkeit». Foto: Johanna Hullar

Kürzlich durfte ich an einer Podiumsdiskussion zum Thema «Mythos Vereinbarkeit», organisiert von der Frauenzeitschrift «annabelle», die Begrüssung des Abends übernehmen. Als ich die Rede schrieb, mein Baby schlafend neben mir, schien mir alles ein wenig theoretisch, ein wenig am Leben vorbei und mir war schnell klar: eigentlich müsste ich meine Tochter mitnehmen. Mit auf die Bühne. Wenn schon über Vereinbarkeit gesprochen wird, müsste ich doch auch zeigen, dass es eben doch geht – dass man Erwerbstätigkeit und Muttersein unter einen Hut bringen kann.

Wäre das nicht ein wichtiges Statement für uns erwerbstätige Mütter? Aber darf man sein Kind, selbst wenn das Statement noch so wichtig ist, für so etwas instrumentalisieren? Nun beginnt ein solcher Anlass ja meistens, wenn man das Baby langsam ins Bett bringen sollte. Der Tagesablauf meiner Tochter wäre also gestört, die vielen Leute, vielleicht sogar Scheinwerfer, meine Nervosität, alles eine Zumutung für ein acht Monate altes Lebewesen, oder?

Mein Impuls, meine Zweifel

Als ich in der Redaktion über meine Idee sprach, traf ich auf sehr viel Zuspruch, aber auch auf ein wenig Kritik. Manche hatten Angst, dass das Baby die Rede ruinieren könnte, falls es schreien würde. Davor hatte ich keine Angst, aber ich hatte Angst, verurteilt zu werden. «Das arme Kind ist doch kein Accessoire!», «Ist es nicht zu laut?», «Muss es nicht schlafen?», «Und du trägst Absätze, wenn du dein Kind auf dem Arm hast?», waren Reaktionen, die ich von Menschen in meinem Umfeld zu hören bekam. Nichtsdestotrotz überwog der Zuspruch. Und mein Gefühl sagte mir: doch, unser Baby liebt Menschen, ist neugierig, unkompliziert und ausgeglichen. Und ausserdem wäre es ja an Mamis Brust im Tragetuch eingepackt und die Rede würde gerade mal drei Minuten dauern. Papa wäre dabei und würde sie nach dem Auftritt direkt zurück nach Hause bringen. Alles perfekt organisiert.

Aber merken Sie, wie ich mich verteidige?

Ich persönlich spürte, dass ich meiner Tochter so etwas zumuten kann. Aber ich bin in eine Mühle der Unsicherheiten geraten. Wenn es um Kinder geht, wird alles plötzlich unglaublich kompliziert, man muss alles hundertfach überdenken, es gilt als verantwortungslos, einem Impuls zu folgen. Ich wusste, dass unsere Welt nicht untergeht, wenn ein klein wenig improvisiert wird, wenn das Baby mal eine Stunde später ins Bett geht. Mein Mann sah das zum Glück auch so und unterstützte mich in Entscheidung und Umsetzung.

Mehr Support und weniger Schiedsgericht, bitte!

Diese Rede war eigentlich kein grosses Ding, aber plötzlich zeigte sich wieder, wie heilig die Welt rund ums Baby ist. Wie ängstlich, unspontan und spassbefreit. («Was, ihr fliegt nach Übersee mit einem drei Monate alten Säugling?», «Was, dein Kind darf Zucker essen?», «Was, dein Sohn darf schon in einen Club?») Ich möchte so nicht leben. Ich möchte meine Tochter später so erziehen, dass sie Lust am Leben hat, dass sie flexibel ist und Freude an der Spontaneität hat, dass sie ein Leben lebt, das nicht von A bis Z durchgeplant ist. Dass sie sich nicht ständig fragt, was die anderen wohl denken könnten. Und keine Angst hat, auch einmal anzuecken. Im Gegenteil: Ich werde sie sogar dazu ermutigen.

Ich wollte an diesem Abend ein kleines Zeichen für erwerbstätige Mütter setzen. Ja, es ist ein äusseres Zeichen, aber es hatte eine Kraft, für die mir viele Frauen und Mütter im Publikum später ihren Dank aussprachen. So eine Aktion gebe ihr Mut, ihr Kind vielleicht sogar mal in eine Sitzung mitzunehmen, erzählte mir etwa eine Besucherin. Da habe ich echten Support von Frau zu Frau gespürt, der mich gerührt hat. Ich wünsche mir mehr davon. Und weniger Schiedsgericht.

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